Brugg
Acht Stunden marschieren ohne Essen: Schüler begeben sich zu Fuss auf die Flucht

Ein Oberstufenlehrer aus Brugg startete mit seiner Klasse ein spezielles Projekt. Die Schüler erfuhren die Strapazen einer Flucht am eigenen Leib: acht Stunden, 25 Kilometer, ohne Pausen und ohne Nahrung.

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Sichtlich erschöpft, aber trotz aller Strapazen stolz auf ihre Leistung (v.l.): Etienne,Rodolfo, Alessio, Raphael, Saverio, Myriam, Maikel, Sanja, Patricia, Fabio und Léon.ZVG

Sichtlich erschöpft, aber trotz aller Strapazen stolz auf ihre Leistung (v.l.): Etienne,Rodolfo, Alessio, Raphael, Saverio, Myriam, Maikel, Sanja, Patricia, Fabio und Léon.ZVG

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Die Schule soll uns auf das Leben als Erwachsene vorbereiten. Ein Oberstufenlehrer aus Brugg initiierte dazu – passend zum aktuellen Geschehen – ein spezielles Projekt. Die Klasse 1b der Realschule Langmatt «flüchtete» nämlich zu Fuss: acht Stunden lang, ohne Pause, ohne Essen.

Die Idee dazu hatte Klassenlehrer David Höchle bei den Vorbereitungen zum Thema Migration. In seinem Unterricht behandelt er den Nahen Osten. «Ein Schwerpunkt liegt bei den sogenannten UMAs, den unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden», so Höchle. Vom Alter her könnten seine Schülerinnen und Schüler ebenfalls UMAs sein. Dieser Umstand diente dem Projekt als Basis.

25 Kilometer zurückgelegt

Die Aktion war gut überlegt. «Bei den Eltern wurde vorgängig das Einverständnis eingeholt. Drei Jugendliche durften nicht antreten. Eine weitere Lehrperson begleitete den Marsch, zudem war ein Abholdienst auf Pikett», erklärt David Höchle. Denn die Ungewissheit, ob alle durchhalten würden, war natürlich vorhanden.

Elf Schülerinnen und Schüler traten zum Marsch an. Früh morgens startete die Gruppe ihre «Flucht». Die Route führte sie von Brugg der Aare entlang zum Klingnauer Stausee und von dort via Schloss Böttstein zurück zum Ausgangspunkt. Insgesamt legten die tapferen Mädchen und Jungen rund 25 Kilometer zurück. «Oft marschierten wir bei Gegenwind und minus vier Grad Celsius. Der Himmel war stetig bedeckt und als Proviant diente ausschliesslich mitgeführtes Trinkwasser», beschreibt Pädagoge Höchle die Bedingungen.

Wesentliches Ziel war es, eine menschenunwürdige Situation – zumindest bruchteilhaft – physisch sowie psychisch erlebbar zu machen. So klagten die Jugendlichen während des nicht ganz alltäglichen Ausfluges über Hunger, körperliche Schmerzen und Müdigkeit. Bei einigen kullerten auch Tränen oder entbrannte Wut, etwa über das Gefühl, das Ziel womöglich doch nicht zu erreichen. Diese Angst blieb unbegründet.

Gruppenzusammenhalt gestärkt

Vieles, was für UMAs Realität ist, konnte durch die Simulation nicht erlebt werden. Beispielsweise von der Familie getrennt zu werden, desorientiert zu sein oder in einer fremden Kultur Verachtung zu erfahren.

Auf die Frage nach dem Lerneffekt führt David Höchle aus: «Fast alle Jugendlichen sagten rückblickend, dass sie sich über die eigene glückliche Lebenssituation neu – oder gar erstmalig – bewusst wurden.» Zudem stärkte das Projekt den Gruppenzusammenhalt und den Durchhaltewillen aller Beteiligten spürbar.

Und die Klasse 1b vertieft das aktuelle Thema weiter. Als Nächstes steht das Buch «Im Meer schwimmen Krokodile» vom italienischen Autor Fabian Geda auf dem Plan. (az)

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