Brugg

«Als sei nie etwas gewesen» – Leiterin Saba Krezdorn über Sommerferien in der Jugendherberge

Saba Krezdorn – hier im gemütlichen Esszimmer im Erdgeschoss – führt die Jugendherberge im Schlössli Altenburg mit viel Herzblut.

Saba Krezdorn – hier im gemütlichen Esszimmer im Erdgeschoss – führt die Jugendherberge im Schlössli Altenburg mit viel Herzblut.

Saba Krezdorn ist die Leiterin der Jugendherberge Brugg. Damit ist sie Unterhalterin, Köchin und Velomechanikerin – und erlebt eine spezielle Saison.

Vor dem Eingang ist eine Gruppe bereit zum Aufbruch. Ausgestattet mit leuchtend roter und blauer Sportkleidung und Helmen, schwingen sich Gross und Klein auf die Velosättel. «Los gehts», sagt der Jüngste. Durch das offene Küchenfenster ist das Klappern des Geschirrs zu hören. Es ist nach 9 Uhr, kurz nach dem Morgenessen in der Jugendherberge Brugg. Leiterin Saba Krezdorn wünscht den Gästen fröhlich eine gute Reise, wischt mit einem Lappen – und viel Schwung – die Tische ab und eilt kurz darauf an die Rezeption.

Die aufgestellte, unkomplizierte bald 41-Jährige mit den kurzen, blonden Haaren und den hellwachen Augen sprüht vor Energie, hat ein strahlendes Lachen im Gesicht. Ihr Sprechtempo ist hoch, die Sätze sind klar. Für das Gespräch setzt sie sich an den massiven Tisch im gemütlichen Esszimmer im Erdgeschoss. Heimeliges Holz dominiert, in der Ecke steht der markante, grüne Kachelofen. «Der Betrieb läuft rund, die Stimmung ist gut», stellt die Leiterin zufrieden fest. Sie führt die Jugendherberge Brugg im altehrwürdigen Schlössli Altenburg in ihrer mittlerweile 14. Saison. Die diesjährige, die ganz im Zeichen der Coronapandemie steht, ist auch für sie eine spezielle.

Kurz nach dem Saisonstart kam der Lockdown

Frisch und munter, blickt Saba Krezdorn zurück, hätten sie sich vorbereitet auf den Saisonauftakt im März. Kurz nach der Eröffnung allerdings kam der Lockdown. Ein herber Dämpfer. Es herrschte grosse Verunsicherung, Schulreisen und Klassenlager wurden abgesagt. Der Betrieb konnte zwar – anders als etwa in Restaurants – aufrechterhalten werden, das Haus blieb aber fast leer. «Das war nicht einfach», gibt die Leiterin zu. «Das Leben hat gefehlt.» Immerhin hätten dann und wann einzelne Gäste angeklopft, die einen Tapetenwechsel brauchten, weil ihnen zu Hause fast die Decke auf den Kopf fiel. Das dreiköpfige Jugendherberge-Team nutzte die ruhige Zeit, den grosszügigen Umschwung zu pflegen oder auch einmal kleinere Reparaturarbeiten auszuführen, die sonst eher zu kurz kommen.

Seit Auffahrt und Pfingsten habe das Interesse spürbar angezogen, sagt Saba Krezdorn. «Das macht es auch für uns angenehm.» Die Buchungen nahmen zu, die Zimmer sind wieder besetzt. Viele Leute seien – trotz gelegentlicher Skepsis – froh und dankbar, dass die Jugendherberge überhaupt geöffnet habe. Gerade jetzt während der Sommerferien habe man manchmal beinahe das Gefühl, es sei wie immer, es sei nie etwas gewesen. «Die Kinder spielen im Garten, die Erwachsenen sitzen an den Tischen beisammen.»

Trotzdem habe die Coronakrise aber selbstverständlich nach wie vor Auswirkungen auf den Betrieb, sei der Aufwand grösser, gibt die Leiterin zu bedenken. «Es braucht mehr Erklärungen und Kontrollen.» Geachtet werde strikte darauf, dass die Abstandsregeln und das Sicherheitskonzept eingehalten werden. In den Zimmern für 10 oder 13 Personen bleiben einige Betten frei, beim Morgenessen werden nicht alle Tische gedeckt. Was am Buffet sonst offen zu haben ist, wird neu in Portionen abgepackt, Konfitüre und Joghurt sind in kleine Gläser abgefüllt. Statt 49 Gäste, halten sich lediglich zwischen 30 bis 40 im Haus auf. Einige seien sehr empfindlich, tragen einen Mundschutz, andere seien sehr locker, müssten dann und wann auf die Einschränkungen hingewiesen werden, sagt Saba Krezdorn. «Es ist sehr unterschiedlich. Wir müssen mehr kommunizieren.»

