Seit der Freistellung von acht Mitarbeitenden am 23. Februar im Haus Eigenamt in Lupfig gehen die Wogen hoch. Tobias Kull, Präsident des Altersheimvereins Eigenamt, ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. Nach der Magen-Darm-Epidemie im Haus Eigenamt ist Kull zuversichtlich, dass das Altersheim für Besucher demnächst wieder geöffnet werden kann, weil keine neuen Krankheitsfälle dazugekommen sind. Der Präsident und Gemeinderat von Birr empfängt die Besucherin, die über zwei Wochen auf diesen Termin warten musste, im Gemeindehaus. Er holt Wasser und gibt geduldig Auskunft.

Herr Kull, wie haben Sie die letzten drei Wochen erlebt?

Tobias Kull: Das war eine intensive Zeit und ich staune, wie sich die breite Öffentlichkeit zutraut, ein genaues Bild von der Situation im Haus Eigenamt zu machen – ohne die Details zu kennen. Der Vorstand war immer dialogbereit.

Vor zwei Tagen ist Ihnen auch noch Ihre Partei – die SVP – in einem Leserbrief in den Rücken gefallen.

Aus der SVP Ortspartei Birr bin ich letzten Sommer ausgetreten, weil ich hintergangen wurde. Ich bin Mitglied der Bezirkspartei und stehe zum Gedankengut der SVP. Mir geht es um die Sache – ich bin eine besonnene Persönlichkeit.

Acht Entlassungen im Altersheim Eigenamt: Eine Mitarbeiterin erzählt.

Acht Entlassungen im Altersheim Eigenamt: Eine Mitarbeiterin erzählt.

Diese Woche hat der Altersheim-Vorstand zu den zahlreichen Vorwürfen Stellung genommen. Es entsteht der Eindruck, dass nur andere Fehler machten und sich der Vorstand nichts zuschulden kommen liess. Ist es wirklich so einfach?

Nein, so einfach ist es nicht. Sie müssen wissen, dass wir für die vier Trägergemeinden Birr, Birrhard, Lupfig und Scherz einen ausführlichen Bericht verfasst haben. Darin habe ich geschrieben, dass ich – rückblickend – früher und deutlicher die Finger auf die wunden Punkte legen würde, was ich hier nochmals unterstreichen möchte. Wir vom Vorstand stossen auch an Grenzen und es ist nicht so einfach von aussen zu erkennen, was wirklich abgelaufen ist.

Wie meinen Sie das?

Über längere Zeit konnten wir uns auf unsere Ansprechpersonen sowie die Geschäftsleitung und externen Berater gleichermassen verlassen. Im letzten Sommer begann sich das zu ändern. Uns war schon klar, dass nicht immer alles reibungslos abläuft. Plötzlich ging es so weit, dass Einzelne von uns verlangten, anderen den Vertrag zu kündigen. Für Aussenstehende ist es extrem schwierig zu begreifen, wer recht hat.

Was haben Sie getan?

Wir haben versucht, die Angestellten zu begleiten und zu motivieren, aber auch Einfluss zu nehmen. Als wir unsere Aufgaben im Vorstand übernahmen, war nicht alles optimal aufgegleist. Bei einem über 20-jährigen Verein gibt es immer Verbesserungspotenzial.

Heisst das auch, dass man als Milizpolitiker hier an Grenzen stösst?

Das ist absolut so. Ich bin gerne Präsident des Altersheimvereins und versuche, das Beste daraus zu machen. Es war mir von Anfang an klar, dass dies keine einfache Aufgabe ist. Ich bin aber eindeutig der Ansicht, dass wir unsere Strukturen unbedingt professionalisieren müssen.

Braucht es eine Aktiengesellschaft?

Ja, eine gemeinnützige AG würde ich auf jeden Fall unterstützen. Die Trägergemeinden sollten entsprechend in der Verantwortung stehen. Und es wäre gut, die Bevölkerung in einem Gönnerverein einzubinden. Eine Entwicklung in diese Richtung ist angedacht. Doch die Prioritäten liegen momentan bei anderen Themen.

Zurück zu den Freistellungen: Für Aussenstehende macht es den Eindruck, dass Angestellte, die sich wehrten, nun entlassen wurden.

Wir haben immer wieder Sitzungen gehabt, in denen verschiedenste Themen zur Sprache kamen. So war es auch während des Umbaus des Altersheims im Jahr 2013. Das waren nicht immer bequeme Sitzungen. Ich habe nie ein Gespräch verweigert.

