Birrfeld

Damals noch ungewöhnlich: Hanni Vögeli war eine der ersten Pilotinnen

Hanni Vögeli (83) aus Uitikon war eine der wenigen Frauen auf dem Flugplatz Birrfeld. Sie hat damit auch das Erbe ihres Vaters Theodor Heimgartner angetreten.

Heute vor 85 Jahren flog die erste Frau im Alleinflug über den Atlantik. Amelia Earhart gilt als legendärste Fliegerin Amerikas. In die Fussstapfen der fliegenden Frauen trat in den Fünfzigerjahren auch Hanni Vögeli, unter anderem auf dem aargauischen Flugplatz Birrfeld. Ihr Zuhause ist heute in Uitikon Waldegg, wo wir aus dem Zug steigen. Auf dem Perron wartet mit suchendem Blick eine hagere Frau mit schneeweissem Bob, dunkler Perlenkette und schicken Pumps. Hanni Vögeli holt den Besuch von der Zeitung am Bahnhof ab. Es sind nur wenige Meter bis zur Wohnung mitten in der Natur.

Ehemann Ruedi wartet zu Hause. Er sei nicht mehr so gut zu Fuss wie sie, sagt Hanni Vögeli. Dafür habe er noch ein besseres Gedächtnis. Ihres habe in den letzten Monaten stark abgegeben, sagt sie mit Bedauern in den stahlblauen Augen. In der Wohnung angekommen, schlüpft Hanni Vögeli aus den Pumps und schreitet barfuss durch die Wohnung direkt in die Stube. Auf dem Salontisch liegt ein riesiges, dickes Buch mit braunem, vergriffenem Einband. Das Erbe von Hanni Vögelis Vater, Theodor Heimgartner.

Eine Welt zwischen Buchdeckeln

Das Buch ist das Tor zu einer anderen Welt. Zwischen den Buchdeckeln warten Abenteuer, Pioniergeist und Erinnerungen, schöne und traurige. Wir schlagen das Buch auf und Hanni Vögeli beginnt zu erzählen. Eine Anekdote nach der anderen. Was genau wann passiert ist, das kann sie nicht mehr sagen. Wann ihr erster Flug war beispielsweise oder ihr letzter. Immer wieder entschuldigt sie sich dafür. Viele Erinnerungen sind aber deutlich.

Zum Beispiel jene an ihren Vater Theodor Heimgartner. Stolz erzählt sie, wie er damals, an der Landesausstellung 1939, mit einem Segelflieger im Wasser landete. «Damit er nicht unterging, dichtete er den Rumpf des Flugzeuges mit Klebeband ab. «Das war ein Hit», sagt Hanni Vögeli und lacht. Das Fliegen war ein Teil der Familie Heimgartner. Sie reisten in Ferienlager mit Segelflugzeugen, schon als Kleinkind konnte Hanna mitfliegen, als Jugendliche lernte sie, selber zu fliegen. Da oben in der Luft, da spürte sie Freiheit und Leichtigkeit. «Man fühlt für einen Moment die eigene Schwere nicht», beschreibt sie es. Es dauerte aber, bis sie sich regelmässig als Pilotin in ein Flugzeug setzte. Diese Geschichte ist eng mit der Liebesbeziehung zu Ruedi Vögeli verknüpft.

In Wiedikon besuchten die beiden das gleiche Schulhaus. Ein Kollege von Hanni zeigte ihr in der dritten Oberstufe ein Foto der Fussballmannschaft. «Da fiel mir sofort Ruedi auf», sagt sie und strahlt. «Wir kannten uns bis dahin nicht. Aber danach lernte er mich kennen.» Ruedi, der auf dem Sofa sitzt und dem Gespräch lauscht, lacht vergnügt.

«Hanna im Birrfeld», schreibt Vater Theodor Heimgartner zu diesem Foto (undatiert).

«Hanna im Birrfeld», schreibt Vater Theodor Heimgartner zu diesem Foto (undatiert).

Hanni wurde Lehrerin, Ruedi Schreiner. Er baute mit seinem Bruder ein Geschäft auf. Zwischendurch zog es Hanni auf die Flugplätze, um Flugstunden zu absolvieren. Das Paar schmiedete Pläne, wollte in die USA auswandern. Während Ruedi noch seinen Militärdienst beenden musste, ging Hanni bereits vor, ergatterte sich eine Green Card für die USA. Ausserhalb von New York fand sie einen Flugplatz. An den ersten Flug erinnert sie sich gut. «Ich genoss es, über diese weite Landschaft mit Wiesen und Wäldern zu fliegen. Bis ich merkte, dass ich vielleicht auch noch navigieren sollte.» In der Schweiz kannte sie die Landschaft von oben ausgezeichnet und konnte sich problemlos orientieren. Aus Gewohnheit versuchte sie das auch in New York und merkte: Das geht nicht. «Ich war gottenfroh, dass ich den Flugplatz wieder fand», scherzt sie. Der Traum vom Auswandern platzte. Ärztliche Untersuchungen zeigten einen Schatten auf Ruedis Lunge. Die Einreise wurde ihm verweigert.

Der Crash im Birrfeld

So bauten sich die Vögelis ihr Leben in der Schweiz auf. Gemeinsam nahmen sie Segelflugkurse, Hanni regelmässiger als Ruedi. In besonderer Erinnerung ist ihr auch ein Crash auf das Dach des Hangars im Birrfeld. «Das ist saublöd gelaufen», sagt sie. «Die Helfer am Boden liessen die Flügel des Fliegers zu spät los und dann riss auch noch das Seil», erinnert sie sich. «Ich hatte die Wahl, ob ich auf die Motorflugzeuge am Boden knallen soll oder auf das Dach des Hangars.»

Dass eine Frau überhaupt flog, war zwar ungewöhnlich zu dieser Zeit. Probleme hatte Hanni Vögeli deshalb aber nie. Allerdings bedauert sie es, dass sich nicht mehr Frauen getrauen, Pilotin zu werden. «Einerseits mangelt es an Frauen, die das unbedingt wollen. Andererseits hat es auch mit der Langsamdenkerei in unserer Gesellschaft zu tun. Dabei haben die Frauen doch bewiesen, dass sie in der Fliegerei kein Risiko sind.» Auch ihr Mann liess sie ihr Hobby ausüben. «Hätte ich Hanni nicht fliegen lassen, dann wäre sie mir davongeflogen», sagt er. Irgendwann nach der Geburt des zweiten Kindes hörte Hanni Vögeli mit der Fliegerei ganz auf.

Im Herzen aber und mit den Erinnerungen im Kopf hebt sie noch heute manchmal ab.
Im August sind Hanni und Ruedi Vögeli 60 Jahre verheiratet. Sie bringen uns zurück an den Bahnhof. Dort sagt Ruedi: «Ich könnte es noch 120 Jahre mit Hanni aushalten. Sie ist eine formidable Frau.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1