Brugg

Danke der Psychiatrie-Spitex wollen sie es selber schaffen – ohne Klinik

Jürg Zürcher bespricht mit seiner Klientin die Woche. Feine Narben auf ihrem Bein zeugen von der Borderline-Störung.

Jürg Zürcher bespricht mit seiner Klientin die Woche. Feine Narben auf ihrem Bein zeugen von der Borderline-Störung.

Im Protokoll einer Klientin steht: «Dienstag, Katastrophentag». Ein Fall für die Psychiatrie-Spitex Brugg. Die az hat Teamleiter Jürg Zürcher einen Morgen lang begleitet und traf auf drei völlig verschiedene Schicksale.

Es ist 7.30 Uhr. Das Zentrum der Spitex Region Brugg AG an der Schöneggstrasse 7 gleicht zu dieser Zeit einem Bienenhaus. Jürg Zürcher, Leiter der Psychiatrie-Spitex, ist in den Vorbereitungen für seine Klienten-Besuche an diesem Morgen. Erste Station: ein Senior mit Wahnvorstellungen.

Danach geht es weiter zu einer Frau mit Borderline-Störung. Den Abschluss macht ein 38-jähriger Ex-Junkie, der vor gut einem Jahr einen Schlaganfall hatte und Unterstützung beim Sortieren der Post braucht.

Das sind drei komplexe Fälle. Fälle, die früher die herkömmliche Spitex überfordert haben oder gar nicht von dieser betreut werden konnten. Heute wird auch in der Psychiatrie auf Behandlung zu Hause gesetzt. Das erleichtert den Patienten den Übergang beispielsweise von einem Klinikaufenthalt in das gewohnte Leben.

Um 7.45 Uhr muss Jürg Zürcher bei Urs Bucher* sein. Schon fünf Minuten Verspätung bringen den Senior aus dem Konzept. Darum ist Eile angesagt. Flugs packt Jürg Zürcher seine Unterlagen in seinen Rollkoffer und macht sich auf den Weg.

Besuch Nummer 1: Der Senior

Wenige Minuten später klingelt Jürg Zürcher bei Urs Bucher. Hinter der Tür kommen schlurfende Schritte näher. Urs Bucher öffnet mit einem breiten Lachen auf dem Gesicht die Tür und bittet die Gäste herein.

Der Senior lebt in einer Alterswohnung. Ein kleines Badezimmer, eine Kochnische, ein Raum mit einem Pult und einem Bett. In einem schwer beladenen Büchergestell stehen Varianten des Alten und Neuen Testaments, etliche Sprachlernbücher – Russisch, Französisch, Englisch, Spanisch.

Auf einem Beistelltisch steht ein alter Radio, daneben liegt ein Buch von Franz Hohler. Ein deutscher Schlager nach dem anderen plärrt aus den Boxen. Das gefalle ihm, sagt Urs Bucher, und setzt sich etwas schwerfällig auf das Bett.

Obwohl er alleine leben kann, braucht er Hilfe. Urs Bucher hat Depressionen, kombiniert mit Wahnvorstellungen. Ein Wort, eine Bewegung können ihn aus dem Konzept bringen. Dann studiert er Stunden darüber nach.

Jürg Zürcher oder eine seiner Mitarbeiterinnen besuchen Urs Bucher drei- bis viermal pro Woche. Banal fragt Jürg Zürcher: «Wie geht es Ihnen?» Ein Schnaufen ertönt vom Bettrand her. «Ich habe schlimme Rückenschmerzen», erzählt Urs Bucher.

Er macht eine Pause und sagt dann: «Das macht mir Sorgen. Darum fühle ich mich unsicher.» – «Und was machen Sie, um sich abzulenken?», fragt Jürg Zürcher. Der Rentner entgegnet, dass er es mit Lesen, TV- Schauen, Radio-Hören oder Spazieren versucht.

«Ein Wochenprogramm ist wichtig», erklärt Jürg Zürcher der Journalistin. Doch er ist nicht nur da, um sich nach der psychischen Verfassung von Urs Bucher zu erkundigen. Er kontrolliert, ob sein Klient die Medikamente einnimmt und regelmässig duscht.

