Windisch/Lenzburg
Die Hutmacherin mit dem langen Atem

Modistin Lucia Vogel ist eine der 60 Ausstellenden an der Authentica im Kloster Königsfelden.

Ursula Burgherr
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Lucia Vogel betreibt ihr Hutatelier «überhaupt» mit grosser Leidenschaft im Wisa-Gloria-Haus A in Lenzburg.

Lucia Vogel betreibt ihr Hutatelier «überhaupt» mit grosser Leidenschaft im Wisa-Gloria-Haus A in Lenzburg.

SEVERIN BIGLER

Der Hut schützt im Sommer vor schädlicher Sonneneinstrahlung und wärmt im Winter die Ohren. Und: Kaum ein anderes Accessoire kann den eigenen Stil so unterstreichen wie die Kopfbedeckung. Trotzdem: «Als ich mich nach meiner Ausbildung zur Modistin selbstständig machte, waren Hüte total out», erzählt Modistin Lucia Vogel inmitten der neuen Sommerkollektion, die sie in ihrem Lenzburger Atelier «überhaupt» präsentiert. Fast alle Schweizer Hutfabriken sind mittlerweile eingegangen. Die 49-Jährige hält sich in einem Beruf aufrecht, der durch wechselnde Trends und billige Internetangebote fast von der Bildfläche verschwunden ist. Und genau das sieht sie als Chance. Wo kriegt man denn heute noch einen perfekt sitzenden Hut auf Mass?

In Vogels Showroom, der im Wisa-Gloria-Industrieareal beheimatet ist, fällt der Blick auf die rund 30 frisch geschaffenen Gebilde aus Sisol- und Panamastroh für die neue Sommerkollektion. Viele der Hutkreationen kreiert die gebürtige Badenerin aus Naturfasern wie südamerikanischen Palm- und Agavenblättern. Das Flechthandwerk stirbt in den Herstellungsländern jedoch langsam aus. Umso teurer wird es für die Modistin, hochwertige und handgeflochtene Rohlinge zu beziehen, die sie nass über ihre verschiedenen hölzernen und metallenen Hutblocks spannt und anschliessend appretiert.

Sie will Frauen nicht verkleiden

Im aktuellen Sortiment gibt es auch zahlreiche Fascinators. Der festliche Kopfschmuck, der weniger Hut als viel mehr Reifen mit opulenten Gebilden aus Federn, Seidenblumen und Pailletten ist, wird vor allem am legendären Pferderennen in Ascot aber auch für Feste wie Hochzeiten gerne getragen. Ganze Früchtekörbe auf dem Kopf zu balancieren, wie es oft in der Klatschpresse gezeigt wird, liegt Vogel jedoch nicht. Sie lässt bei all ihren Arbeiten die Devise «Weniger ist mehr» walten und will Frauen nicht verkleiden, sondern «die Vorzüge ihrer Persönlichkeit unterstreichen».

Den grössten Absatz macht die Hutmacherin aus Lenzburg mit sportlichen, zusammenfaltbaren Binde- und Schildmützen aus reversiblem Baumwollstoff. Die in bis zu 10 Stunden Handarbeit und auf Mass angefertigten Modelle kosten zwischen 140 und 500 Franken. Auf Internet sind Billighüte aus Asien zu einem Bruchteil erhältlich. Das war mit ein Grund, dass Vogel ihren gut frequentierten Laden im Herzen von Aarau aufgegeben hat. «Ich hatte genug davon, mit Passanten ständig über Preise und Prozente zu diskutieren», erzählt sie und fügt hinzu, «die geringe Wertschätzung im Handwerk ist sehr frustrierend.»

Hüte gelten wieder als cool

Die Laufkundschaft ist zwar weg, aber Vogel hat eine treue Klientel, die ihre Arbeit und Qualität anerkennt und schätzt. Ihr Fokus liegt mittlerweile neben Massarbeiten vor allem auf Ausstellungen wie zum Beispiel die Authentica im Kloster Königsfelden in Windisch. Lucia Vogel hat sich seit ihrer Schulzeit nichts anderes gewünscht, als Modistin zu werden. Sie war zehn Jahre lang Ausbildnerin für angehende Modistinnen an der Berufsschule für Mode und Gestaltung in Zürich und wirkt seit der Zusammenlegung der Lehre von Modistinnen und Schneiderinnen als Expertin für Lehrabschlussprüfungen. Heute heisst der Beruf offiziell «Bekleidungsgestalter/-in mit Schwerpunkt Kopfbedeckung».

Die Bedeutung des Huts als praktisches und modisches Accessoire erlebt derweil ein spürbares Comeback. Dank dem Einfluss der Musik- und Filmszene gelten Männerhüte wie Trilby und Fedora wieder als cool. Auch für Damen!

Der Verein Authentica, der vom 21. bis 23. April für die Spezialitätenmesse im Kloster Königsfelden Brugg-Windisch verantwortlich zeichnet, fördert den Fortbestand von engagierten regionalen Kleinproduzenten und Konsumenten, die Eigenständiges von hoher Qualität suchen. Alle der 60 engagierten Macherinnen und Machern aus Klein- oder Einzelunternehmen begrüssen die Besucher an der Authentica im Kloster Königsfelden persönlich und berichten gerne über die Herstellung ihrer ausschliesslich handgemachten Produkte. Im Klostergarten werden Köstlichkeiten von ausgewählten lokalen Produzenten serviert.

Öffnungszeiten: Fr 12 bis 21 Uhr, Sa 10 bis 19 Uhr, So 10 bis 17 Uhr. Weitere Infos
auf www.authentica.ch.

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