Brugg
Brasilianische Familie: «Es ist schwierig, Schweizer als Freunde zu gewinnen»

Für den Job zügelte die brasilianische Familie Perrucci von São Paulo nach Brugg – der Anfang in der Schweiz war schwer.

Janine Müller
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Isabela, Bruno (Mitte) und Marcelo mit der Brasilien-Fahne. Sandra Ardizzone

Isabela, Bruno (Mitte) und Marcelo mit der Brasilien-Fahne. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

São Paulo hat fast 4 Mio. Einwohner mehr als die ganze Schweiz. 12,1 Mio. Menschen leben im Gebiet der brasilianischen Grossstadt – mit der Agglo sind es gar 21 Mio. Menschen. Es ist die Heimat von Isabela Gomes-Perrucci (34) und ihrem Ehemann Marcelo Perrucci (36). Dort sind sie aufgewachsen, dort haben sie sich kennen gelernt, dort lebt ihre Familie. Heute aber ist Brugg ihr Zuhause – im Gegensatz zu São Paulo ein kleines Dorf mit gut 11 000 Einwohnern. In einer neuen Wohnsiedlung in der Nähe der Badi haben sie sich niedergelassen. Für den eineinhalbjährigen Sohn Bruno ein ideales Umfeld, um aufzuwachsen.

Es ist die Arbeit, die die Familie in die Schweiz gebracht hat. Marcelo, der bereits in Brasilien als Ingenieur bei der ABB gearbeitet hatte, erhielt im Jahr 2012 ein Jobangebot für ABB Schweiz. Und er sagte zu. Denn: «Ich wollte schon immer einmal im Ausland arbeiten.» Er ging zuerst alleine in die Schweiz, kehrte jeweils in den Ferien nach Brasilien zurück. 2013 heiratete er Isabela in Brasilien, anschliessend folgte ihm die Logopädin in die Schweiz, wo dann auch Bruno auf die Welt kam.

Während Marcelo, der brasilianisch-italienischer Doppelbürger ist, in einem internationalen Umfeld arbeitet, fiel Isabela die erste Zeit in der Schweiz schwer – sehr schwer. Und das, obwohl sie noch in Brasilien Deutsch und Französisch lernte. «Es ist schwierig, Schweizer als Freunde zu gewinnen», sagt Isabela. Zum Glück sei die brasilianische Community relativ gross und auch die Nachbarn sind Brasilianer. In der Stadtbibliothek in Baden hat sie einen Job als Geschichtenerzählerin im Rahmen des Projekts «Schenk mir eine Geschichte». Da werden Geschichten in der Erstsprache der Kinder erzählt. Zudem arbeitet sie als Lehrerin bei ABEC (Associação Brasileira de Educação e Cultura), also dem Brasilianischen Verein für Bildung und Kultur. Dort unterrichtet sie Portugiesisch und die Kultur Brasiliens.

Geschmackssinn veränderte sich

Ein- bis zweimal pro Jahr fliegen Perruccis nach Brasilien in die Ferien. Da merken Isabela und Marcelo jeweils, wie sehr sie sich an das Leben in der Schweiz gewöhnt haben. «Unser Geschmackssinn hat sich verändert», stellt Isabela fest. «Das Essen in Brasilien ist viel süsser oder salziger.» Die Süssigkeiten dort könne sie nicht mehr essen.

In Russland rollt der Ball und morgen spielt die Schweiz um 20 Uhr gegen Brasilien. In einer Serie berichten wir unregelmässig über Personen, Anlässe und Produkte aus dem Bezirk Brugg, die mit dem grossen Fussballfest zu tun haben. Heute: das Porträt über die brasilianische Familie Perrucci aus Brugg.

Komisch sei dann die Rückkehr in die Schweiz, meint Marcelo. «Brasilien ist sehr laut, hier in Brugg ist es sehr ruhig, besonders die Sonntage.» Ursprünglich wollte er drei bis fünf Jahre in der Schweiz bleiben, mittlerweile sind es schon fast sechs. Pläne, nach Brasilien zurückzukehren, hat er keine. Zu gut gefällt es ihm in der Schweiz. Er schwärmt von der vielseitigen Landschaft, den Jahreszeiten, der Ordnung und vom tollen öffentlichen Verkehr. Und Isabela gefällt es, dass kein Chaos herrscht und alle immer pünktlich sind. Sie gibt zudem zu bedenken, dass die politische Situation in Brasilien zurzeit nicht sehr stabil ist.

Vorbehalte gegenüber Fussball

Die Familie hat schon fast die ganze Schweiz bereist: das Tessin, die Westschweiz, die Alpen. Nur die Ostschweiz kennen sie nicht. In Genf waren sie schon im Stadion, um ein Freundschaftsspiel zwischen der Schweizer Nati und der Seleção zu schauen. Als grosse Fussballfans würden sie sich allerdings nicht bezeichnen. Isabela ist Fussball gegenüber skeptisch eingestellt: «Ich trage kein offizielles Trikot der Brasilianer, weil der Fussballverband korrupt ist. Das will ich nicht unterstützen.» Zudem habe sie erlebt, wie die WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 zu sozialen Unruhen in ihrem Heimatland führten.

Die WM aber, die schauen Isabela und Marcelo schon. Klar, dass sie auch morgen beim Spiel Schweiz – Brasilien das Team um Superstar Neymar unterstützen. Gemeinsam mit anderen Brasilianern werden sie in Lauffohr grillieren und das Spiel schauen. Den Schweizern trauen die Perruccis den Achtelfinal zu, Brasilien den Weltmeistertitel. Allerdings rechnen sie Spanien und Deutschland die grösseren Chancen aus.

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