«Ohne uns würde er verwahrlosen», sagt Jürg Zürcher. Dank der Psychiatrie-Spitex kann Urs Bucher selbstständig wohnen. Diesen Zustand will man mit der psychiatrischen Betreuung aufrechterhalten.

Urs Bucher hat noch ein weiteres Problem. Weil er einen ziemlich beachtlichen Bauch hat, müssen die Bauchfalten regelmässig nach Irritationen und Pilzbefall kontrolliert werden. Doch zuerst schickt Jürg Zürcher den Rentner unter die Dusche. Das ist ein Ritual.

Der Morgen hat immer den gleichen Ablauf. Das brauchen Menschen wie Urs Bucher. Gemächlich watschelt der Senior mit seinem gelben Bademantel ins Badezimmer. Bald ertönt das Rauschen von Wasser.

Wenige Minuten später kommt Urs Bucher in Unterhosen zurück. Ächzend legt er sich aufs Bett. Zeit für Jürg Zürcher, die Bauchfalten zu kontrollieren und mit einer Salbe einzureiben. «Siehts schlimm aus?», will Urs Bucher wissen.

«Alles gut», beruhigt Jürg Zürcher. Er notiert alles in seinem Heft. Was bei diesem Besuch besonders auffällt: Klient und Betreuer reissen zwischendurch den einen oder anderen Witz oder lassen einen Spruch fallen.

«Humor ist sehr wichtig», erklärt danach Jürg Zürcher. «Mit Humor wird alles leichter, das ist wertvoll für die Beziehungsarbeit.» Nachdem Urs Bucher alle notwendigen Medikamente eingenommen hat, sich ganz angezogen hat und bereit ist für den Tag, verabschiedet sich Jürg Zürcher. Urs Bucher bringt seinen Besuch bis zur Tür, verabschiedet sich fröhlich.

Jürg Zürcher eilt zurück ins Büro, macht sich einige Notizen und bereitet anschliessend den zweiten Besuch vor. Ein kurzer Abstecher in den Pausenraum liegt aber drin, bevor es zur nächsten Klientin geht.

Besuch Nummer 2: Borderline

Nadine Zimmerli* leidet seit rund 15 Jahren unter der Borderline-Störung. Die Folge: Sie verletzt sich massiv selber. Betroffene können ihre Anspannung nicht kanalisieren.

Die Wut, die entsteht, richtet sich bei Frauen häufig gegen sich selber. Bei Männern, bei denen die Störung zwar weniger diagnostiziert wird, äussert sich Borderline mit risikohaftem Verhalten, Gewalt gegen andere, Delikten oder endet gar mit dem Tod.

Nadine Zimmerlis Familie kam mit der Borderline-Störung nicht zurecht. Mit ihrem Bruder hat Nadine Zimmerli seit 15 Jahren keinen Kontakt mehr. Der Partner, mit dem sie zwei heute erwachsene Kinder (24-jährig und 21-jährig) hat, verliess die Familie. Auch die nächste Beziehung zerbrach. Der heute 9-jährige Sohn aus dieser Partnerschaft musste ins Heim, weil seine Mutter nicht für ihn sorgen konnte.

Die Liste, wie sich Nadine Zimmerli Schmerzen zufügte, ist lang. Mit Klingen hat sie sich Bauch, Arme und Beine aufgeschnitten. Sie hat sich ätzende Substanzen gespritzt, Medikamente und Alkohol in Überdosen zu sich genommen.

Nadine Zimmerli hat Klinikaufenthalte hinter sich. Nach dem letzten und nach sechs Jahren betreutem Wohnen sagte sie sich: «Ich will endlich wieder ein eigenständiges Leben führen. Mit einer eigenen Wohnung.»

Die Familie sagte ihr: «Das schaffst du sowieso nicht.» Nadine Zimmerli erzählt es ausdruckslos, so als möchte sie die Erinnerungen daran verdrängen. Dann zeigt sie ein scheues Lächeln. Denn die Situation, in der wir sie antreffen, beweist, dass sie es geschafft hat.

Nadine Zimmerli hat sich damals selber für die Psychiatrie-Spitex entschieden. Sie wusste, dass sie es alleine nicht schafft. Heute hat sich ihre Situation stabilisiert. Ihre zwei Katzen geben ihr Halt.

