Archäologie
Die ältesten Lenzburger kommen heim – doch das wäre um ein Haar schiefgegangen

Ein 6200 Jahre altes Grab wurde von Brugg nach Lenzburg transportiert – kein einfaches Unterfangen. Um ein Haar hätten die alten Gebeine zu Staub zerfallen können.

Nora Güdemann
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Gebeine aus der Kantonsarchäologie Brugg wurden ins Museum Burghalde gebracht
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Das Grab musste für den Transport in eine Holzkiste gepackt werden.
Doch: Die massgefertigte Box entpuppte sich als einen Zentimeter zu klein und passte nicht über eine Erhebung im Grabstein.
Doch die Mitarbeiter von Kantonsärchäologie und Transportfirma fanden eine Lösung.
Dann passierte es – bei einem Wendemanöver auf der Ladefläche rutschen die Hinterräder des Staplers über die Rampe.
Mit viel Schweiss, Nerven und Trickserei gelang es, den Stapler wieder zur richten.

Gebeine aus der Kantonsarchäologie Brugg wurden ins Museum Burghalde gebracht

Chris Iseli

Auf einem Bett aus Lehm ruhen seit über 6000 Jahren die Gebeine von neun Menschen. Sie starben in der Jungsteinzeit und können als Urlenzburger bezeichnet werden. Gefunden wurden die Überreste im Jahr 1959 beim Goffersberg Lenzburg.

Danach ruhten sie in den Depots der Kantonsarchäologie Aargau. Gestern wurden die Überreste aufwendig verpackt, verladen und gesichert. Das Museum Burghalde Lenzburg möchte die Urlenzburger wieder zu sich holen – und das ging fast schief.

«Der Schaden wäre irreparabel»

Jonas Nyffeler ist Archäologie-Kurator des Museums Burghalde. Jetzt steht er in Brugg vor den Goffersfeld-Gebeinen. Der Transport steht kurz bevor, das Grabfeld wurde bereits auf einer Palette positioniert. Zwischen den Knochen liegen weisse Polster, die die Überreste vor Schaden schützen sollen.

«Natürlich sind die Präparate versichert», sagt er. «Aber der Schaden wäre irreparabel, mal abgesehen vom kulturellen und wissenschaftlichen Verlust.» Die Transportroute sei minutiös geplant worden. Nyffeler ist zuversichtlich: «Die Gebeine haben bereits mehrere Umzüge überstanden.»

Während die Transportangestellten die ersten Vorkehrungen für den Verlad treffen, erklärt Nyffeler, warum das Museum Burghalde die Überreste bei sich ausstellen möchte: «Die Gebeine kommen zurück nach Lenzburg, dort sind sie nur 200 Meter von ihrer ursprünglichen Grabstelle entfernt.» In der Burghalde wird bereits seit mehreren Jahren eine Grossgrabanlage vom Goffersberg gezeigt.

Neu hinzu kommt ein Grab aus den Depots des Schweizerischen Nationalmuseums und jenes aus Brugg. Wie Nyffeler sagt, habe man im Museum sogar den Boden verstärkt – die Gräber wiegen zusammen mehr als eine Tonne. Heute sollen sie in einer Glasvitrine im Boden versenkt werden und ab dem 29. September können die Besucher einen Blick darauf werfen.

Deckel zu klein, Stapler zu gross

So weit ist es aber noch nicht: Das Grab muss für den Transport in eine Holzkiste gepackt werden. Doch: Die massgefertigte Box entpuppt sich als einen Zentimeter zu klein und passt nicht über eine Erhebung im Grabstein. «So kriegen wir das Grab nicht durch die Museumstür in Lenzburg», sagt Nyffeler. Er und die Transportangestellten finden eine Lösung.

An einer Seite der Kiste fräsen sie ein Loch ins Holz, denn so hat auch die Erhebung Platz. Während die Angestellten den Deckel der Kiste schliessen, erzählt Nyffeler: «Das Gräberfeld am Goffersberg ist einer der wenigen Bestattungsplätze, die aus der Zeit um 4000 v. Chr. im Mittelland belegt sind.» Die Knochen würden wichtige Hinweise zum Alter, Geschlecht oder der Gesundheit der Menschen geben.

Jene, über deren Gebeine gerade der Deckel geschraubt wird, starben im Alter zwischen 5 und 40 Jahren. Ihre Knochen sind gut erhalten. Auch die Grabbeilagen sind ausmachbar, wie beispielsweise kleine schwarze Perlen einer Kette: «Gegenstände im Grab ermöglichen Aussagen über die damalige Gesellschaft», sagt Nyffeler.

Speziell sei, dass das Grab der neun Urlenzburger im Stück ausgehoben und präpariert wurde. «Meist wurde Knochen für Knochen einzeln ausgegraben. Die Überreste der Goffersberg-Gräber sind schon einzigartig.»

Inzwischen wurde die Kiste mit dem Grab auf einem Stapler platziert und in den klimatisierten Lastwagen gefahren. Dann passierts – bei einem Wendemanöver auf der Ladefläche rutschen die Hinterräder des Staplers über die Rampe. Die Kiste schwankt, der Atem stockt.

Vor dem inneren Auge sieht man die 6200 Jahre alten Gebeine zu Staub zerfallen. Rund 20 Minuten lang probieren Nyffeler und die Transportangestellten den Stapler wieder zu richten und vor allem das Grab zu retten. Mit viel Schweiss, Nerven und Trickserei gelingt es ihnen.

Heute wird klar, ob es die ältesten Lenzburger sicher in ihr Glasvitrinenbett in der Heimat geschafft haben.

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