Einige Eltern kehren mit ihren eigenen Kindern zurück

Der weitaus grösste Teil der Gäste stammt übrigens aus dem Inland. Eher zugenommen hätten im Vergleich zu vergangenen Jahren die Buchungen aus der Westschweiz, es sei vermehrt Französisch zu hören, so die Leiterin. Viele bleiben für eine Nacht, sind auf einer Velotour oder einer Wanderung. Der Jura-Höhenweg, der bei Brugg vorbeiführe, habe an Popularität gewonnen. Gerade unter den Wanderern, fügt Saba Krezdorn an, könne es untypische Gäste haben. Solche, die diese Übernachtungsmöglichkeit ganz neu für sich entdecken, die ein veraltetes Bild im Kopf hätten von einer Jugendherberge und dann positiv überrascht seien vom modernen Betrieb. Oft, weiss die Leiterin, tauchen die gleichen Fragen auf: zu Altersbegrenzung, Schlafsäcken oder Nachtruhe. «Bei uns ist jeder herzlich willkommen, vom Kleinkind bis zum Grossvater. Bettwäsche wird zur Verfügung gestellt und am Abend besteht für die Gäste jederzeit Zutritt zum Haus», lauten die Antworten.

Daneben gebe es auch Stamm­gäste, viele Familien, die zwei, drei Nächte bleiben, die Region erkunden mit dem Wasserschloss, dem nahen Schloss Habsburg oder dem Amphitheater in Windisch mit dem Legionärspfad. Es gebe Eltern, die selber schon als Kinder in Brugg übernachtet hätten und jetzt mit ihrem eigenen Nachwuchs zurückkehren.

Die Jugendherberge Brugg liegt mitten in einer geschichtsträchtigen Umgebung, in der Stadt zwar, aber trotzdem idyllisch in der Natur nahe der Aare. Das historische Gebäude mit den dicken Mauern und den vielen Nischen versprühe einen ganz speziellen Charme, sagt die Leiterin. «Und die Möglichkeit, einmal in einem richtigen Schlössli übernachten zu können, bietet sich nicht überall.» Als sie 2007 die Möglichkeit erhielt, den Betrieb zu übernehmen, zögerte Saba Krezdorn nicht lange und sagte nach einem Augenschein zu.

Gross geworden ist sie in einer Jugendherberge

Das Leben in der Jugendherberge kennt sie von klein auf, ihre Eltern führten mit Leib und Seele viele Jahre lang diejenige in Zug. «Ich bin ein Jugi-Kind», stellt sie fest. «Der Kontakt zu den Gästen machte mir schon immer Spass.» Nach ihrer Ausbildung als Hotelfachassistentin sammelte sie Berufserfahrung in verschiedenen Betrieben, kam im ganzen Land herum. «Das war lässig.»

Saba Krezdorns Begeisterung wirkt ansteckend. «Mir gefällt die Abwechslung, jeder Tag ist anders und bringt neue Herausforderungen.» Nur im Büro zu sitzen, führt sie aus, wäre nichts für sie. Sie sei einmal Unterhalterin, einmal Köchin, einmal Velomechanikerin – und immer wieder Ansprechperson. Eine eindrückliche Begegnung, erzählt sie, habe sich einmal ergeben mit einer Besucherin, die nicht einschlafen konnte, ihren Mann im Zimmer aber nicht wecken wollte. Saba Krezdorn offerierte ihr – trotz später Stunde – einen Tee. «Die Frau hat das Gespräch mit mir, einer fremden Person gesucht, hatte Vertrauen in mich. Das ist doch ein schönes Zeichen.»

Zur Stelle ist Saba Krezdorn, die während der Saison im Haus selber wohnt, auch dann, wenn Gäste zu früh eintreffen, vor der Türe warten und einchecken möchten. Es könnten lange Arbeitstage sein, räumt sie an. Ihre Motivation seien die positiven Rückmeldungen von Besuchern, die ihren Aufenthalt geniessen. «Das ist die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind. So macht die Arbeit doppelt Freude.»

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Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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