Unterwegs auf der Römerstrasse (4)

Frauen bezahlten doppelten Eintritt: Das älteste Militärbad überzeugt mit ausgeklügelter Architektur

Die 11. Legion, die in Vindonissa stationiert war, machte auf ihrem Weg nach Norden Halt in Brigobanne, dem heutigen Städtchen Hüfingen in Baden-Württemberg. Das Ergebnis: Hier wurde das wohl älteste römische Militärbad nördlich der Alpen entdeckt.

Das erste Mal seit Wochen betritt Martina Schulz die riesige Holzscheune mit dem markanten Dach neben dem Flüsschen Breg. Darin befindet sich das wohl älteste römische Militärbad nördlich der Alpen. Normalerweise kommen im Frühling und Sommer etliche Gruppen, um sich von Martina Schulz durch die stattliche Anlage in Hüfingen (Brigobanne) führen zu lassen. Jährlich waren es zwischen 7000 bis 10000 Besucher. «Wegen des Coronavirus wurde auch bei uns alles lahmgelegt», sagt sie. Erst seit wenigen Tagen sind die Führungen wieder möglich. Beim Anblick der Anlage, die sie so lange nicht mehr gesehen hat, packt die Gästeführerin gleich wieder die Begeisterung. «Das Römberbad verbindet Hüfingen mit der Weltgeschichte.»

Martina Schulz führt als Marcia ins älteste römische Kastellbad nördlich der Alpen in Hüfingen (Brigobanne)

Martina Schulz führt als Marcia ins älteste römische Kastellbad nördlich der Alpen in Hüfingen (Brigobanne)

AZ-Redaktorin Janine Müller wanderte entlang der Römerstrasse Aare-Neckar von Windisch nach Rottweil (D).

Mit genauso viel Enthusiasmus geleitet sie die Gäste durch die Geschichte des Bads, das im Rahmen der militärischen Besetzung entstand. Das erste Kastell aus Holz und Erde datiert aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius (41 bis 54 n. Chr.). Die Soldaten bewachten hier am westlichen Rand des Donau­limes den wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Hier trafen die Strassen vom Süden in den Norden und vom Osten in den Westen aufeinander.

Das zweite Kastell, das massiver gebaut wurde, wurde in der frühflavischen Zeit um das Jahr 70 n. Chr. – zur Zeit von Kaiser Vespasian – letztmals erweitert. Die Therme gilt als das älteste römische Militärbad nördlich der Alpen. In etwa 100 Personen hatten auf einmal Platz im Bad. Unter anderem war die 11. Legion, die auch in Vindonissa war, in Brigobanne stationiert.

Um den Gästen die Geschichte lebendiger zu erzählen, verkleidet sich Martina Schulz als Römerin Marcia. Über der weissen Tunika trägt sie einen lindengrünen Überwurf, am Arm hängt ein Korb mit den üblichen Badeutensilien: Schuhe aus Holz, damit man sich die Füsse nicht verbrennt, Öl und die Strigilis, ein Eisen, mit dessen Hilfe man den Dreck und das Öl von der Haut schabte. Marcia führt die Besucher zuerst in den Umkleideraum (Apodyterium), wo zur Römerzeit auch Diebe ihr Unwesen getrieben haben. Selbstverständlich sieht man vom Raum nur noch Bruchstücke.

Ein römischer Philosoph beklagt sich über Lärm

Vom Umkleideraum geht es weiter zum Kaltwasserbereich (Frigidarium), um sich dort zu waschen. Selbstverständlich sind die Räume aber geheizt, genauso die Liegen. Im lauwarmen Raum (Tepidarium) liessen sich die Badbesucher massieren und von Ärzten behandeln, auf dem Sportplatz machten sie Übungen. Selbst Frauen betätigten sich sportlich – übrigens in einer Art Bikini, wie man heute weiss. Als nächster Schritt folgte der Heissbaderaum (Caldarium) mit einem Wasserbecken mit einer Temperatur von gut 40 Grad. Zum Abkühlen gings zurück ins Frigidarium, Besucher ruhten sich im Apodyterium aus.

Der römische Philosoph Seneca beschrieb in einem Brief die Szenen im römischen Bad folgendermassen: «Der mannigfaltigste Lärm umrauscht mich hier von allen Seiten. […] Nun stelle dir alle die verschiedenen Töne vor, die einen dazu bringen können, dass man seinen eigenen Ohren grollt. Wenn die Stärkeren sich üben und ihre mit Blei beschwerten Hände schwingen, wenn sie sich abarbeiten oder Arbeitende nachahmen, so vernehme ich Geächze und, so oft sie den angehaltenen Atem ausstossen, dessen heftiges Zischen. […] Kommt nun auch noch ein Ballschläger dazu und fängt an, seine Schläge zu zählen, so ist kein Bleiben mehr. Denke dir ferner das viele Gezänke und Geschrei, wenn ein Dieb erwischt wird. […] Ausser diesen Tönen, die doch wenigstens natürlich sind, stelle dir die feine und schrille Stimme vor, die ein Haarzupfer herauspresst, um sich bemerkbarer zu machen; der schweigt nicht eher, als bis er etwas zu zupfen hat, wo er denn den anderen für sich schreien lässt.»

Ein Bad mit prunkvoller Ausstattung

Herausragend ist die Versorgung des Bads mit heissem Wasser und warmer Luft. Die sogenannte Hypokaustheizung sorgte für die richtige Temperatur im Bad. Vergleichbar ist sie mit den heutigen Wand- und Bodenheizungen. Vorstellen muss man sich das so: Von einer Holzfeuerstelle im Aussenbereich – wo sich die Römer niederliessen, waren Flurschäden und Waldabholzungen nicht weit – führten Kanäle die heisse Luft in die Hohlräume unter dem Fussboden, die durch viele kleine Säulen gestützt wurden.

Diese Säulen sind bei den meisten Badruinen heute noch sichtbar, im Gegensatz zu den eigentlichen Böden. Die warme Luft gelangte zudem durch Hohlziegel in den Wänden ins Freie. Einerseits wurden so die Wände gewärmt, andererseits wurde so der benötigte Luftzug für die Zirkulation hergestellt. Das Wasser wurde ebenfalls bei der Holzfeuerstelle erhitzt und dann mit Eimern oder Bleirohren in die Becken geführt.

Abwasserkanäle, die häufig noch mit ­Latrinen versehen waren, ­wurden in den Fluss abgeleitet. Die Funde eines Mosaikbodens aus gelben und blauen Dolomitsteinchen und eines Fussbodens aus parkettartig verlegten Ziegeln stechen im Militärbad ebenfalls hervor. Sie zeugen von der prunkvollen Ausstattung des Bads.

Frauen bezahlten den doppelten Eintritt

Zu diesem hatten übrigens auch die Frauen mit ihren Kindern Zutritt. «Sie mussten aber das Doppelte bezahlen», sagt Martina Schulz. Weiter ist bekannt, dass sich die Menschen die Haare bleichen liessen, weil blondes Haar als schön galt. «Dafür nutzten sie Essig und Blei», erklärt Schulz. «Bei einigen führten die Giftstoffe des Bleis dazu, dass die Haare ganz ausfielen.»

Brigobanne ereilte etwa im Jahr 250 n. Chr. dasselbe Schicksal wie weitere Ortschaften entlang der Römerstrasse: Mit dem Abzug der Truppen weiter Richtung Norden verlor das Städtchen an Bedeutung. Münzfunde beweisen allerdings, dass das Bad noch lange nach Abzug der römischen Truppen von den Bewohnern der zivilen Siedlung genutzt wurde.

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