Windisch

«Damit konnten wir nicht rechnen»: Archäologen machen in Vindonissa eine wichtige Entdeckung

Mit dem Fund eines Tores des Legionärslagers in Windisch ist der Kantonsärchäologie ein wichtiger Grabungserfolg gelungen. Mit ihm erweitert sich das Wissen über das römische Vindonissa.

Dass die Kantonsarchäologie auf römische Spuren stösst in Windisch, kommt nicht ganz unverhofft. Dass aber gleich die Überreste eines Legionslager-Tors aus der Frühzeit von Vindonissa zum Vorschein kommen, ist doch aussergewöhnlich.

Von einer grossen Freude und erfolgreichen Grabung sprechen denn auch Jürgen Trumm, Leiter Ausgrabungen Vindonissa, und Hermann Huber, Grabungstechniker bei der Kantonsarchäologie. «Damit konnten wir nicht rechnen.»

Durch diese wissenschaftlich bedeutende Entdeckung sei der Schleier über der Frühzeit von Vindonissa wieder etwas gelüftet. Denn die Fragen rund um die innere Organisation des ersten römischen Militärlagers bereiten den Fachleuten nach wie vor Kopfzerbrechen.

Seinen Ursprung hat das antike Vindonissa in einer keltischen Siedlung an der strategisch wichtigen Lage beim Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat. Unter Kaiser Tiberius (14–37 n. Chr.) wurde der Militärposten zu einem Legionslager ausgebaut – also vor ziemlich genau 2000 Jahren. Rund 6000 Soldaten und Offiziere leisteten ihren Einsatz für den Kaiser in Rom.

Die Spuren wurden unversehrt im Boden belassen

Das Areal wurde schon in den Jahren 1935 bis 1939 grossflächig ausgegraben. Mit dem bevorstehenden Neubau der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) hat die Kantonsarchäologie auf über 1800 Quadratmetern im Nordteil des Legionslagers neue Untersuchungen durchgeführt.

Vermutet wurde, dass in grösseren Tiefen mit intakten römischen Überresten zu rechnen ist, die bei den Grabungen vor dem Zweiten Weltkrieg im Boden belassen wurden. «Diese unteren Schichten und die unscheinbaren Spuren blieben weitgehend unangetastet», erklärt Trumm. «Zum Glück für uns.»

Im Februar dieses Jahres wurden Baggersondagen vorgenommen, ab September begann die Kantonsarchäologie mit der flächigen Ausgrabung. «Wir machten dort weiter, wo 1937/38 gestoppt wurde», führt Trumm aus. Eine ungewöhnliche Situation. «Zur Verfügung stand uns nur ein kurzes Zeitfenster. Aber es hat wunderbar funktioniert.»

Grösstes Interesse galt dem Spitzgraben, der einst zum Schutz des frührömischen Lagers ausgehoben worden war und der das Baufeld auf einer Länge von rund 35 Metern durchquert. Dahinter erstellten die Römer mit dem Aushubmaterial eine rund 2,4 Meter breite, stabile Holz-Erde-Mauer, deren Reste ebenfalls angetroffen wurde.

Der 5 Meter breite und bis zu 2 Meter tiefe Spitzgraben endet ganz im Westen. Dort lässt sich laut Kantonsarchäologie die Torsituation mit einer Kiesstrasse rekonstruieren.

Zwar sind vom früheren Lagertor lediglich die Bodenverfärbungen der Standpfosten geblieben, die in mächtige Gruben eingelassen worden waren. Doch zeigen vergleichbare Funde gemäss Kantonsarchäologie, dass diese vier Pfosten zu einem mehrere Meter hohen Torturm gehörten.

Eine wohl mindestens acht Meter breite Strasse führte in das frühe römische Truppenlager. Weiter westlich ausserhalb der Baugrube dürfte ein weiterer Torturm – als Pendant zum gefundenen – noch unberührt im Boden liegen.

Es sind die Vorgängerbauten der Klinik Königsfelden

Zum Vorschein kamen im übrigen Grabungsareal zudem die Reste von Holz- und Steinbauten des jüngeren Truppenlagers. Neben Fundamentresten von Mannschaftsbaracken fanden sich mehrere Mauerzüge des grossen Lagerspitals, gewissermassen der antike Vorläufer der heutigen Klinik Königsfelden, hält die Kantonsarchäologie in einer Medienmitteilung fest.

Eindrücklich erhalten hat sich ein über 1,8 Meter tiefer gemauerter Kanal, der einstmals wohl mit Steinplatten abgedeckt war und eine breite Kiesstrasse des Legionslagers entwässerte. Sonst sei sehr wenig ans Licht gekommen, weil das meiste schon bei der Ausgrabung in den Dreissigerjahren entdeckt wurde, ergänzt Trumm. Durch den Einsatz von Metalldetektoren sei man immerhin noch auf 16 Münzen gestossen.

Dokumentiert werden die jüngsten Arbeiten mit Zeichnungen, Fotos und Flugaufnahmen mit einer Drohne. Die Pläne der alten Ausgrabungen können nun – dank exakter Neuvermessung – ergänzt werden, so Trumm.

Damit werde der Gesamtplan des römischen Vindonissa in seiner Qualität verbessert. Was nicht ausgegraben wurde, kommt unter die Beton-Bodenplatte des Neubaus der PDAG zu liegen, bleibt der Nachwelt also erhalten.

Die Bauarbeiten beginnen planmässig, die Ausgrabung habe – auch durch das gute Wetter – früher abgeschlossen werden können als ursprünglich erwartet, sagt Trumm. Er lobt die Zusammenarbeit mit der PDAG. Diese wisse um das bedeutsame, historische Erbe im Boden. Die Koordination erfolge dementsprechend unkompliziert.

Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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