Corona im Alltag

Atomkraftgegnerin vor dem Ensi: «Uns geht es nicht um ein Trötzeln»

Die zweifacher Mutter Gaby Itin nimmt regelmässig an der Ensi-Mahnwache in Brugg teil.

Ensi-Mahnwache

Die zweifacher Mutter Gaby Itin nimmt regelmässig an der Ensi-Mahnwache in Brugg teil.

Weberin Gaby Itin aus Villnachern sagt, warum sie sich seit der Coronakrise vermehrt bei der Ensi-Mahnwache in Brugg engagiert.

Vor dem Sitz des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) am Bahnhof Brugg treffen sich jeweils von Montag bis Donnerstag zwischen 17 und 18 Uhr Atomkraftgegner zur Mahnwache. Sie erinnern an die Katastrophe im japanischen Fukushima und fordern die Stilllegung des Kernkraftwerks Beznau. An diesem Abend stehen Gaby Itin aus Villnachern, Erwin Troxler aus Brugg und Suat Karavus aus Windisch im Abstand von zwei Metern vor dem gerichtlichen Verbotsschild, das allen Unberechtigten jede Aktivität auf dem Grundstück verbietet.

Initiant Heini Glauser aus Windisch passte mit dem Aufkommen der Coronakrise die Rahmenbedingungen für die Mahnwache an. Als 67-Jähriger gehört er selber zur Risikogruppe und ist deshalb wie einige andere Mitstreiter nicht mehr persönlich vor Ort. Stattdessen organisiert Glauser Doodle-Umfragen, damit die Aktion auch in dieser ausserordentlichen Situation weitergeht.

Interesse am Austausch mit kritischen Leuten

Gaby Itin verkörpert mit 44 Jahren die jüngere Generation vor dem Ensi. Die Mutter von zwei Söhnen im Alter von 15 und 17 Jahren hat sich in eine gelbe «Atomkraft? Nein danke»-Fahne gehüllt,während Erwin Troxler mit heissem Wasser aus einem Thermoskrug Kaffee zubereitet.

Zu Beginn der Mahnwachen war Itin mit ihrem Mann über längere Zeit etwa einmal pro Woche dabei. Sie schätzt den Austausch mit kritischen Leuten aus unterschiedlichen Richtungen. «In unseren Gesprächen geht es nicht nur um Atomenergie, sondern auch umpolitische, gesellschaftliche oder philosophische Themen.»

Dass Gaby Itin seit der Coronakrise häufiger an der Mahnwache teilnimmt, hat mit Glausers Doodle-Umfrage zu tun, in der sich für gewisse Termine der 57-jährige Erwin Troxler als Einziger eingetragen hatte.«Ich finde den Biss, den all die Beteiligten bisher ehrenamtlich für dieses Thema gezeigt haben, sehr eindrücklich, und es wäre schade, wenn wir wegen Corona mit der Mahnwache aufhören würden. Deshalb engagiere ich mich nun öfters», sagt Itin, die seit elf Jahren mit ihrer Familie in Villnachern lebt.

«Risiko ist mindestens so gross wie bei Covid-19»

Die gelernte Handweberin versteht sich nicht als AKW-Expertin. Sie sieht das Netzwerk der Mahnwache vielmehr als wertvollen Informationspool. «Im Vergleich zu einem Unfall im AKW Beznau oder sonst wo sind die Coronaviren Peanuts», hält die zweifache Mutter fest.

«Eine Atomkatastrophe hätte eine riesige Tragweite und das Risiko für die Bevölkerung wäre mindestens so gross wie bei Covid-19.» Deshalb findet sie die Weiterführung der Mahnwache absolut berechtigt.«Uns geht es nicht um ein Trötzeln, sondern um eine ernsthafte Gefahr, die viele Leute ausblenden.» Itin wurde während ihrer bisher rund 350 Ensi-Mahnwachen auch schon einmal von Passanten verbal attackiert,was die aufgeweckte Frau aber nicht aus der Fassung bringt.

Ihre Ateliergemeinschaft ist neu in Turgi

Nach ihrer Erstausbildung an der Handelsmittelschule entdeckte Gaby Itin 2006 in einem Webkurs ihre grosse Berufung. Sie liess sich von ihrer Neugier leiten und brachte sich am Webstuhl vieles selber bei. 2018 schloss sie ihre dreijährige Ausbildung –mit Blockkursen an der Gewerbeschule im Münstertal – zur Gewebegestalterin EFZ ab.

Das Handweben hat für die 44-Jährige viel mit Kalkulation, Kreativität, einem versierten Umgang mit Materialien und Sinnlichkeit zu tun. Zu Hause produziert Itin auf drei Webstühlen unter anderem Teppiche, Yoga-Tücher, Tischläufer oder Küchentücher.

Mit ihrer Ateliergemeinschaft Vitrine ist sie im Januar dieses Jahres von Wettingen nach Turgi in die ehemalige Beiz Killer umgezogen. Wie bei der Ensi-Mahnwache spannt sie auch hier Fäden zu spannenden Menschen. Coronakrise hin oder her.

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