Brugg

Die Sozialarbeiter helfen kleinen Königen den richtigen Weg zu finden

Deborah Speck (32, Primar) und Reto Michel (52, Oberstufe) sind Schulsozialarbeiter an der Schule Brugg.

Deborah Speck (32, Primar) und Reto Michel (52, Oberstufe) sind Schulsozialarbeiter an der Schule Brugg.

An der Schule Brugg sind seit zehn Jahren Sozialarbeiter aktiv. Sie helfen in Momenten, in denen Schüler für eine Klasse untragbar werden. Das System hat sich bewährt und die Verantwortlichen sprechen von einer Erfolgsgeschichte.

Was tun mit einem Schüler, der im Unterricht ständig hineinredet? Was tun, wenn einer einfach so aufsteht und im Schulzimmer herumläuft? Was tun, wenn ein Kind ständig andere mobbt, herumpöbelt oder andere schlägt? Was tun, wenn sich ein Kind völlig zurückzieht, keine Freunde findet, mit niemandem spielt?

Mit solchen Fragen sind Lehrpersonen im Schulalltag immer wieder konfrontiert. Früher wäre in der einen oder anderen Situation der Rohrstock zum Einsatz gekommen. Heute springt die Schulsozialarbeit ein. Diese versucht, gemeinsam mit dem Kind Lösungen für die Probleme zu finden. Häufig werden auch die Eltern und die Lehrpersonen hinzugezogen.

Auch die Schule Brugg arbeitet nun bereits seit zehn Jahren mit Sozialarbeitern zusammen. Unterstellt sind sie den Sozialen Diensten der Stadt Brugg. «Es ist eine Erfolgsgeschichte», ist der Leiter Jürg Schönenberger überzeugt.

Beratung nach Themen (Grafik)

Es sei zwar schwierig, den Erfolg mit Zahlen zu belegen oder finanziell zu messen, doch die Rückmeldungen bestätigen, dass die Sozialarbeiter einen wichtigen Job erledigen. Gesamtschulleiter Peter Merz ergänzt: «Wenn ich von einem Fall höre, denke ich oft: ‹Was würden wir jetzt nur ohne die Schulsozialarbeit tun?›. Das sind dann die Momente, in denen man merkt, wie wichtig diese Dienstleistung ist.» Momente beispielsweise, in denen ein Schüler für eine Klasse untragbar wird.

Ohne die Schulsozialarbeit würde der Konflikt eskalieren und das Klassenklima beeinträchtigen.

Früher brauchte es das auch nicht an den Schulen, lautet manchmal die Kritik an der Schulsozialarbeit. Das lassen die Verantwortlichen nicht gelten. «Ich denke, dass es das auch schon früher gebraucht hätte», sagt Peter Merz. «Mobbing gab es genauso. Und noch heute leiden diese mittlerweile vielleicht 50- oder 60-jährigen Personen darunter.»

Das Angebot ausbauen

Die Schule Brugg ist mittlerweile so weit, dass sie das Angebot der Schulsozialarbeit auf umliegende Gemeinden erweitern könnte. «Das dürfte in der nächsten Zeit aktuell werden», sagt Jürg Schönenberger. Denn viele kleinere Gemeinden könnten nur ein kleines Pensum anbieten. Diese wiederum wären schwierig zu besetzen.

Ob kleine oder grosse Schule: Die Probleme und Anliegen der Schüler dürften überall etwa gleich sein. Statistiken der Schule Brugg zeigen, dass es in den Beratungen oft um soziale Auffälligkeiten geht.

Es geht also um Schüler, die laut, gewalttätig, respektlos, oder aber auch zurückgezogen, leise oder introvertiert sind. Das Spektrum ist riesig und häufig sind es nur die Symptome für ein tiefer liegenderes Problem, das die Kinder beschäftigt, wie Sozialarbeiterin Deborah Speck (32) erklärt. Sie spricht von Kindern aus anderen Kulturen, die zu Hause eine völlige andere Erziehung erhalten, als sie im Allgemeinen in der Schweiz gilt.

