Pandemie

Aus Angst vor Unruhen: Villnacherin reist wegen Coronavirus aus Sambia ab

Die junge Primarlehrerin Lea Eichenberger aus Villnachern musste das afrikanische Land innert kürzester Zeit verlassen. Denn die Coronakrise dürfte in Sambia zu Unruhen, Gewalt und gar Rassismus führen.

Sedrun statt Lusaka. Einsame Selbstquarantäne statt chaotisches afrikanisches Grossstadtleben. Die letzten Tage waren für Lea Eichenberger, 26, eine emotionale Achterbahnfahrt. Die Primarlehrerin aus Villnachern plante ursprünglich, drei Jahre lang in der sambischen Hauptstadt Lusaka für die Organisation Comundo in der Personellen Entwicklungszusammenarbeit tätig zu sein. Die Coronakrise hat ihr jetzt aber einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Lea Eichenberger hat ihren Einsatz in Lusaka unterbrochen und ist in die Schweiz zurückgeflogen – mit einem der letzten Linienflüge überhaupt. Den Entscheid hat sie selber getroffen. «Comundo als mein Arbeitgeber hat uns Fachpersonen die Entscheidung überlassen, ob wir in die Schweiz zurückkehren wollen oder die Krise in den Einsatzländern ausharren wollen», sagt Lea Eichenberger. 

Sie wohnte alleine in einem Studio

Es war nicht die Angst davor, am Coronavirus zu erkranken, die Lea Eichenberger zur Rückkehr bewogen haben. Es waren vor allem ihre Wohnsituation sowie die Angst vor sozialen Unruhen, ja gar vor Rassismus, die zum Entscheid geführt haben. Denn die Villnacherin lebte in Lusaka alleine – unweit von einem Armenviertel – in einer Art Studio. Die beiden Nachbarhäuser standen leer, einen Security Guard gab es nicht. «Es war nicht ungewöhnlich, dass Leute in der Nacht an mein Tor hämmerten oder gar versuchten, es zu öffnen», schildert Lea Eichenberger die Situation. Zum Glück sei nie etwas passiert. Sie habe sich aber gefragt, was passiert, wenn aufgrund des Coronavirus noch mehr Menschen in Sambia ihre Arbeit verlieren und so kein Geld mehr für Lebensmittel haben. «Ich bin sicher, dass Gewalt und Kriminalität in den nächsten Wochen zunehmen werden», sagt Lea Eichenberger. Zudem sei im Quartier bekannt gewesen, dass im kleinen Häuschen eine Muzungu, eine Weisse, wohnt.

An dieser Schule arbeitete Lea Eichenberger. Die Schule wurde, wie alle im Land, wegen des Coronavirus geschlossen.

An dieser Schule arbeitete Lea Eichenberger. Die Schule wurde, wie alle im Land, wegen des Coronavirus geschlossen.

Zudem fühlte sich Lea Eichenberger schon in den vergangenen zwei Wochen ziemlich einsam. Die Schule, in der sie arbeitete, wurde nämlich – wie alle anderen Schulen in Sambia – geschlossen. «Mein Häuschen ist mit Mauern umgeben und eng. Gäbe es in Sambia einen Lockdown, wäre ich für unbestimmte Zeit alleine zu Hause eingesperrt, was für mich mental mit der angespannten Situation eine grosse Herausforderung gewesen wäre», sagt Lea Eichenberger. Weiter hätte sie vor Ort nichts zur Verbesserung der Situation oder für das Projekt beitragen können. «Hätte ich den Leuten in dieser schwierigen Krisensituation aktiv helfen können, wäre es für mich kein Frage gewesen in Sambia zu bleiben», betont sie.

Social Distancing ist in Armenvierteln unmöglich

Um die einheimische Bevölkerung macht sie sich Sorgen. «Was wird erst passieren, wenn die Menschen nun die gleiche Panik wie in Europa erleben? Lebensmittel und medizinische Versorgung noch knapper werden als sie sonst schon sind?», fragt sich die Lehrerin. Öffentliche Spitäler in Sambia seien bereits vor der Coronakrise überfüllt gewesen und Intensivstationen gebe es kaum. Social Distancing sei in den Armenvierteln schier unmöglich, wenn bis zu zehn Menschen in einem Raum leben, so Eichenberger. Die Menschen in Sambia hätten bereits seit einigen Monaten Mühe, ihr Grundnahrungsmittel zu kaufen, da sich die Preise für einen Sack Mais-Mehl in weniger als einem Jahr verdoppelt hat und es kaum noch in den Läden zu finden ist. Kaum vorstellbar, was passiert, wenn sich das Coronavirus in Sambia weiter verbreitet.

Sambische Schüler.

Sambische Schüler.

Bis anhin sind nur wenige offizielle Coronafälle in Sambia bekannt. «Der grösste Teil der Bevölkerung Sambias scheint sich noch nicht grosse Sorgen zu machen», sagt Eichenberger. Einer der Gründe dafür sei wohl, dass Sambia in den letzten Jahren mit anderen Krankheiten wie Ebola oder Cholera konfrontiert war. «Die Menschen glauben, diese Krankheiten seien ja schlimmer als das Coronavirus gewesen und sie hätten sie auch überstanden.» Dazu komme der Aberglaube und auch die Leichtgläubigkeit.

Es werden die Schuldigen für die Krise gesucht

In ihrem Arbeitsumfeld hat die Villnacherin Aussagen gehört, dass Corona kein Virus ist, sondern ein Dämon. Und dass Gebete dagegen helfen und Gott Sambia beschützen werde. Wie überall auf der Welt würden auch die Sambier einen Schuldigen für diese Krise suchen. «Wenn der Schuldige nicht der Teufel ist, dann sind es die Chinesen oder die Weissen», sagt Lea Eichenberger und ist überzeugt, dass das zu Unruhen und Hass führen dürfte. «Bereits jetzt wurden Weisse beschuldigt, Schuld an den Corona-Fällen in Sambia zu sein. Kollegen im Osten des Landes haben mir erzählt, dass sie diesen Rassismus selber erlebt haben.»

Diese Erfahrungen haben der jungen Lehrerin noch verdeutlicht, wie sehr Sambia eine bessere Bildung braucht. «Die Menschen glauben alles, was erzählt wird oder auf Social Media kursiert», erzählt sie. «Diese Krise zeigt mir klar und deutlich, wie schlechte Bildung eine Gesellschaft beeinflussbar und verletzlich macht. Wie sollen die Menschen lernen kritisch zu denken, Aussagen und Fakten zu hinterfragen, wenn sie dies in der Schule nicht lernen?»

Ihren Aufenthalt in Sambia hat die 26-Jährige also vorläufig unterbrochen. Geplant ist aber, dass sie nach Lusaka zurückkehrt. Ihre Selbstquarantäne verbringt sie für zwei Wochen in einem Ferienhaus in Sedrun. Das gibt ihr die Möglichkeit, ihr Gefühlschaos zu ordnen und zur Ruhe zu kommen. «Dafür gibt es für mich keinen besseren Ort als die Berge», sagt Lea Eichenberger.

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