Sie haben eine Prüfung hinter sich, doch die vergangene Anspannung sieht man ihnen nicht an. Locker betreten 19 Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Wettingen das Schulzimmer, setzen sich und sind neugierig auf das, was sie erwartet: «Gönnen Sie sich einen Tag, an dem Sie Ihre eigenen Kräfte anzapfen», sagt Kurt Wiedemeier, Rektor der Kantonsschule Wettingen, zur Klasse G2C.

Alle Blicke richten sich auf den Gast, der – fast unbemerkt – plötzlich da ist: eine zierliche Frau mit feinen Gesichtszügen und wasserhellen Augen, Marion Poschmann. Für den Literaturkritiker der deutschen Tageszeitung «Die Welt» ist sie «eine grosse Schriftstellerin, eine der modernsten, die wir haben».

«Ich schreibe Liebesromane»

Nun ist die Autorin zu den Brugger Literaturtagen angereist, macht vorerst aber eine Stippvisite in der Kantonsschule Wettingen. Sie nimmt sich Zeit für einen Workshop mit der Klasse G2C. Werner Bänziger, Lehrer und Vorsitzender der Literaturkommission, stellt die Schriftstellerin kurz vor.

Ausgehend vom Thema «Der erste Satz» möchte die Autorin mit den Schülerinnen und Schülern kleinere Texte erarbeiten, «sodass wir nachmittags eine Performance gestalten können». Diese wird morgen im Salzhaus – im Rahmen der Schlussveranstaltung zum Thema «Ist literarisches Schreiben lernbar?» – zu erleben sein.

Ob man die Tische nicht anders, zu einem grossen Viereck, verschieben könne, fragt Marion Poschmann. Klar. Das Resultat überzeugt: Jeder kann nun jeden sehen. Die Autorin lächelt, sagt: «Meine Bücher sind sehr anspruchsvoll. Meine Texte schreibe ich mit dem Füller; bin ich auf einer Bühne, trage ich Schwarz.»

Und weiter: «Ich schlage vor, dass jeder von Ihnen sich zuerst einen Autorennamen zulegt.» Fünf Minuten Zeit bleiben dazu. Danach ist die Klassenbesucherin überrascht. Sie entdeckt auf einem Zettel den Namen Hermann P., aber der frischgebackene Autor will sich nicht erklären, dafür umso mehr Debi Sparks: «Ich schreibe Liebesromane, die unglücklich enden.»

Die Schriftstellerin Lisbeth Meier «schreibt über historische Ereignisse»; ein laut eigenem Bekunden «grosser Lyriker schreibt am liebsten Romane»; eine Autorin bekennt: «Ich bin über 80 und schreibe meine Biografie»; eine weitere Schriftstellerin sagt offen: «Meine Personen sind emotional nicht ganz gesund.»

Das hört sich vielversprechend an, aber damit ist der erste Satz eines Romans noch nicht geschrieben. «Schauen wir einmal, welche Auswirkungen der erste Satz auf einen Text hat», sagt Marion Poschmann zur Klasse und verweist auf den berühmten Märchenbeginn «Es war einmal.» Was lässt sich damit anfangen?

Kurzweilig, ja abenteuerlich

Als Nächstes werden «Zeit»-Magazine verteilt: «Blättert sie durch und greift fünf Worte heraus, die euch spontan gefallen.» Abermals werden Kugelschreiber zur Hand genommen; erneut beugen sich Köpfe übers Papier. Fast nichts stört die Ruhe, ausser das leise Rauschen der nahen, stetig befahrenen Autobahn. Auch diese fünf Minuten verstreichen rasch. Was nun?

Jeder pflückt ein Wort heraus, schreibt es auf einen Zettel und schiebt diesen nach links, dem Nachbarn oder der Nachbarin zu – bis sich eine Geschichte an die andere fügt. Beim Lesen hört sich das ebenso kurzweilig wie abenteuerlich an. Schade, dass die Besucherin nicht länger in der Klasse verweilen kann.

Dabei haben die Schüler zur Schere gegriffen und Bilder aus Magazinen herausgeschnitten und auf ein Blatt Papier geklebt. Welche Worte werden sie dazu finden, fragt sich die Besucherin – und freut sich auf den Anlass im Salzhaus: «Ist Schreiben lernbar?»