Region
Auch nach einem weiteren Jahr: Arbeit des KESD wirft Fragen auf

Der Gemeindeverband Soziale Dienstleistungen Region Brugg lässt seine Arbeit von einem Experten erklären. Zwischen der Gemeinde Windisch und dem KESD brodelt es noch immer.

Claudia Meier
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In den drei Obergeschossen an der Schulthess-Allee 1 in Brugg befinden sich die Büros der Sozialen Dienstleistungen.

In den drei Obergeschossen an der Schulthess-Allee 1 in Brugg befinden sich die Büros der Sozialen Dienstleistungen.

Claudia Meier

Im Fachbereich Kindes- und Erwachsenenschutzdienst (KESD), der für den ganzen Bezirk beim noch jungen Gemeindeverband Soziale Dienstleistungen Region Brugg angesiedelt ist, läuft nicht alles rund. Dies führte unter anderem im vergangenen Herbst dazu, dass die Gemeinden Windisch und Birr die KESD-Kündigung zur Abstimmung vorlegten.

Während die Stimmbürger von Birr die KESD-Kündigung an der Gmeind einstimmig guthiessen, lehnte der Einwohnerrat Windisch einen entsprechenden Antrag des Gemeinderats mit 14 zu 21 Stimmen ab. Dass die Situation nicht befriedigend ist und es nicht im gleichen Stil weitergehen kann, war allen klar. Die Mehrheit des Einwohnerrats zeigte sich bereit, noch ein Jahr zuzuwarten und dem 2016 gegründeten Verband noch eine Chance zu geben.

Wie heikel und anspruchsvoll die Arbeit des KESD ist, die im Auftrag der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) tätig wird, zeigte eine vom Gemeindeverband organisierte Informationsveranstaltung mit dem Titel «Die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure im Kindes- und Erwachsenenschutz».

Die Mitarbeitenden des Gemeindeverbands sind primär für die Beistandsmandate zuständig. Eingeladen an die Schulthess-Allee 1 in Brugg waren Gemeindeschreiber und Behördenvertreter. Als Referent stand Urs Vogel, Jurist, Sozialarbeiter und -pädagoge sowie Supervisor und Inhaber eines Beratungsunternehmens im Einsatz.

Nur so viel Hilfe, wie nötig ist

Gemeindeverbands-Präsident Reto Wettstein aus Brugg erinnerte zum Auftakt an die Besonderheit im Kanton Aargau, wonach die KESB beim Familiengericht und nicht etwa bei der Verwaltung angesiedelt ist. Wettstein wird an der Abgeordnetenversammlung Mitte Jahr das Präsidium abgeben, weil er als Stadtrat Anfang 2018 neu das Ressort Planung und Bau übernommen hat. Wer beim Verband Wettsteins Nachfolger werden soll, steht noch nicht fest.

Urs Vogel verwies zuerst auf die Grundprinzipien des Kindes- und Erwachsenenschutzes. Statt standardisierten Massnahmen ist mit der neuen Gesetzgebung Massarbeit gefordert, damit im Einzelfall nur so viel staatliche Betreuung angeordnet wird, wie wirklich nötig ist.

«Die Behörde hat die Aufgabenbereiche, die der Beistand oder die Beiständin zu besorgen hat, so zu umschreiben, dass sie nicht Geschäfte erfassen, welche die betroffene Person selbstständig besorgen kann», zitierte Vogel aus der entsprechenden Botschaft.

Beim bewährten Grundsatz der Subsidiarität werden zum einen die Familie und weitere nahe stehenden Personen, zum anderen aber auch private und öffentliche Dienste in die Pflicht genommen. Dies kann laut Urs Vogel dazu führen, dass bei Zusammenarbeitspartnern unterschiedliche Erwartungen generiert werden.

Das heisst beispielsweise: Eine Beiständin erhält vom Familiengericht einen Auftrag. Die schutzbedürftige Person möchte von ihr in der Selbstbestimmung gefördert werden. Das soziale Umfeld erwartet von der Beiständin Entlastung und Dritte gewisse weitere Handlungen.

Klare Kommunikation ist zentral

«Man will nicht, dass der Klient mit der Mandatsträgerin die Aufgaben designt», betonte Urs Vogel. Das familiäre Umfeld könne je nach Fall eine wertvolle Ressource oder ein massiver Störfaktor sein. «Wenn sich eine Person einer Betreuung widersetzt, hat der Beistand nicht mehr Möglichkeiten als beispielsweise die Angehörigen.»

Vogel erzählte von einer Person, die stinkt. Wenn der Betroffene das will und im Handlungsspielraum nicht eingeschränkt ist, so sei das sein persönlicher Entscheid, zu stinken. «Ein Berufsbeistand kann keine Wunder bewirken», stellte Vogel klar.

Zentral ist für den Experten, dass es einen Handlungsplan mit klaren Vorgaben gibt. Wenn der Beistand den allgemeinen Auftrag hat, für einen Klienten stets für eine geeignete Wohnform zu sorgen, ergebe sich daraus viel Interpretationsspielraum. Gemeinsame Evaluation von komplexen Fällen sei ebenso wichtig, erfordere aber Zeit, sagte Vogel. Er ist sicher, dass sich Investitionen in einen Qualitätszirkel lohnen.

Hohe Eskalationsstufe mit Windisch

In der Diskussionsrunde zeigte sich sofort, dass es zwischen der Gemeinde Windisch und dem KESD noch immer brodelt. Der ehemalige Einwohnerratspräsident Anton Burger (CVP) wollte wissen, wie und wo sich der Gemeindeverband seit dem vergangenen Herbst verbessert hat.

Geschäftsführerin Gabriela Oeschger sagte: «Wir sind immer gesprächsbereit auch mit den Sozialdiensten. Mit einigen Gemeinden klappt es besser als mit anderen.» Windischs Vizeammann Rosi Magon (SP) hatte bisher keine Verbesserung in der Zusammenarbeit festgestellt.

Präsident Reto Wettstein (FDP) räumte ein, dass der Vorstand im vergangenen November das Projekt «KESD excellence» starten wollte. Weil das Familiengericht aber nicht mitmachte, wurde das Projekt sistiert. Nun wolle der Vorstand in strukturierte Dialoge mit den Gemeinden investieren, um Leistungsvereinbarungen zu erarbeiten. An der Versammlung im Juni wird bei den Abgeordneten zudem die Ausarbeitung eines Leitbilds beantragt.

Sandro Rossi, der geschäftsführende Gerichtspräsident am Bezirksgericht Brugg, betonte, dass die Unabhängigkeit des Gerichts das höchste Gut sei. «Wir wollen nicht mit dem KESD unter der gleichen Käseglocke sein. Deshalb hat sich das Familiengericht nicht am Qualitätszirkel beteiligt», so Rossi. Trotzdem fänden periodische Treffen mit dem Gemeindeverband statt. «Wir haben alle die Chance, jeden Tag besser zu werden», hielt Rossi fest.