«Viele Kinder müssen einen Spagat zwischen Schule und Elternhaus machen. Das kann zu Problemen führen», gibt Deborah Speck zu bedenken. Hinein spielt beispielsweise das Rollendenken, die Stellung von Frauen in der Gesellschaft oder auch die Erziehung, die teilweise massiv kontrollierter, unkontrollierter oder gewaltreicher – physisch wie psychisch – sein kann.

Oder da gibt es Kinder, die bis zum Eintritt in den Kindergarten überbehütet waren, zu Hause «König» waren, wie es Sozialarbeiter Reto Michel (52) ausdrückt. Diesen Kindern fällt es dann schwer, sich in einer grösseren Gruppe zu integrieren und teilweise eigene Interessen zurückzustellen.

Beratungen nach Geschlecht und Schule (Grafik)

Das Thema «Freunde finden» sei in der Primarschule immer aktuell, erzählt Deborah Speck. «Es gibt Kinder, die haben nie gelernt, wie man soziale Kontakte knüpft, weil sie es zu Hause nicht mitbekommen haben.»

Eltern müssten ihrem Kind zeigen, wie es zum Spielen abmachen kann. Andere Eltern wiederum wollen gar nicht, dass ihr Kind soziale Kontakte pflegt, weil sie den Umgang mit anderen Kindern nicht gut finden. Das führe dann dazu, dass das betroffene Kind völlig überfordert ist, wenn es eingeschult wird.

Reto Michel erzählt von Fällen der Wohlstandsverwahrlosung, die vor allem an der Oberstufe vorkommen. Davon betroffen sind Jugendliche, die von ihren Eltern mit materiellen Dingen wie Handys oder Markenkleidern überhäuft werden. Sie kompensieren damit den Fakt, dass sie zu wenig Zeit in ihre Kinder investieren, diesen keine Grenzen setzen und/oder sich selber überlassen. Diese Schüler verhalten sich unter Umständen auffällig und sind daher ein Fall für Reto Michel.

Er dreht zum Beispiel in den Pausen seine Runden auf dem Pausenplatz. «Da gibt es oft kurze Gespräche von zwei, drei Minuten, die aber schon sehr wertvoll sein können», sagt Reto Michel. «Wir arbeiten sehr niederschwellig.»

Die Kinder und Jugendlichen kommen eher selten von sich aus zum Sozialarbeiter. Er macht aber die Beobachtung, dass häufig andere Schüler ihre Kollegen dazu ermuntern, sich Hilfe bei der Schulsozialarbeit zu holen. Das sei ein gutes Zeichen, meint Michel.

Wichtig sind die Eltern

Die Schüler haben jederzeit die Möglichkeit, Kontakt zu den Sozialarbeitern aufzunehmen. «Wir haben in allen Schulhäusern Briefkästen, wo sich die Kinder schriftlich bei uns melden können», erklärt Deborah Speck. Vieles erfahren Michel und Speck aber auch über die Lehrpersonen.

Essenziell ist es für die Sozialarbeiter, dass die Eltern kooperieren und bereit sind, gemeinsam mit ihrem Kind Lösungen zu finden. Nicht immer aber klappt dies. «Dann muss man die Situation entweder aushalten oder, wenn es sich um ein schwerwiegenderes Problem handelt, an weitere Fachstellen weitergeben», erklärt Deborah Speck.

Das ist der Moment, in dem auch die Sozialen Dienste mit ihren weiteren Stellen, beispielsweise die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, ein Psychiater oder die Suchtberatungsstelle, miteinbezogen werden.

Es sind komplexe Fälle, die die Schule selber nicht bewältigen kann: Alkohol-Probleme des Vaters, eine schwere Krankheit der Mutter oder finanzielle Sorgen in der Familie.

Für die Zukunft hoffen Deborah Speck und Reto Michel, dass sie ihre Zeit vermehrt in die präventive Arbeit stecken können, um so schwierigen Fällen vorzubeugen.

Themen nach Geschlecht (Grafik)

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