Schweiz, 13. Oktober 1918. Mitten im Weltkrieg stimmt das Volk, nach Tessiner Vorbild, dem Proporzsystem für die Nationalratswahlen zu. Proporz bedeutet gut organisierte Parteien. Gross ist die ländliche Unzufriedenheit mit dem Bundesrat, dessen Preisobergrenzen für landwirtschaftliche Produkte den Markt verzerren. Diese Unzufriedenheit und die Sorge vor der Revolution, deren Konturen sich im Generalstreik im November 1918 zeigen, lässt die Bauern- und Bürgerpartei entstehen, die heutige SVP.

Windisch, Amphi, 24. November 1918. Ernst Laur, seit 1898 Bauernsekretär in Brugg:

«Wir wollen zeigen, dass das aargauische Volk . . . will, dass die wirtschaftliche Notlage aller Kreise . . . durch Ausgleich an die Hand genommen werde. Das hat . . . auf dem Wege . . . der Verfassung zu geschehen . . . durch den Mehrheitswillen des souveränen Volkes.»

Brugg, 22. Dezember 1918: 700 Gründer konstituieren sich zur Bauernpartei. Am 19. Januar 1919 tagen die Vertreter von 33 Gemeindebauernvereinigungen, auch von Windisch, als Grosser Vorstand der Bezirkspartei im Hotel Füchslin Brugg.

Wahlen. Im Rechnungsbuch der Windischer Partei stehen unter dem 2. Juli Ausgaben von Fr. 2.50 für das Vertragen der Plakate für Albert Studler, Landwirtschaftslehrer aus Wettingen. Gute Investition: Studler, gewählt, bleibt bis 1949 Regierungsrat.

Die Windischer Partei – 1919 sind es 36 Mitglieder – stützt die Bezirks- und Kantonalpartei. Vom Mitgliederbeitrag von Fr. 1.50 pro Jahr geht die Hälfte an die Bezirkspartei. Der Erfolg bleibt nicht aus: Am 26. Oktober 1919 entsendet das Aargauer Volk drei Vertreter der Bauern- und Bürgerpartei in den Nationalrat, eine Abordnung, die gleich gross ist wie diejenigen der Freisinnigen, der Katholisch-Konservativen und der Sozialdemokraten.

Die Freisinnigen halten 60 Sitze, die SP und die Katholisch-Konservativen je 41 und die Bauern- und Bürgerpartei 30. Die Kantone Bern mit 16 und Zürich mit 6 Nationalräten stellen grössere Abordnungen als der Aargau. Bei den drei Aargauer BB-Nationalräten bleibt es bis 1935. Danach sackt die Partei wegen eines Angriffs von rechts auf zwei ab und holt den dritten Sitz erst 1987 zurück und dabei bleibt es bis 1999.

Die Partei stösst im ersten halben Jahrhundert in der eigenen Gemeinde an Grenzen. Grossratswahl 1933: Auf der vollen Grossratsliste figuriert kein Windischer. Im Bezirk erzielt die BB 8 Sitze (6 SP und 3 FDP). In Windisch sind die Kräfteverhältnisse vollkommen anders: 390 SP-Listen, 184 FDP, 60 BB, 58 KK und 8 Kommunisten.

Im gleichen Jahr spricht Bundesrat Rudolf Minger im Amphi für Wehrhaftigkeit angesichts totalitärer Bedrohungen in der Epoche von Hitler und Mussolini. Die Demokraten rücken zusammen: 1943 wird der Zürcher Stadtpräsident Ernst Nobs, ein Generalstreikveteran, als erster Sozialdemokrat in den Bundesrat gewählt, sodass dort nun genau dieselben Parteien vertreten sind, welche ihn — nach vielen Turbulenzen — heute wieder ausmachen.

In Windisch dauert der Weg zur Konkordanz: 1959 wird mit Paul Keller, Werkführer von Königsfelden, der erste Vertreter der Partei, jetzt BGB, zum Gemeinderat gewählt. Der kommunale Erfolg strahlt aus: 1965 wird mit Hans Rauber, Fahrgut, der erste Windischer Bezirksparteipräsident. Aufbruchstimmung: Die HTL entsteht, Unterpfand der späteren Fachhochschule, das Altersheim, das erste Lehrschwimmbecken im Aargau. Paul Keller bleibt Gemeinderat bis 1977. Die SVP verliert dann ihren Sitz an die FDP, gewinnt ihn 1981 mit Heinz Mattenberger zurück und ist seither ununterbrochen in der kommunalen Exekutive vertreten, heute mit der Gemeindepräsidentin Heidi Ammon.

Windisch ist 1973 zum Einwohnerrat übergegangen, mit 2 SVP-Vertretern von 40 (2019: 7). Lindhofbauer Hans Geiser wird vom Volk 1977 als erster Windischer SVPler in den Grossen Rat gewählt. Geiser und andere sind dem Schreibenden als Integrationsfiguren in Erinnerung, wie es sie auch heute gibt. Aber Geschichte der Lebenden zu schreiben ist nicht die Aufgabe des Historikers, wohl aber Geschichte für die Lebenden.

Die SVP Windisch ist über ein Jahrhundert hinweg sich selber treu geblieben. Als Partei, deren innerster Wert die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft ist und ausserdem, was 1985 im Flugblatt zu den Windischer Einwohnerratswahlen so formuliert ist:

«Im Mittelpunkt unserer Politik steht der freie und für sich selber verantwortliche Mensch.»