Eigentlich will der 17-jährige Andreas (Name geändert) an einem Juni-Abend am Argovia-Fäscht 2013 nur kurz auf die Toilette. Doch als der junge Aargauer zurück in Richtung Bühne will, wird er von zwei Sanitätern angesprochen. Wenig später lässt er im Sanitätszelt, betrieben vom Rettungsdienst Intermedic, einen Atemalkoholtest über sich ergehen. Resultat: 3,25 Promille. Es ist ein gefährlicher Wert, der auf eine Alkoholvergiftung hinweist.

Typische Symptome einer Alkoholvergiftung ab 3 Promille sind – je nach Körpergewicht, genetischer Disposition und Alkoholgewöhnung – Bewusstlosigkeit, Reflexlosigkeit, Gedächtnisverlust oder eine schwache Atmung. Ein solcher Wert kann für den Betroffenen auch schon lebensgefährlich sein. Solche Symptome weist Andreas allerdings keine auf. ««Ich hatte an diesem sehr heissen Sommertag einige alkoholische Getränke über einen längeren Zeitraum konsumiert», erzählt er. «Aber ich war noch bei Sinnen und habe genau gewusst, was ich mache.»

Als der Arzt Ingo Malm ihn ins Spital bringen lassen will, wehrt er sich dagegen. Erst als der Arzt ihm mit der Polizei droht, lässt er sich ins Kantonsspital Baden fahren. «Da ich nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt habe, hatte ich da natürlich Angst und habe dem dann zugestimmt», erzählt Andreas. Doch im Spital ergibt ein Blutalkoholtest nach nicht mal einer halben Stunde einen Wert von 1,8 Promille. Weil sich der junge Mann in einem «sehr guten Allgemeinzustand» befindet, wie es im Spitalbericht heisst, wird er entlassen. Er erwischt noch den letzten Bus Richtung Mutschellen zu seinem Wohnort. 

Damit war die Geschichte keineswegs abgeschlossen. Denn nun stellte sich die Frage: Wer muss den Spitaltransport bezahlen? Andreas weigerte sich, die Rechnung von 1022 Franken zu begleichen, die der Rettungsdienst Intermedic gestellt hatte. 

Ingo Malm war damals dessen ärztliche Leiter. Der Arzt ist im Aargau kein unbeschriebenes Blatt. Seit Mitte 2014 darf er im Kanton nicht mehr als selbstständiger Arzt praktizieren. Der Kanton hatte ihm die Bewilligung entzogen, das Bundesgericht den Entscheid nach seiner Beschwerde bestätigt. Er hatte sich diverse Verfehlungen geleistet. So hatte er Patienten ohne die nötige Bewilligung Medikamente abgegeben. Auch die vorgeschriebene Betäubungsmittelkontrolle in seiner damaligen Praxis war mangelhaft. Der Aargauische Ärzteverband schloss ihn als Mitglied aus.

Schluck Bier vor dem Test

Zurück zum Vorfall am Argovia-Fest. Das Bezirksgericht Bremgarten hiess die Klage von Malms ehemaligen Arbeitgeber Intermedic im Februar 2015 noch gut. Das Aargauer Obergericht dagegen gab dem Jugendlichen nach der Beschwerde im Oktober 2015 Recht. Er hatte behauptet, der Test sei kurz nach einem Schluck Bier gemacht worden, ohne dass ihm vorher die Mundspülung ermöglicht worden sei. Intermedic wiederum bestritt nicht, dass der Atemalkoholtest nicht korrekt durchgeführt worden ist.

Das Obergericht stellte zudem fest, Intermedic «hätte bei einem Jugendlichen, der trotz eines Messwerts von 3,25 Promille auffällig wach und klar geblieben sei, die Unrichtigkeit des ärztlichen Befunds sofort und eindeutig erkennen können, da dieser Befund dem Zustand und den Aussagen des Beklagten derart offensichtlich widersprochen habe, dass sie ihn nach Treu und Glauben nicht mehr für wahr habe halten können». Der Rettungsdienst hätte einen zweiten Atemalkoholtest verlangen müssen, um seiner Sorgfaltspflicht nachzukommen. Zumal ihm bekannt war, dass «der Atemalkoholtest erheblich vom Blutalkoholtest abweichen könne».

Aufgrund der Fehldiagnose des Arztes hätten sich dieser respektive der Rettungsdienst dahingehend geirrt, dass der Spitaltransport geboten sei, urteilte das Obergericht. Die Voraussetzungen für eine sogenannte berechtigte Geschäftsführung ohne Auftrag seien damit nicht gegeben gewesen.

Das Bundesgericht stützt nun den Entscheid des Obergerichts insofern, als dass es gar nicht erst auf die Beschwerde eingeht. Der Rettungsdienst Intermedic bleibt damit nicht nur auf seiner Rechnung sitzen. Er muss auch noch die 2000 Franken Gerichtskosten sowie die 2500 Franken Parteien-Entschädigung der Gegenseite für das Bundesgerichtsverfahren übernehmen. «Ich bin froh, dass ich mich gegen die Intermedic und Herrn Malm gewehrt habe», sagt Andreas heute. «Ich fühlte mich sehr ungerecht behandelt. Jetzt hat alles ein gutes Ende genommen.»