Windisch

Diese Frau aus Windisch regt zum Umdenken an

Ob Radio, Toaster oder Wasserkocher: Im Repair Café kann das meiste repariert werden. Das liegt Monika Blum – hier in ihrer Wohnung in Windisch – am Herzen. Mario Heller

Ob Radio, Toaster oder Wasserkocher: Im Repair Café kann das meiste repariert werden. Das liegt Monika Blum – hier in ihrer Wohnung in Windisch – am Herzen. Mario Heller

Monika Blum (68) ärgert sich über die Wegwerfgesellschaft – darum hat sie das Repair Café in die Region gebracht.

Red-Bull-Dosen werden achtlos ins Gebüsch geworfen, Kleider mit einem Loch drin landen im Abfall, genauso passiert es mit der Stereoanlage, dem Staubsauger, dem Toaster oder dem Wasserkocher. Was nicht mehr richtig funktioniert, wird prompt entsorgt – oft nicht einmal an den dafür vorgesehenen Stellen. Ein Verhalten, das Monika Blum überhaupt nicht verstehen kann, ja fassungslos macht.

Die 68-jährige, ehemalige Betreuerin von behinderten Kindern versucht zu vermeiden, was die Gesellschaft tagtäglich gedankenlos tut. Ihr öffentlicher Einsatz hat mit dem Film Plastic Planet zu tun. Ein Film, der eindrücklich zeigt, wie die Welt mit Plastikgegenständen verseucht ist. Seither versucht Monika Blum, mit möglichst wenig Plastik zu leben. Es war zwar nicht das erste Mal, dass sie sich mit dem Thema Ressourcenverschwendung auseinandersetzte. Doch es war die Initialzündung dafür, in die Öffentlichkeit zu gehen.

Billig-Kleiderläden meidet sie

Jedenfalls kaufte sie einige Tage nach der Filmvorführung im Internet Mehrwegsäcke und verteilte diese dann in der Migros, damit die Kunden nicht automatisch auf die kleinen Plastiksäcke zurückgreifen. Mit Erfolg. «Von den meisten erhielt ich Komplimente dafür», erinnert sich Monika Blum. Sie kauft biologisch angebaute Lebensmittel, schränkt sich beim Kleider Kaufen ein. Und vor allem «mache ich keinen Schritt in diese Billigkleiderläden, auch wenn es durchaus schöne, modische Kleider darunter hat», sagt Monika Blum. «Es ist haarsträubend, unter welchen Bedingungen diese Kleider produziert werden.» Doch auch sie sei nicht perfekt. «Es passiert mir auch hin und wieder, dass ich beispielsweise Lebensmittelreste im Kühlschrank vergesse und dann wegwerfen muss», sagt sie. Und: «Statt Plastikbehälter brauche ich nun Gläser, um Vorräte aufzubewahren. Aber kürzlich wurde bekannt, dass der Sand, aus dem Glas hergestellt wird, immer rarer wird», erzählt sie. «Das zeigt doch, dass es nicht einfach ist, eine Lösung für solche Probleme zu finden.» Das heisse auch, dass es darum geht, möglichst rücksichtsvoll und verantwortungsbewusst mit den Ressourcen umzugehen, egal, um welche es sich dabei handle. «Es ist der gedankenlose Umgang mit Sachen und Ressourcen, der mir wehtut», ergänzt Monika Blum.

Um wenigstens der Wegwerf-Mode etwas entgegenzuwirken, hat sie das Repair Café (ursprünglich initiiert vom Konsumentenschutz) in der Region Brugg ins Leben gerufen. Im Mikado Café der Stiftung Domino in Windisch findet am Samstag 30. Mai bereits das dritte Repair Café statt. Der Name ist Programm: Es können Sachen vorbeigebracht werden, die nicht mehr funktionieren. Diese werden dann von Handwerkern oder sonst begabten Allroundern gratis geflickt. Einzig das allfällige Ersatzmaterial muss bezahlt werden. Dazu können die Besucher Kaffee und Kuchen geniessen. Die Reparatur ist jeweils kostenlos, es soll schliesslich auch der Austausch unter den Leuten gefördert werden.

Neues Zuteilungssystem überlegt

Bereits beim zweiten Anlass stiess das OK um Monika Blum an die Grenzen. Fünf bis sechs Frauen kümmern sich jeweils um die Organisation, sorgen dafür, dass auch genügend Handwerker da sind, die all die Sachen versuchen zu reparieren. Eine Garantie, dass es funktioniert, gibt es nicht, aber meistens könne man etwas machen. Das scheint die Menschen zu begeistern. Denn viele mussten sich das letzte Mal gedulden, bis sie mit ihrem kaputten Gegenstand an die Reihe kamen. 60 Personen zählte Monika Blum am Morgen, rund 100 Personen besuchten das Repair Café bis zum Ende des Tages. Ein Andrang, der für das kleine Team und die Lokalität nicht mehr einfach ist zum Handhaben. Darum ist Monika Blum auf der Suche nach weiteren Interessierten – Handwerkern und Organisationstalenten –, die sich für das Repair Café einsetzen möchten. Auch der Standort müsse diskutiert werden, sollte es beim dritten Anlass wieder zu einem grossen Andrang kommen. Für das dritte Repair Café haben sich die Verantwortlichen ein neues Zuteilungssystem überlegt. Dieses soll Wartezeiten verkürzen. Wiederum werden sich rund 15 Handwerker um die kaputten Sachen kümmern, sechs Personen sind im Café im Einsatz.

Obwohl Monika Blum das Repair Café in Windisch ins Leben gerufen hat, sieht sie sich nicht als das Zugpferd. Ginge es nach ihr, könnte sie ihre Aufgaben gut abgeben. Denn die Frau mit den kurz geschnittenen grauen Haaren und den braunen Augen, die bei jeder Idee zu leuchten beginnen, hat noch ganz andere Projektideen. Zum Beispiel würde sie gerne, nebst ihrer Arbeit in ihrer eigenen Akupunktur-Praxis, auf einem Bio-Bauernhof mithelfen. Da wäre aber auch noch die Idee vom gemeinsamen Wohnen. Monika Blum stellt sich eine Gemeinschaft in Wohnblöcken vor, die füreinander da ist. Dass man sich gegenseitig unterstützt, füreinander einkaufen geht oder die Kinder hütet. Oder dass Studenten und ältere Menschen gemeinsam unter einem Dach wohnen, einander im Alltag helfen und davon profitieren können.

Es ist dieser soziale Gedanken, der Monika Blum antreibt, solche Projekte zu lancieren oder zu unterstützen. Und das Ziel, den Menschen klar zu machen, dass «wir nur diese eine Erde haben». Sie wünscht sich, dass den Menschen – gerade hier im westlichen Europa – bewusster wird, wie sehr Ressourcen hier verschwendet werden. «Doch wir sind noch zu träge, um etwas zu tun», meint sie. «Weil es uns einfach total gut geht.» Es brauche wohl noch einige Ereignisse, damit allen bewusst wird, dass die Ressourcen nicht unendlich vorhanden sind.

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