Das Dorf Linn hat zwar ein Ortsbild von nationaler Bedeutung. Nur: Seit 2013 gibt es weder eine eigenständige Gemeinde noch eine Ortschaft mehr mit dem Namen «Linn».

Das Dorf musste seinen Namen abgeben, es verlor auch die eigene Postleitzahl und die bisherigen Strassennamen. Linn wurde Teil der neuen Gemeinde Bözberg, die aus der Fusion der Dörfer Gallenkirch, Unterbözberg, Oberbözberg und Linn entstand. Seither heisst Linn offiziell eben nicht mehr Linn, sondern Bözberg.

Viele Linner wehrten sich damals heftig gegen das Verschwinden des Dorfnamens. Doch sie unterlagen im demokratischen Prozess.

43'000 Fans auf Facebook

Damit der Name Linn nach über 700- jähriger Existenz als Bezeichnung für ein früher eigenständiges Dorf nicht sang- und klanglos von der Bildfläche verschwindet, haben einige der unterlegenen Einwohner im Jahr 2014 den Verein «Pro Linn» gegründet. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Geschichte und die Identität des Dorfes Linn zu erhalten», sagt Geri Hirt, Vorstandsmitglied und Kämpfer der ersten Stunde. «Denn wer seinen Namen verliert, verliert immer auch ein Stück Identität.»

Der Verein hat aber auch eine politische Mission: Aus Erfahrungen «wie der unnötigen Löschung des Ortschaftsnamens Linn im Nachgang zur Gemeindefusion», so Hirt, sollen Lehren gezogen werden, von der andere Gemeinden in ähnlichen Situationen profitieren können.

Was zuerst einfach nur nett und tapfer tönen mag, hat sich in den fünf Jahren zu einer erfolgreichen Bewegung entwickelt. Der Verein mit seinen rund 400 Mitgliedern ist im Internet äusserst aktiv: mit einer eigenen Website, auf Facebook, auf Twitter und Instagram - und bei der Linner Linde steht eine Webcam. Linn ist inzwischen, wenn man nur auf das Internet baut, das wohl mit Abstand beliebteste Dorf im Aargau, zählt doch allein die Facebook-Seite bereits 43'000 Fans.

Kernstück der Tätigkeit des Vereins Pro Linn ist aber das Magazin «Fokus Linn», das in diesen Tagen in einer Auflage von 4000 Exemplaren zum 5. Male erschienen ist. Das Hochglanzmagazin zelebriert diesmal auf stolzen 180 Seiten den Sehnsuchtsort Linn, angereichert mit den betörenden Aufnahmen des Fotografen Michel Jaussi; auch er ist ein Linner und engagiertes und ehrenamtliches Vorstandsmitglied im Verein.

Die schönsten Bilder de Linner Linde:

Regierung tagte in Linn

Hauptthema der fünften Ausgabe ist das Ortsbild von Linn, dem vom Bund nationale Bedeutung attestiert wird. Ausführlich wird beschrieben und vor allem gezeigt, warum das so ist und bleiben soll.

Ein Hauptgrund: In Linn, das heute rund 140 Einwohner zählt, hat man es verpasst, neue Häuser zu bauen: Von 1945 bis zum Ende der Achtzigerjahre sind abgesehen von einem neuen Schulhaus und dem Lehrerhaus keine neuen Gebäude entstanden. Das war grossartig für den Erhalt des intakten Ortsbildes, aber es war schlecht für das Dorf, das stark überaltert war und in dieser Zeitspanne rund die Hälfte der Bevölkerung durch Abwanderung verlor.

Aber auch die einzigartige Juralandschaft ringsum rückt das Magazin opulent ins Blickfeld, selbstverständlich auch die legendäre Linde, die von einem unglaublichen Kraftfeld umgeben sein soll und die es dank Bestatter Luc Conrad zu nationaler Berühmtheit gebracht hat. Sogar der Regierungsrat hat inzwischen die Magie von Linn erkannt und inkognito im alten Schulhaus getagt und sich vor der Linde fotografieren lassen.

Kein Wunder, findet «Fokus Linn» eine begeisterte Leserschaft und lockt viele Neugierige in den Jurapark und nach Linn, oder – korrekt nach Bözberg. «An manchen Wochenenden sind es schon fast zu viele Leute, die nach Linn und zur Linde strömen», sagt Jaussi.

