Brugg

Das Thema Gebet bewegt: «Es wird nicht immer so erhört, wie wir uns das wünschen»

Grosses Interesse an der Podiumsdiskussion unter dem Titel «Macht und Ohnmacht des Gebets?!»

«Da hat es ja mehr Leute als in der Kirche», meint ein Besucher der Podiumsdiskussion. Tatsächlich wird es im Kulturhaus Odeon eng. Das Thema des vom Pastoralraum Brugg-Windisch organisierten Anlasses – «Macht und Ohnmacht des Gebets?!» – scheint offensichtlich zu bewegen.

Aber vielleicht liegt es auch an der Zusammensetzung des Podiums. Unter der Gesprächsführung von Jürgen Heinze (Spitalseelsorger Baden) setzen sich Schwester Zita Estermann (Generaloberin der Baldegger Schwestern); Humanistin Ruth Thomas (Vorstand der Freidenker-Vereinigung Schweiz); Beat Schulthess (Leiter Heilsarmee Zürcher Oberland) und der auf Sekten- und Glaubensfragen spezialisierte Journalist und Buchautor Hugo Stamm mit dem Thema auseinander. Simon Meier, der Leiter des Pastoralraumes Brugg-Windisch, stellt bei der Begrüssung jedenfalls fest: «Offensichtlich ist das Gebet etwas, das einem nahekommt.»

Hoffnung oder Trug?

Aber was ist es nun, dieses Gebet? Für Schwester Zita Estermann wird das Gebet «zwar nicht immer so erhört, wie wir uns das wünschen – aber es vermittelt Hoffnung». Sie gibt zu bedenken, dass das Gebet nicht immer eine Bitte sein müsse, sondern auch Dank zum Ausdruck bringen könne. Dem hält Ruth Thomas entgegen: «Für mich wäre das Gebet allein zu wenig. Abgesehen davon, dass es den Glauben an eine Gottheit voraussetzt.» Für Beat Schulthess ist das Gebet «sehr wichtig und ein wichtiger Teil meines Glaubenslebens». Hugo Stamm dagegen – «ich habe eine sehr kritische Haltung gegenüber der Religion, spreche aber niemandem den Glauben ab», betont er – kann dem Gebet nichts abgewinnen: «Das Gebet mag einen gewissen Trost vermitteln», räumt er ein. «Aber es ist ein trügerischer Trost.»

«Damit», so Jürgen Heinze, «könnten die Standpunkte nicht unterschiedlicher» sein. Und diese Standpunkte, so zeigt es sich im Laufe des Abends, sind offensichtlich unverrückbar zementiert.

Wo ist denn Gott?

Erwartungsgemäss taucht in der Diskussion rasch die grundsätzliche Frage nach der Existenz eines Gottes – dem Adressaten eines Gebetes – und dem Gottesbild auf, was im Publikum Emotionen hörbar werden lässt.

«Für mich ist Gott ein barmherziger Gott, dem ich vertraue und von dem ich hoffe, dass er mir den richtigen Weg zeigt», erklärt Schwester Zita Estermann. Für Hugo Stamm dagegen ist «das Gottesbild, das wir kultivieren, kindlich». Warum kommt er denn nicht?», fragt er. «Er hätte Millionen von Opfern, auch in Religionskriegen, verhindern können.» Auch den Heilungen durchs Gebet, wie sie von Beat Schulthess ins Gespräch gebracht werden, steht Hugo Stamm sehr skeptisch gegenüber. «Solche Heilungen konnten nie wissenschaftlich bewiesen werden», erklärt er. «In Freikirchen passieren solche Heilungen ständig. Es gibt zwar unerklärliche Spontanheilungen. Sie haben aber nichts mit dem Glauben zu tun.»

Auch zur Bibel gehen die Ansichten der Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer diametral auseinander. Sie könne «nicht einfach etwas glauben, weil das jemand so aufgeschrieben hat», erklärt Ruth Thomas und gibt zu bedenken: «Wenn die Energie, die in Glauben und Religion gesteckt wird, eingesetzt würde, um eine bessere Welt zu erreichen, wäre diese Welt tatsächlich besser.» Dass die Bibel das Wort Gottes sei, sei eine reine Annahme, sagt Hugo Stamm. «Das sind einfach Metaphern, die ich so nicht annehmen kann.» Damit fordert er den Widerspruch von Beat Schulthess heraus, für den aus seiner Sicht «alles belegbar» ist, was in der Bibel steht.

Immerhin gelingt es Gesprächsleiter Jürgen Heinze, das Ausufern der Podiumsdiskussion auf das brisante Thema Evolution kontra Schöpfung abzuwenden. Für den versöhnlichen Schluss sorgt Simon Meier. «Das breite Denken ist beeindruckend», stellt er fest, empfiehlt das Paulus-Wort «Prüfet alles und das Gute behaltet» und gibt zu bedenken: «Wichtig ist, dass wir Menschen sind, die miteinander unterwegs sind.»

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