Brugg/Schinznach
Peter Belarts neustes Buch über turbulente Zeit: «Eine Schande, wie die Mitteleuropäer ihre Bevölkerung sitzen lassen»

Von Friedrich Karl Belarts Mission als Konsul in Baku: Peter Belart aus Schinznach stellt sein jüngstes Buch «Als die Armee kam, ging er Teufel los» über die Brugger Familie vor.

Dieter Minder
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Peter Belart liest an der Vernissage im Salzhaus aus seinem Buch «Als die Armee kam, ging der Teufel los».

Peter Belart liest an der Vernissage im Salzhaus aus seinem Buch «Als die Armee kam, ging der Teufel los».

Dieter Minder

Unter dem Ersten Weltkrieg und den Folgekonflikten litten nicht nur die Europäer, sondern auch die Völker des Kaukasus. Die Türken, die Russen, die Sowjets, die Perser und die Engländer versuchten, in diesem Gebiet ihre Interessen durchzusetzen, ihr System zu etablieren.

Wie turbulent es im Kaukasus damals und bis heute zu- und hergeht, erläuterte der Windischer Militärhistoriker Jürg Stüssi. Zeitweise waren die Länder eigenständige Nationen, 1919 führten sie sogar das Frauenstimmrecht ein. Bald gerieten sie unter den Einfluss der sich bildenden Sowjetunion und auch heute haben die Russen dort ein Wort mitzureden.

Doch diese Ereignisse, so wichtig sie für die Aktivitäten von Fritz Belart waren, standen für die rund 150 Besucherinnen und Besucher im Brugger Salzhaus nicht im Vordergrund. Sie waren zur Buchvernissage gekommen. Unter dem Titel «Als die Armee kam, ging der Teufel los» stellte Peter Belart aus Schinznach sein jüngstes Buch über die weitverzweigte Brugger Familie Belart vor. Gewidmet ist es dem 1920 in Asserbaidschans Hauptstadt Baku als freiwilliger Konsul tätigen Fritz Belart.

Für 350 Gefangene gab es drei Latrinen

Am 27. April 1920 erschienen türkische Truppen in Baku und noch am selben Tag auch die Rote Armee der Bolschewiken. Deren Kommissäre übernahmen die Macht. Vor allem die Engländer und Franzosen wurden von der einmarschierten Roten Armee verhaftet. Da selbst Konsulen dasselbe widerfuhr, kümmerte sich niemand um die Gefangenen und die weitere Bevölkerung. Auch den Schweizern fehlte eine konsularische Vertretung.

Johannes Belart (rechts), Urenkel von Fritz Belart, lässt sich von Peter Belart ein Buch signieren.

Johannes Belart (rechts), Urenkel von Fritz Belart, lässt sich von Peter Belart ein Buch signieren.

Dieter Minder

Für Friedrich Karl Belart, genannt Fritz Belart, war dies «eine Schande, wie die Mitteleuropäer ihre Bevölkerung sitzen lassen». Kurzerhand übernahm er die Aufgaben des Schweizer Konsuls. Als Vertreter des neutralen Landes setzte er sich für die Schweizer und die Angehörigen der anderen Nationen ein. Er traf die Mächtigen zu Gesprächen, um die Situation mindestens etwas zu verbessern.

Belart durfte die Gefangenen in mehreren Gefängnissen besuchen. Der Zustand dieser Leute war erbarmungswürdig, für 350 Gefangene gab es drei Latrinen, im Hof einen einzigen Wasserhahn.

Die Leser können die unruhige Zeit miterleben

Aus einem anderen Gefängnis berichtet Fritz Belart: Im Moment sind dort 48 Gefangene, darunter der englische Konsul Theodor Hevelke. Der Menüplan: morgens heisses Wasser, mittags Reissuppe, abends heisses Wasser sowie täglich etwas Brot. Den Gefangenen wurde erlaubt, am alle drei Tage stattfindenden Gefängnismarkt Lebensmittel einzukaufen, doch Geld hatten die meisten keines.

Johanna Ruoff und Tabea Rudolf umrahmen die Buchvernissage musikalisch.

Johanna Ruoff und Tabea Rudolf umrahmen die Buchvernissage musikalisch.

Dieter Minder

Fritz Belart ging täglich in die Gefängnisse und brachte Lebensmittel. Was er erlebt hat, schilderte er in Briefen an seine Frau. Dank dieser Briefe können die Leserinnen und Leser die konfliktreiche Zeit in der Stadt am Kaspischen Meer miterleben. Die Briefe, Erinnerungen und ein Bericht ans Eidgenössische Politische Departement dienten Peter Belart als Quellen für sein Buch. Erschienen ist es bei den Effingermedien.

Die Geschichte der Belarts kann fortgeschrieben werden. Zahlreiche auch von weither angereiste Angehörige der Familie waren an der Buchvernissage. Eine besondere Bedeutung kam Johannes Belart zu, der mit seiner Frau nach Brugg gekommen war. Der Urenkel von Fritz Belart ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern und wohnt in Zürich. Er verband sein Grusswort mit einer augenzwinkernden Rüge:

«Ich hatte die Idee nach meiner Pensionierung über meinen Urgrossvater zu schreiben, aber das hat jetzt Peter gemacht.»

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