Windisch
«Das Schicksal hatte anderes vor» – Peter Müller setzte sich 40 Jahre für Menschen mit Behinderung ein

Peter Müller hört nach 40 Jahren als Präsident der Stiftung Domino auf. Der Windischer hat in seinem Leben so manches Projekt in Angriff genommen. Dass er sich für Menschen mit Behinderung einsetzte, sei ungeplant gekommen. Ein Porträt.

Maja Reznicek
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«Das Schicksal hatte anderes vor»
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Der erste Standort der Stiftung Domino war die «Regionale Werkstatt» in Windisch, die im September 1983 eingeweiht wurde.
Auf dem Bild ist ein Foto vom „Regionenfest“ zu sehen, dass die Stiftung Domino damals veranstaltet hat, um Geld für den Bau der Werkstatt zu generieren.
Peter Müller. Archivbild.
Peter Müller tritt nach jahrzehntelanger Amtszeit als Präsident der Stiftung Domino in Hausen Ende 2020 ab. Aufgenommen am 26.11.2020.

«Das Schicksal hatte anderes vor»

Britta Gut

Auswandern wollte er nie. Tat es dann aber trotzdem. «Von Brugg nach Windisch», sagt Peter Müller lachend. Aufgewachsen in der Stadt, «wo alles zusammenströmt», führt der 75-Jährige sein Leben seit jeher in der Region – und das in den verschiedensten Rollen.

Viele kennen ihn als Präsidenten der Stiftung Domino, die Arbeits- und Wohnplätze für Menschen mit Behinderung bietet, oder als Einwohnerrat. Ob seine sozial und politisch vielfältige Karriere geplant war? «Nein», sagt Müller, «aber wenn ich mal an etwas dran bin, dann ziehe ich es durch.» Und er zog viele Projekte durch.

Geboren 1945, absolvierte der Windischer mit dem ersten Jahrgang der Kantonsschule Baden die Matura. Mit 19 Jahren sei er dann in das Forum 63, das heutige Jugendhaus Piccadilly, «hineingerutscht». Als lokale Zelle für das aargauische Jugendparlament wollte es der jüngeren Bevölkerung mehr Mitspracherechte in der Politik ermöglichen. «Wir waren die zweite Generation, die das Lokal am Törlirain als Jugendhaus nutzbar machte. Unsere Gruppe konnte viele tolle Vorträge und Theater organisieren, teilweise mit bekannten Persönlichkeiten.» Bald engagierte sich Müller als parteiloser Einwohnerrat in Brugg, dann für das Team 67.

Sein Sohn würde niemals für sich entscheiden können

Parallel zum Start seiner politischen Karriere studierte Müller Rechtswissenschaften an der Universität Zürich. Anwalt oder Richter wollte er aber nie werden. «Eigentlich dachte ich an einen Einstieg in den Journalismus. Das Jurastudium sollte ein gutes Fundament dafür sein», sagt er. Durch ein Praktikum beim Bezirksgericht Baden erhielt er 1970 eine Stelle als Gerichtsschreiber. Trotz des so entstandenen Netzwerkes in der Region und der freien Mitarbeit bei verschiedenen Lokalzeitungen wurde das journalistische Schreiben nicht zu seinem Beruf. Über 30 Jahre lang war Müller für das Bezirksgericht tätig. Den Traum vom Journalismus stellte er zurück, das Schicksal habe anderes mit ihm vorgehabt.

Zwei Jahre nach seinem Stellenantritt in Baden entschied sich Müller für den Umzug nach Windisch. Er erklärt: «Meine Frau und ich suchten ein Eigenheim. Und ich wollte einmal etwas Abstand nehmen von der Brugger Heimat.» Kurz sei ein Haus in der Nähe von Aarau zur Diskussion gestanden. «Da war aber schnell klar, dass das die falsche Region für mich gewesen wäre. Ich mag es, die wichtigen Sachen in Sichtweite zu haben.» Wenig später konnte sich das Ehepaar Müller dann bei einem Objekt in Windisch gegen viele andere Bewerber durchsetzen. Das Haus, in dem die beiden bis heute wohnen, liegt direkt neben der Heilpädagogischen Schule Windisch (HPS). «Hier habe ich wohl eine Aufgabe fürs Leben bekommen.»

Nach einem ersten Kind kam nämlich 1975 Müllers zweiter Sohn Fabian zur Welt. Es stimme etwas mit dem Baby nicht, sagte man im Spital. Kurz vor Weihnachten stand dann die Diagnose fest: Trisomie 21. «Es war kein Schock für mich, eher eine Tatsache. Man wusste ja, dass so etwas passieren könnte», erzählt Peter Müller. Für ihn sei die schlimmste Vorstellung gewesen, dass sein Sohn wohl nie für sich selbst entscheiden können würde. «Ein Glücksfall war, dass er gut eingebettet ist mit einem älteren und einem jüngeren Bruder sowie später noch einer kleinen Schwester.»

Was Müller nach der Geburt von Fabian besonders umtrieb, war die Frage nach der Zukunft. Was würde sein Kind anschliessend an die Heilpädagogische Schule tun? «Es gab damals vereinzelt Angebote für Menschen mit Behinderung, aber keine Tagesstrukturen, wo sie richtig hätten arbeiten können.» Der Windischer suchte Kontakt zu anderen betroffenen Eltern. Sie gründeten den Verein, der heute als Insieme Region Brugg-Windisch bekannt ist. Dieser legte mit einem grossen Benefizanlass den Grundstein für die heutige Stiftung Domino.

Ab und zu wünschte er sich mehr Freiraum

Seit 1980 präsidiert Müller die Stiftung. Gleichzeitig war er Teil des Einwohnerrats Windisch und beteiligte sich in der «Värslischmitte» an der Brugger Fasnacht.

Entgegen der Befürchtungen war Sohn Fabian laut Müller stets sehr eigenständig und unternehmungslustig. «Oft ist er mit dem Fahrrad durch den ganzen Aargau gefahren. Manchmal bekamen wir dann auch ein Telefon und mussten ihn abholen.» Später habe er sich stark verändert. Seit 2013 wohnt der 45-Jährige im «Wohnen Hausen» und arbeitet im «Mikado» der Stiftung Domino. «Zweimal im Monat hat er seinen besonderen Tag. Angesagt ist da Musik bei der Familie, oder er fährt zu seinem Lieblingsbruder.» Dieser Bruder ist zur Zeit Musiklehrer an der HPS.

Rückblickend auf die vergangenen Jahre würde Peter Müller nicht viel ändern. «Manchmal waren die Nächte kurz, aber es funktionierte schlussendlich alles.» Vielleicht hätte er sich ab und zu mehr Freiraum gewünscht. Diesen bekommt er bald: Ab Januar gibt der Windischer sein Amt als Stiftungsratspräsident ab. Langweilig werde es ihm aber nicht. Im Verein Insieme Region Brugg-Windisch bleibt er. Ausserdem gebe es da noch sieben Enkel. Zwei davon werden regelmässig von ihren Grosseltern gehütet. Denn auf seine Familie, auf die ist Peter Müller besonders stolz.