Schwester Liliane Juchli
Für Pflegepionierin Liliane Juchli steht der Mensch im Pflege-Mittelpunkt

Schwester Liliane Juchli ist die Pflege-Pionierin. Ihr Lehrbuch ist «das» Werk unter den Berufsleuten. Mit Brigitte Boss, Schulleiterin der Berufsfachschule Gesundheit und Soziales Brugg, hat sie sich über die Pflege und ihre Entwicklung unterhalten.

Irene Hung-König
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«Um etwas zu verändern, braucht es die Politik»: Schwester Liliane Juchli (Mitte), Brigitte Boss und Moderator Urs Franzini im Königsfelder Festsaal.

«Um etwas zu verändern, braucht es die Politik»: Schwester Liliane Juchli (Mitte), Brigitte Boss und Moderator Urs Franzini im Königsfelder Festsaal.

Irene Hung-König

Schwester Liliane Juchli sitzt im Königsfelder Festsaal am Tisch, das Mikrofon in der Hand und muss lachen. Soeben wurde sie von Gesprächsleiter Urs Franzini gefragt, was sie heute gemacht habe. Liliane Juchli überlegt kurz: «Ich habe ausgeschlafen und dann die Mails beantwortet. Wenn ich nämlich zu lange warte, verschwinden diese plötzlich.»

Die zahlreichen Frauen und einige Männer im Königsfelder Festsaal lachen. Sie scheinen vertraut zu sein mit der Frau, die in ihrem Ordenskleid da sitzt und erfrischend, aber auch nachdenklich aus ihrem Leben erzählt.

Sie hören diesem Gespräch mit Liliane Juchli und Brigitte Boss, Schulleiterin der Berufsfachschule Gesundheit und Soziales , zu, da sie wissen, wovon die beiden Frauen sprechen. Brigitte Boss hat nach Liliane Juchlis Werken gelernt und gelehrt. Die Gäste sind Lernende oder erfahrene Fachkräfte in Pflegeberufen.

Aus Mangel entstand Lehrbuch

Eine kurze Filmsequenz aus «Liebe schafft Pflege» zeigt Schwester Liliane am Steuer eines Schiffes. Man könnte auch sagen, sie habe mit ihren Büchern die Lehre der Pflege in den letzten vier Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts gesteuert.

Ihr Pflege-Lehrbuch «Umfassende Krankenpflege» aus dem Jahr 1971 entstand aus ihrem Pflege-Tagebuch, das sie als Krankenschwesterschülerin führte. Das Buch entstand aus einem Mangel heraus: «Wir hatten damals keine Pflegetheorie.»

Liliane Juchli steht für die Gesamtheit der Pflege ein. Diese umfasst sowohl die Sorge des Patienten wie auch die der Pflegenden. «Erinnern Sie sich noch an die ‹Douglas-Methode›?», fragt Liliane Juchli in die Runde hinein. Einige nicken. «Wir haben die Kissen stundenlang hin- und hergebettet. Wieso das Ganze? Das konnten uns die Schulschwestern nicht sagen.»

Die gelernte Kinderkrankenschwester Brigitte Boss hat die diversen Lehrbücher von Liliane Juchli in ihrer Ausbildung zur Berufsschullehrerin kennen gelernt. Sie steht dafür ein, dass der Pflegeberuf auch von der Gesellschaft nicht nur wahrgenommen, sondern als sinnvoller Beruf anerkannt wird. «Wir möchten dies von der Berufsfachhochschule her als Vorbilder zeigen», sagt Brigitte Boss. Liliane Juchli stimmt dem zu: «Dieser Auftrag ist wichtiger denn je.»

Moderator Urs Franzini, Verantwortlicher Weiterbildung an der BFGS, will von den Frauen wissen, wohin die Pflegeberufe in Zukunft steuern. «Zeit haben ist Qualität», sagt dazu Brigitte Boss. «Ein gutes Wort in kurzer Zeit zu sagen ist mehr wert, als 15 Minuten neben dem Bett eines Patienten zu stehen und gedanklich nicht da zu sein.» Liliane Juchli stimmt dem zu und münzt die Aussage auf die Lernenden, die Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit und Betreuung (FaGe und FaBe) um. «Der Raum für die Lernenden muss da sein, dazu braucht es keine langen Gespräche, nur ein kurzer Austausch.»

«Was sind sie im Herzen von Beruf?», fragt ein Zuhörerin Liliane Juchli. «Ich bin ein Mensch, der menschlich mit anderen leben möchte», sagt sie darauf. Welche Ideen da seien, will eine andere Frau wissen, damit die Pflege nicht am Boden liegen bleibt und wie in Deutschland für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft werden muss. «Die meisten Menschen in den Pflegeberufen sind Frauen und diese suchen das Politikeramt nicht unbedingt. Doch um etwas zu verändern, braucht es die Politik», erläutert Brigitte Boss.