Brugg

An den Literaturtagen brauchen nicht alle Autoren auch ein Buch vor der Nase

Viel Abwechslung wurde am Wochenende an den 36. Brugger Literaturtagen in Salzhaus und Rathaussaal geboten.

Alle zwei Jahre finden die Brugger Literaturtage statt. Am Wochenende war es wieder so weit. Die Literaturkommission stellte ein Programm zusammen und moderierte die Lesungen von Melinda Nadj Abnji, Martin R. Dean, Robert Prosser, Matthias Nawrat, Natascha Wodin, Usama Al Shahmani, Julia von Lucadou, Carolin Callies, Anne- Marie Kenessey und Ivana Zic. Auch das Rahmenprogramm war vielseitig. Es umfasste die Kunstausstellung «Kupper, Salz und Zimmermann», das Theater «Marie und Robert» sowie eine Bootsfahrt durchs Wasserschloss.

Samstagvormittag im Rathaussaal: Kommissionsmitglied Georg Eggenschwiler stellt Martin R. Dean vor. In dessen aktuellen Roman «Warum wir zusammen sind» geht es um die grosse Aufgabe der Liebe. Dean beschreibt sein Werk als Spaziergang durch verschiedene Beziehungsmöglichkeiten. Er beobachtet mehrere Paare, schaut auf das, was sie zusammenhält, und welche Probleme ihnen im Laufe der Zeit begegnen. Er schickt voraus, dass eine Beziehung aber trotz allem kein Abbruchunternehmen sei. Die knapp 50 Zuhörerinnen und Zuhörer schmunzeln und lassen sich gelassen auf die Protagonisten seines Romans ein.

Kriselnde Beziehungen im Freundeskreis

An ihrem 20. Hochzeitstag gerät die Ehe von Irma und Marc ins Wanken. Auslöser ist ihr Sohn, der mit Irmas bester Freundin ein Verhältnis hat. Hinzu kommen Marcs finanzielle Probleme. Bei vielen Paaren in ihrem Freundeskreis kriselt es. Die einen versuchen, alles vertraglich zu regeln, die anderen tendieren zu Polyamorie. «Was hält Paare zusammen. Ist es Liebe, Gewohnheit, Konkurrenz oder gar Feindschaft?», fragt Dean und lässt den Zuhörern viel Spielraum für eigene Überlegungen.

Der Tiroler Autor Robert Prosser präsentiert auf eine ungewöhnliche Art seinen Roman «Gemma Habibi» im Salzhaus- Keller. Prosser steht auf, stellt sich ans Mikrofon und legt los. Er spricht frei. Es scheint, als habe er jedes einzelne Wort seines Romans im Kopf. Von der ersten Sekunde an ist das Publikum in seinem Bann. Er erzählt von Lorenz, der für eine Boxmeisterschaft trainiert, während in Syrien Krieg herrscht und Flüchtlinge Europa erreichen. Sein syrischer Freund Zain träumt in Wien ebenso vom Kampfesruhm. Drei Runden à drei Minuten entscheiden in diesem Kampf über Sieg oder Niederlage, schaffen aber auch Freundschaften. Im Ring kommt es nämlich nicht darauf an, woher man kommt und wohin man geht, sondern nur um den entscheidenden Schlag, der den Gegner besiegt und einen selbst zum Meister macht.

Zeichnungen von Brugg zu Zeiten des Lockdowns

Robert Prosser tritt am Ende vom Mikrofon zurück und erhält lauten, rhythmischen Applaus. Kommissionsmitglied Margrit Schaller hat bei der Ankündigung Prossers nicht zu viel versprochen. Es war eine aufrührende Präsentation. Das Publikum verlässt den Keller, an dessen Wände Zeichnungen des Künstlers Andreas Hofer hängen. Sie zeigen Brugg zu Zeiten des Lockdowns.

Während der Lesungen sitzt Performancekünstlerin Karoline Schreiber im Salzhaus-Dachstuhl und bringt die Audioübertragungen auf Endlospapier. Der Blick über ihre Schulter zeigt einen tobenden Boxkampf mit viel Tumult im Hintergrund. Unten im Salzhaus können Besucher auf der langen Papierbahn schon die vorhergehenden Lesungen bestaunen. Und vor dem Salzhaus die Werke der Künstler erwerben.

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