Brugg

Bei den alten Römern waren Ärzte vor allem Ausländer und Sklaven

Die Römer verhalfen der Medizin aus den Kinderschuhen. Dies macht auch die Sonderausstellung «Der Arzt, dem alle vertrauen» des Vindonissa-Museums in Brugg deutlich. Ein Rundgang beantwortet Fragen und schliesst Wissenslücken.

Ein freier Nachmittag, eine gehörige Portion Geschichtsinteresse sowie Vorliebe für medizinische Themen. Dies sind die Zutaten für den bevorstehenden Besuch der Sonderausstellung «Der Arzt, dem alle vertrauen« des Vindonissa-Museums in Brugg. Also ab zu den Römern und ihren Medizinern.

Papa heilt die ganze Familie

Die freundliche Empfangsdame des Museums weist mich Richtung Untergeschoss. Treppe runter, Tür aufgestossen: Die Wissensreise kann beginnen. Die Ausstellung wirkt auf den ersten Blick aufgeräumt und beschaulich. Verglaste knallgelbe und -grüne Vitrinen machen «gluschtig» auf das, was kommt. Ich bin ganz alleine im Raum.

Nur Roman Kilchsperger grinst einem von einem Blutspende-Werbeplakat entgegen. Aus einem Filmausschnitt im Hintergrund dringen vereinsamte Schreie und Kriegsgemetzel. Dann ist es wieder still.

Meinen Rundgang beginne ich in der Themenecke über Medizin und Glaube. Hier wird dem Besucher beispielsweise erklärt, dass im alten Rom den Göttern Körperteile aus Ton als Opfer dargebracht wurden. Man erhoffte sich so Heilung für den kranken Körperteil oder dankte für Genesung desselben.

Eine Drehung nach links und ich erfahre, dass Ärzte damals nicht unbedingt angesehene Bürger, sondern vor allem Ausländer und Sklaven waren. Heute ist wohl eher das Gegenteil der Fall. Auch spannend: Vor der Antike gab es praktisch kaum Ärzte. Die Familienoberhäupter waren für die Gesundheit der Verwandten zuständig.

Würde man diese Sitte in unsere Zeit übertragen, hiesse dies, die Familienmitglieder würden im Falle einer Krankheit nicht zum Arzt, sondern zum eigenen Vater oder sogar Grossvater in die Behandlung – und das Wohnzimmer fungiert als Warteraum? Eine reichlich skurrile Vorstellung.

Kein Hausärztemangel in Rom

An einer Wand werden in verschiedenen Glasvitrinen Knochen beleuchtet, die von Arthrose befallen waren. Was im Glaskasten nebenan ausgestellt ist, zieht mich aber wesentlich stärker in seinen Bann: nachgestellte Körperteile, die von Krankheit entstellt sind, sogenannte Moulagen. Alles unheimlich authentisch nachempfunden.

Eigentlich abstossend, aber man muss trotzdem hinschauen. Ein paar Schritte weiter kann der Besucher versuchen, das Gekritzel alter, zerfledderter Apothekerwälzer zu entziffern. Anstelle von Medikamenten warteten die römischen Pharmazeuten mit pflanzlichen Hausmittelchen auf.

Gleich um die Ecke lerne ich, dass schon im alten Rom die Leute recht gut Bescheid wussten über Beauty- und Wellnessthemen. Die Badekultur der Römer ist ja berühmt, aber dass sie auch selber Crèmes und Schminke herstellten, ist mir neu.

Und auch der Begriff «Smokey Eyes» war für die Römerinnen kein Fremdwort. Sie umrahmten ihre Augen jeweils mit Kohle. Jedenfalls eines ist sicher: Die Menschen waren damals schon genauso eitel wie heute. Nur badete das römische Volk nicht in Schinznach-Bad, sondern in Baden.

Der Hausärztemangel in der Schweiz ist ein Dauerthema. Dieses Problem kannten die Römer nicht. Bei ihnen kam auf 750 Patienten ein Arzt. Im Vergleich: Heute teilen sich landesweit 1363 Personen einen Allgemeinmediziner.

Ich wandere zur nächsten Vitrine. Hier werden einem die medizinischen Instrumente der damaligen Zeit präsentiert. Plötzlich packt mich eine ungemeine Erleichterung, dass unsere Ärzte heute nicht mehr mit solchen folterähnlichem Werkzeug herumhantieren.

Rostige Drähte, irgendwie zusammengeschraubte Eisenteile und da und dort ein Griff oder eine Klappe. Nein danke.

Die Medizin wird erwachsen

Nach einer Stunde habe ich die kleine, aber feine Ausstellung durchstreift. Nahe beim Ausgang ist der Museumsbesucher eingeladen, seine Meinung zur Ausstellung oder zur Thematik Medizin und Krankheit kundzutun. An einer Stellwand kleben schon viele bunte Zettelchen mit Aussagen von Gästen.

Ich schreibe mein Statement nicht auf ein Post-it, sondern hierhin: Die Medizin musste viele Umwege machen und für ihre Fortschritte wurde manches Opfer gebracht.

Doch ohne diesen beschwerlichen Weg würde sie noch heute in den Kinderschuhen stecken. Die Römer haben ihren Teil dazu beigetragen, die Medizin erwachsen werden zu lassen.

Das Vindonissa-Museum

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