Altersheim-Streit in Lupfig: Darum hatte Fredi Bärtschi hat genug vom Vorstand (Tele-M1-Bericht vom März 2015).

Altersheim-Streit in Lupfig: Darum hat Fredi Bärtschi hat genug vom Vorstand.

Vonseiten Vorstand wurde den Entlassenen vorgeworfen, dass sie sich im Vorfeld direkt an die Trägergemeinden wandten. Wohin hätten sie sich denn sonst wenden sollen?

Das ist eine Frage, die häufig gestellt wird. Wir sind ein privater Verein. Mit anderen Worten: Die Trägergemeinden haben keine Sonderfunktion, sondern sind wie alle anderen auch einfach nur Mitglieder. Natürlich spielten die Gemeinden damals bei der Finanzierung eine grosse Rolle. Die Angestellten hätten sich an die Geschäftsleitung wenden können, damit die Themen mit dem Vorstand besprochen werden.

Warum kam es zu diesem Eklat?

Einige Angestellte haben sich nicht an die Vorgaben gehalten. Es gab schon im letzten Jahr Informationsveranstaltungen. Im Februar wurde mir ein Ultimatum gestellt, dass ich innerhalb eines Tages reagieren soll, sonst würde das Ganze eskalieren. Ich war an einem externen Workshop und hatte keine Chance, zu handeln. Danach schickten die Angestellten einen zweiten Brief an die Trägergemeinden.

Welche Rolle spielte der Umbau?

Das ist ein gutes Thema. Der Umbau wurde mit dem Ziel realisiert, die Lebensqualität der Bewohner im Haus Eigenamt zu steigern. Das muss sauber von anfallenden Reparaturarbeiten getrennt werden, wie sie bei jeder 20-jährigen Liegenschaft anfallen können.

Die Erweiterung kostete
2 Mio. Franken und wurde im Sommer 2013 eingeweiht. Sind nun alle Bauarbeiten abgeschlossen?

Ausserhalb dieses Kredits wurden noch Renovationsarbeiten – beispielsweise am Dach – nötig, was entsprechende Kosten verursachte. Gespräche mit dem Personal in Sachen Baumängel wurden teilweise sehr emotional geführt. Wir müssen noch kleine Bauarbeiten nachholen und stehen in Kontakt mit dem Architekten Fritz Gläser.

Die Entlassenen werden die Kündigung vor Gericht anfechten.

Ja, das ist ihr Recht. Wir haben uns am Reglement zum Wohl des Vereins und des Hauses Eigenamt orientiert.

Es wird gemunkelt, dass sich Ihre Vorstandskollegin Irene Ulmann im Haus Eigenamt eingenistet hat und darauf spekuliert, die Heimleitung zu übernehmen.

Das ist ganz klar nicht die Absicht von Frau Ulmann. Ich bin dankbar, dass sie als Vorstandsdelegierte im Haus Eigenamt mithilft, die Betriebssicherheit herzustellen. In dieser Übergangszeit ist das nötig. Der interimistische Geschäftsführer ist zu 50 bis 60 Prozent angestellt.

Was verdient Frau Ulmann?

Sie macht das unentgeltlich und nimmt sich Zeit dafür. Ihr steht das ganz normale Vorstandshonorar in der Höhe von 1200 Franken pro Jahr zu. Und nichts mehr – so ist es vereinbart.

Die Freistellungen verursachen hohe Kosten. Von einem Betrag von 250 000 Franken wird gesprochen. Wer kommt dafür auf?

Die Kündigungen und diese Umstrukturierung sind der Beginn einer Professionalisierung, die im Moment Mehrkosten verursachen und vom Betrieb getragen werden müssen. Die Umstrukturierung ist aber auch die Basis, um die Qualität steigern sowie das Dienstleistungsangebot erweitern zu können. Diese Massnahmen werden zu Mehreinnahmen führen, die ebenfalls dem Betrieb zufallen werden.

Was wird sich bis in einem Jahr im Haus Eigenamt verändert haben?

Dank dem Aufbau professioneller Strukturen werden wir eine gute Basis haben, um unserem Leitbild als «Kompetenzzentrum fürs Alter» gerecht zu werden. Wir sind auch zuversichtlich, dass wir einen neuen Geschäftsführer angestellt haben werden.

Werden Sie noch Präsident des Altersheimvereins sein?

Ich nehme meine Funktion bis auf weiteres wahr und setze mich für die im Jahr 2012 von der Generalversammlung bestätigte Strategie ein. An der nächsten Generalversammlung des Altersheimvereins Eigenamt wird es sich zeigen, wie es konkret weitergeht.