Die aktuelle Ausgabe von «Fokus Linn» wird im Jahr des Kulturerbes vom Lotteriefonds mit 20'000 Franken unterstützt; ansonsten lebt das Magazin von einer Vielzahl von kleinen Spenden, viel Freiwilligenarbeit und wenigen Inseraten. Der Verein «Pro Linn» zählt gut 400 Mitglieder aus der ganzen Schweiz; im Ortsteil Linn leben heute rund 140 Menschen.

Kritischer Blick auf Fusionen

Konsequent nimmt das «Fokus Linn» die Aufgabe wahr, die sich der Verein «Pro Linn» auferlegt hat. Das Magazin berichtet kritisch über Gemeindefusionen in der ganzen Schweiz, zeigt anhand konkreter Beispiele auf, wie Fusionen gelingen können und berichtet über ernüchternde Resultate und nicht erfüllte Hoffnungen.

Grundthema des Magazins heisst «Identität»; wer die Texte liest, begreift bald einmal, dass es vor allem emotionale Faktoren wie Wappen oder Namensgebung sind, die für das Gelingen eine Fusion entscheidend sein können. «Besonders Namen schaffen Identität. Und Identität soll nicht wegfusioniert werden können», sagt denn auch Geri Hirt.

Wie man bei einer Fusion Identität stützt, zeigt das Magazin anhand eines Beispiels aus dem Kanton Zürich: Da wurde bei der Fusion von Elgg und Hofstetten im Jahr 2018 aus dem Weiler Dickbuch die Ortschaft Dickbuch, man wollte nicht, dass die Dickbucher Elgger werden mussten. «Da könnte der Aargau von unserem Nachbarkanton noch lernen», sagt Fotograf Michel Jaussi, der zusammen mit Autorin Ursula Kahi die neue Ortschaft Dickbuch besucht und dort Gemeinsamkeiten mit Linn gesucht und gefunden hat.

Im Gegensatz zu anderen Kantonen ist es im Aargau nicht möglich, den Namen des bisherigen Heimatortes nach einer Gemeindefusion in offiziellen Dokumenten zu behalten: Linn als Heimatort gibt es nicht mehr. Die ehemaligen Linner Ortsbürger sind seit 2013 Bözberger. Auch dazu hat Ursula Kahi gründlich recherchiert.

Ein Comeback für Linn?

Durch diese unablässige Beschäftigung mit dem Zusammenhang von Fusion und Identität erhält das Magazin «Fokus Linn» eine unaufgeregt politische Komponente. Es wird zum Wegbereiter für den sensiblen Umgang mit Namen bei Gemeindefusionen. Entsprechend finde es grosse Aufmerksamkeit weit über den Kanton hinaus, sagt Geri Hirt.

Und man hört den leisen Stolz. Erfreulich findet Hirt, dass sich bei den anstehenden Fusionen im Aargau nun doch die Erkenntnis durchsetze, dass keine Namen mehr eliminiert werden sollen, sondern dass die fusionierten Gemeinden mit ihrem Namen als Ortschaften weiterbestehen können.

So ist vorgesehen bei der geplanten Fusion der Gemeinden Bözen, Effingen, Elfingen und Hornussen zur neuen Gemeinden Böztal, und ebenso im Zurzibiet, wo sich neun Gemeinden zur Gemeinde Zurzach zusammenschliessen möchten.

Es wäre sogar möglich, dass im Zusammenhang mit dem geplanten Zukunftsraum Aarau der Stadtteil-Name «Aarau-Rohr» wieder zu «Rohr» werden könnte, wie das Dorf hiess, als es noch eigenständig war.

Auch auf der politischen Bühne ist Bewegung in die Sache gekommen: In einem Vorstoss verlangt Grossrätin Gertrud Häseli (Grüne), dass bei künftigen Fusionen von Gemeinden die Ortschaftsnamen immer erhalten bleiben sollen.

«Wenn das gelingt, dann haben wir mit unserer Arbeit viel erreicht», sagt Geri Hirt. Und es ist nicht auszuschliessen, dass eines Tages auch die Tilgung der Ortschaft Linn wieder rückgängig gemacht wird. Auch wenn das im Verein «Pro Linn» noch niemand laut aussprechen mag.

Das Magazin «Fokus Linn» kann bestellt werden bei info@linnaargau.ch für 12 Franken als Unterstützungsbeitrag, inklusive Versand. Die aktuelle Ausgabe des Magazins können Sie hier online durchblättern