Windisch

Heftige Kritik am Jugendtreff: Jetzt reagieren die Jugendarbeiter

An der Budgetsitzung des Einwohnerrats musste die Jugendarbeit wieder unten durch – jetzt erklären Treffleiterin Nina Forte und Praktikant Jonas Elmallawany, wie ihre Arbeit aussieht und üben auch Selbstkritik.

Windisch, Gemeindehaus, 8. Stock. Budgetsitzung im Einwohnerrat. Ein jährlich wiederkehrender Termin und auch die Anliegen und Anträge, die kommen, ähneln sich. Und alle Jahre wieder gerät auch die Jugendarbeit, beziehungsweise der Beitrag dafür, unter Druck, wird kritisiert. Kein schöner Moment für Treffleiterin Nina Forte (36) und Praktikant Jonas Elmallawany (30). Sie müssen sich anhören, dass das Geld schlecht investiert ist, dass es doch nicht zur Jugendarbeit gehöre, Bewerbungen mit den Jugendlichen zu schreiben. Ein SVP-Vorschlag lautete: Den Jugendlichen 15 000 Franken für Projekte geben und stattdessen den Rest, also die Löhne, einsparen. Zwei Jugend- und-Sport-Leiter sollen die Jugendlichen betreuen. Die Anträge wurden letztlich abgelehnt und das Budget angenommen.

«Das Wissen fehlt»

Windisch, Jugendtreff Double-You, eine Woche nach der Budgetsitzung. Eine Stunde, bevor der Treff für die Jugendlichen geöffnet ist, nehmen sich Nina Forte und Jonas Elmallawany Zeit für ein Gespräch, diskutieren über die Vorschläge und Anregungen, die im Einwohnerrat bezüglich Jugendarbeit gemacht wurden. Nina Forte hat dafür nur noch ein müdes Lächeln übrig. Mittlerweile weiss sie, worauf sie sich einstellen muss, wenn sie an der Budgetsitzung anwesend ist. «Ich nehme das jeweils nicht persönlich», sagt sie auf einem der schwarzen Sofas im Treff und nippt an einem Wasserglas. «Budgetpositionen, die nicht gebunden sind, werden gerne angegriffen.» Und: «Vielen fehlt das Wissen über die Jugendarbeit und unsere Arbeit kann halt nur schwierig in Zahlen gefasst werden.» Aber: «Wir erfahren auch grosse Unterstützung, beispielsweise vom Gemeinderat. Und am Ende hat uns ja auch der Einwohnerrat die finanziellen Mittel wieder zugesprochen.»

Einige der Einwohnerräte seien gesellschaftlich anders verankert, als es die Nutzer der Jugendtreffs sind, oder sie gehören einer anderen Generation an. Einer Generation, die in Vereinen sozialisiert wurde. «Das ist heute nicht mehr so», sagt Nina Forte.

Jugendliche werden angeleitet

Die Jugendlichen, die in den Treff kommen, seien häufig aus bildungsfernen Schichten, viele auch mit Migrationshintergrund. Oder sie stammen aus komplizierten Familienkonstrukten, oft arbeiten auch beide Elternteile. «Diese Jugendlichen brauchen unsere Unterstützung», sagt Nina Forte. «Sie müssen in diesem Alter angeleitet werden, brauchen Hilfe von Fachpersonen.»

Dazu gehöre auch das Schreiben von Bewerbungen. «Die Jugendlichen nehmen das natürlich in der Schule durch», sagt Nina Forte. «Aber jemand muss ihnen dann helfen, das alles umzusetzen. Und nicht in jeder Familie können die Eltern helfen.» Sie erzählt von einem Jugendlichen, der auf der Suche nach einer Schnupperlehrstelle war. Er war aber
zu unsicher, alleine zum Telefonhörer zu greifen und eine Firma anzurufen. Gemeinsam mit Jonas Elmallawany hat er das Gespräch vorbereitet und im Beisein des Praktikanten dann angerufen und prompt die Stelle bekommen.

Es ist ein kleines Beispiel, wie die Jugendarbeit funktioniert. Dieses zeigt aber, wie niederschwellig Jugendarbeit funktioniert. Es ist eine Geschichte, die nicht an die Öffentlichkeit dringt, die nicht für Aufsehen sorgt und folglich auch kaum wahrgenommen wird. «Für diesen einen Jugendlichen war das aber enorm wichtig», sagt Nina Forte mit einem Lächeln.

«Das Geld würde verpuffen»

Auch von der Idee, den Jugendlichen 15 000 Franken für eigene Projekte zur Verfügung zu stellen, hält sie nicht viel. Sie weiss, was mit dem Geld passieren würde. «Das Geld würde verpuffen und wohl kaum in ein solides und funktionierendes Projekt investiert werden», ist sie überzeugt. «Und ich glaube auch nicht, dass ein Jugend-und- Sport-Leiter unsere Arbeit so machen könnte, wie wir es tun.» Sie gibt zu: Aussagen wie diese würden ihre Arbeit schon ziemlich abwerten. «Die Leute haben wahrscheinlich das Gefühl, dass wir beim Jugendtreff jeweils nur die Türe aufschliessen und dann die Jugendlichen machen lassen.»

Doch die Arbeit sei vielseitiger. Wenn Jugendliche Projekte anreissen wollen, erhalten sie Unterstützung. Beispiele dazu: Die Partys oder auch das beliebte sports@night (in der Turnhalle Chapf Windisch). Die Betreuung geht aber weiter. «Die Jugendlichen können mit uns niederschwellig über Suchtprobleme sprechen, über Probleme in der Schule oder zu Hause», erklärt Nina Forte. «Je nachdem weisen wir sie an eine Fachstelle weiter.» Zudem sollen die Jugendlichen im Jugendtreff Sozialkompetenz entwickeln, das gelingt, in dem sie in Gruppen arbeiten. «Ein Jugendlicher, der früher immer wieder gemobbt wurde, hat hier im Treff Freunde gefunden, er ist akzeptiert», nennt Nina Forte ein Beispiel.

Sie übt bei all den Erklärungen aber auch Selbstkritik. «Wir müssen mit unserer Arbeit, die zweifellos gut ist, mehr an die Öffentlichkeit treten. Wir müssen die Eltern, die Lehrer und die Politik noch mehr auf uns aufmerksam machen.» Entsprechend werden sie und Jonas Elmallawany nun ein Positionspapier schreiben, das ein für allemal klären soll, was der Jugendtreff ist und was denn eine Jugendarbeiterin den ganzen Tag so treibt. Nämlich nicht nur eine Türe aufschliessen, damit die Jugendlichen töggelen können.

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