Brugg

Die Frage nach der Wahrheit: Streitendes Ehepaar landet vor Richter

Aufnahmen vom Bezirksgericht in Brugg AG. Fotografiert am 20. Dezember 2018.

Wahrheit oder Lüge? Diese Frage stellt sich das Bezirksgericht Brugg.

Aufnahmen vom Bezirksgericht in Brugg AG. Fotografiert am 20. Dezember 2018.

36-Jähriger soll seine Frau bedroht und beschimpft haben. Das Bezirksgericht Brugg musste die Aussagen auf ihre Glaubhaftigkeit prüfen.

Wer sagt die Wahrheit? Kommt sie überhaupt einmal ans Licht? Ein albanisches Ehepaar, das mittlerweile getrennt lebt, stand kürzlich vor dem Bezirksgericht Brugg. Luan soll seine Frau Sara (Namen geändert) verängstigt und beleidigt haben. Mehrfache Drohung, mehrfache Beschimpfung sowie auch Nötigung wurden ihm als strafbare Handlungen zur Last gelegt. Die beiden, so viel war an der Verhandlung zu erfahren, haben schon mehrfach die Polizei beschäftigt.

Der gross gewachsene, kräftige 36-Jährige im gepflegten dunklen Anzug und weissen Hemd nahm neben seinem Verteidiger Platz. An einem Tisch daneben sassen als Strafklägerinnen seine Stieftochter, an einem weiteren Tisch seine Frau Sara mit einem Rechtsanwalt. Sie wohnt noch in der – einst gemeinsamen – Wohnung in der Region Brugg.

Die Stieftochter kehrte ihre Aussagen komplett um

In dieser Wohnung kam es gemäss Anklageschrift zu mehreren Auseinandersetzungen zwischen Oktober 2017 und Februar 2018. Luan habe seiner Frau gesagt, er könne sie vernichten, mit einem Schlag kaputt machen, habe sie als «Schlampe» und «Nutte» bezeichnet. Mit den gleichen Worten hat er gemäss Anklageschrift seine Stieftochter bedacht, die aus einer früheren Beziehung von Sara stammt.

Diese Stieftochter konnte sich in der Befragung durch Gerichtspräsidentin Chantale Im­obersteg zwar an viele Streitereien erinnern, wollte aber gar nichts mehr wissen von vielen früheren Aussagen, die sie gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft gemacht hatte. Es sei zu 99 Prozent eine Lüge gewesen, sie habe sich mit ihrer Mutter abgesprochen.

Inzwischen wohnt sie bei ihrem Stiefvater. Ihr Leben habe sich verändert, sie habe ein neues Kapitel aufschlagen wollen, führte die Stieftochter aus. Ihre Mutter interessiere sie nicht mehr seit einem «belastenden Vorfall». Was genau geschehen war, sagte sie nicht. Einen Strafantrag gegen ihren Stiefvater zog sie zurück. Dieser habe sie nie bedroht oder erpresst, versicherte die Stieftochter. «Das war alles eine Lüge.»

Unbestritten war, dass es Auseinandersetzungen gab

Sie und ihr Mann hätten sich die ganze Zeit gestritten, bestätigte Ehefrau Sara. Bei einer Auseinandersetzung, schilderte sie, habe Luan ihren Arm gepackt, habe sie gestossen und geschlagen. Er habe ihr gesagt, er werde sie eliminieren.

Bei vielen Vorfällen konnte sie sich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern. Es sei viel gesagt worden, schlimme Sachen, räumte Sara ein. Auch sie habe geschrien. Sie habe Angst gehabt. Luan sei extrem aggressiv aufgetreten und eifersüchtig gewesen, habe ihr immer wieder aufgelauert, sie mitten in der Nacht angerufen. Sie habe sich in keinem Moment sicher gefühlt. Es habe immer nach seinem Willen gehen müssen, hielt Sara fest. Sie aber habe nicht mehr seine Marionette sein wollen.

Der beschuldigte Luan seinerseits bestritt, dass er seine Frau verängstigt oder geschlagen, die geballte Faust erhoben habe. Im Gegenteil: Wenn jemand laut geworden sei, dann sei sie es gewesen. Sie liebe es, zu manipulieren. Der gebürtige Albaner zeigte Fotos vom glücklichen Familienleben. «Wie ist das möglich, wenn ich ein so böser Mensch wäre?», fragte er.

Eskaliert sei die Situation, als er die Spiele seiner Frau nicht mehr mitgemacht habe, stellte Luan fest. Sie sei ausgeflippt, weil er wegen der Tochter eine Gefährdungsmeldung gemacht habe. Zu Tonaufnahmen, die von einem – hitzigen – Telefongespräch zwischen ihm und seiner Frau gemacht worden waren, wollte sich Luan nicht äussern. Diese seien illegal.

Bei einer Verwertung solcher Tonaufnahmen müsse differenziert werden, hob der Anwalt der Frau in seinem Plädoyer hervor. Seine Mandantin sei sonst nicht in der Lage, die Vorwürfe beweisen zu können. Ihre Ausführungen seien glaubhaft, führte der Anwalt aus. Wie von der Staatsanwalt beantragt, erachtete er eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 100 Franken als angemessen.

Der Verteidiger fordert einen Freispruch

Für Luans Verteidiger auf der anderen Seite war klar: «Es muss ein Freispruch erfolgen.» Sein Mandant sei provoziert worden und dann wütend geworden. Aber wütend zu sein, sei nicht verboten. Schwere Drohungen oder eine Nötigung konnte der Verteidiger keine erkennen. Auch körperliche Gewalt habe der Beschuldigte nie angewendet. Die Strafklägerin – bei der keine Spur von Angst zu spüren gewesen sei, so der Verteidiger – versuche alles, ihren Mann in ein schlechtes Licht zu rücken, scheue auch vor Unwahrheiten nicht zurück.

Niemand könne die Opferrolle so gut spiele wie seine Frau, sagte der Beschuldigte selber im Schlusswort. Wenn es nicht so gehe, wie sie wolle, dann mache sie den Menschen das Leben zur Hölle.

Mittlerweile liegt das schriftliche Urteil des Bezirksgerichts Brugg vor. Der Beschuldigte wird verurteilt zu einer bedingten Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 90 Franken. Die Probezeit wird auf zwei Jahre angesetzt. Ebenfalls muss er eine Busse zahlen von 1225 Franken und sich mit einem Anteil an den Gerichtskosten beteiligen.

Der Drohung wird er schuldig gesprochen in zwei Punkten, der Beschimpfung in einem Punkt. Bei den weiteren Anklagepunkten kam das Gericht zum Schluss, dass gewisse Aussagen der Strafklägerin zu wenig konkret oder gar widersprüchlich sind – dass also erhebliche Zweifel bestehen an der Glaubhaftigkeit. Die Tonaufnahmen des Telefongesprächs wurden als nicht verwertbar erachtet.

Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

Meistgesehen

Artboard 1