«Sie geben mir das Gefühl, dass ich nicht alleine bin», sagt sie. Halt gibt ihr auch die Hoffnung darauf, dass sie in einigen Monaten oder Jahren wieder selber zu ihrem Sohn schauen kann.

Nadine Zimmerli lebt heute alleine in einer Wohnüberbauung. Sie öffnet dem Jürg Zürcher die Tür. Ein junges, rot getigertes Kätzchen linst hinter ihr hervor. Nadine Zimmerli strahlt, als sie den Besuch empfängt.

Das Gesicht hat sie geschminkt. Sie trägt Strümpfe und einen schwarzen Mini-Jupe, wirkt aber nicht aufgetakelt. Die Wohnung ist in warmes, orangefarbenes Licht getaucht. Sofort fühlt man sich willkommen. Aus dem Radio in der Küche erklingt die Stimme vom verstorbenen Gotthard-Sänger Steve Lee. «Let it rain» singt er.

Fürs wöchentliche Gespräch dient das sogenannte «diary card» (Stimmungsprotokoll) als Grundlage. Jeder einzelne Tag bespricht Nadine Zimmerli mit Jürg Zürcher. Er ist dazu da, um ihr Tipps zu geben, wie sie Anspannungen im Alltag abbauen kann.

Im Leben von Nadine Zimmerli gibt es mittlerweile wieder gute Tage. Die schlechten kommen allerdings immer noch vor. Situationen, in denen sich Nadine Zimmerli plötzlich überfordert, missverstanden oder verletzt fühlt, sind oft die Auslöser.

«Ich war bei meinem Psychologen, mit dem ich eigentlich nicht so zufrieden bin», erzählt Nadine Zimmerli Jürg Zürcher. «Weil das eine schwierige Situation war, wollte ich mich danach verletzen.» – «Was haben Sie dann gemacht», fragt Jürg Zürcher.

Nadine Zimmerli streicht sich wortlos eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr. Ein Piercing blitzt auf. Die Klientin zeigt darauf und lächelt. «Das habe ich mir stechen lassen.» Kurz zögert Jürg Zürcher mit einer Antwort.

«Das ist hübsch», sagt er dann und ergänzt: «Aber wie sehen denn Ihre Ohren in ein paar Wochen aus, wenn Sie das jetzt jedes Mal so machen?» Etwas verlegen streicht sie mit einer Hand über ihren Oberschenkel.

Feine, blass-weisse Narben ziehen sich wie ein Netz über die Beine, schimmern hinter dem feinen, durchsichtigen Stoff der Strümpfe hervor. Zeugen aus einer Zeit, die Nadine Zimmerli heute fast hinter sich gelassen hat.

«Das Piercing war für mich ein Ausweg», erklärt sie. «Es brachte mich auf andere Gedanken.» Weiter geht es mit dem nächsten Tag. Auf dem Protokoll steht: Ladendiebstahl.

Erwischt wurde Nadine Zimmerli nicht. Sie weiss, dass das nicht der richtige «Skill», die richtige Fertigkeit ist, um der inneren Anspannung entgegenzuwirken.

Der Tag danach verlief gut. Mit dem einen älteren Sohn feierte sie den Geburtstag vor. Doch die Freude währte nicht lange. «Dienstag, Katastrophentag», steht im Protokoll. In einem Geschäft wurde Nadine Zimmerli nicht bedient, obwohl sie nach Hilfe fragte.

Das machte sie wütend. Sie war frustriert, ging nach Hause und fügte sich Schnittverletzungen am Bauch zu. Anders brachte sie ihre Anspannung nicht weg. «Es war ein Gefühlschaos», erinnert sie sich.

«Mir fiel nichts Gescheiteres ein, als mir wehzutun.» Ein typisches Problem von Borderline-Betroffenen, erklärt Jürg Zürcher später im Auto auf dem Weg zum nächsten Patienten.

Er fragte seine Klientin: «Wie sieht die Wunde aus? Haben Sie sie versorgt?» Nadine Zimmerli nickte. Jürg Zürcher glaubte es ihr. Er kontrolliert jeweils nicht, vertraut darauf, dass seine Klientin die Wahrheit sagt, und setzt damit bewusst auf ihre Selbstverantwortung.

Besuch Nummer 3: Ex-Junkie

Der letzte Klient an diesem Morgen ist Patrick Frei*. Bis er die Türe öffnet, dauert es. Das Gehen bereitet ihm Mühe, er ist auf einen Stock angewiesen. In der Wohnung riecht es nach abgestandenem Zigarettenrauch.

Eine schwarze Katze huscht den Besuchern zwischen den Beinen hindurch. Ein Raum ist Stube und Schlafzimmer zugleich. Die Vorhänge sind gezogen. Der TV läuft. Kleider liegen neben leeren Verpackungen am Boden. Auf einem Buffet hat Patrick Frei drei grosse Setzkasten aus Holz aufgestellt. Rund 400 verschiedene Mineralien hat er gesammelt.

Von sich aus beginnt Patrick Frei mit dem Erzählen seiner Geschichte. Er wurde mit Sichelfüssen – einer Fehlstellung der Füsse – geboren. «Ich war das behinderte Kind der Familie», sagt er.

«Das gab man mir immer wieder zu verstehen.» An der Schule fand er kaum Freunde. Er hatte Depressionen. Mit 15 Jahren begann er zu kiffen. Er wollte dazugehören. Bald war er beliebt, weil er Stoff hatte.

Die Lehre als Landschaftsgärtner war mehr eine Qual als etwas anderes. Später dealte Patrick Frei mit Drogen, konsumierte weiter Cannabis. Bis er vor gut zwei Jahren einen Entzug machte.

Kurz zuvor lernte er eine Frau kennen. Sie wurde schwanger. Zusammen blieben sie nicht. Nebst dem Entzug schlug sich Patrick Frei dann mit dem Sorgerecht herum. Die Kindsmutter erwirkte, dass er seine Tochter nicht mehr besuchen durfte. Patrick Frei hat seine Tochter vor einem halben Jahr zuletzt gesehen.

Ein Jahr nach dem Entzug musste Patrick Frei einen nächsten Schicksalsschlag hinnehmen: Er erlitt einen Schlaganfall. Er hatte eine Thrombose im Bein, die unbemerkt blieb.

Der linke Arm ist gelähmt, das Bein zieht er nach. Doch Patrick Frei schafft es, das Positive zu sehen: «Wenigstens sind jetzt die Depressionen weg.» Jürg Zürcher nickt und sagt: «Das kann vorkommen.»

Er betreut Patrick Frei vor allem, um gemeinsam mit ihm die anfallende Post zu bearbeiten. Was die Beiständin nicht erledigen kann, weil sie nicht vor Ort ist, organisiert Jürg Zürcher mit seinem Klienten.

An diesem Morgen hat Patrick Frei gleich zwei gute Nachrichten parat. Er hat sich nämlich entschlossen, ins Behindertenschwimmen zu gehen. Er, der früher als Jugendlicher Wettkämpfe geschwommen hat.

Und das erst noch erfolgreich. Bei der zweiten positiven Nachricht strahlt Patrick Frei übers ganze Gesicht: «Ich darf meine Tochter wieder sehen.» Er hat mit seiner ehemaligen Freundin vereinbart, dass er in Begleitung seiner eigenen Mutter seine Tochter treffen darf. Für Jürg Zürcher sind das gute Zeichen.

Im Spitex-Auto geht es zurück nach Brugg ins Spitex-Zentrum. Mittlerweile ist es 12 Uhr. Nach dem Mittagessen wird Jürg Zürcher die Geschehnisse vom Morgen im elektronischen System dokumentieren.

Und er wird sich um die Anfragen kümmern, die über den ganzen Morgen verteilt eintrafen. Denn Hausärzte, Psychologen und Kliniken wissen inzwischen, dass die Psychiatrie- Spitex einen wichtigen Beitrag zur Grundversorgung psychisch kranker Menschen leistet. Die Arbeit wird Jürg Zürcher und seinem Team sicher nicht ausgehen. Im Gegenteil.

*Alle Namen geändert

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