Brugg/Baden
Keine WM: Aargauer Karatekas flüchten vor den Unruhen in Chile

Aus der Traum von der Weltmeisterschaft: Vier Brugger und ein Badener mussten aus Sicherheitsgründen wieder nach Hause reisen. Ein Teil ihres Hotels wurde vier Mal angezündet.

Janine Müller
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Brugger Karatekas in Chile Die Schweizer Karate-Delegation mit vier Bruggern und einem Badener mussten frühzeitig aus Santiago de Chile abreisen, weil aufgrund der Demonstrationen die Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte.
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Brugger Karatekas in Chile Silvia Hirt vom Karate Do Brugg.
Brugger Karatekas in Chile
Brugger Karatekas in Chile Anna Hirt vom Karate Do Brugg.
Brugger Karatekas in Chile Jeweils am Morgen getraute sich Delegationsleiter Daniel Humbel auf die Strassen von Santiago de Chile. So hat er einen Eindruck bekommen, welche Zerstörung angerichtet wurde. Die Demonstrationen begannen dann jeweils um 11 Uhr.

Brugger Karatekas in Chile Die Schweizer Karate-Delegation mit vier Bruggern und einem Badener mussten frühzeitig aus Santiago de Chile abreisen, weil aufgrund der Demonstrationen die Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte.

zvg/Daniel Humbel

Enttäuschung. Frust. Wut. Lange haben sie auf die Weltmeisterschaften U16/U18/U21 in Santiago de Chile hintrainiert. Nun musste die Schweizer Delegation mit den Aargauer Karatekas Yuki Ujihara (Baden), Anna Hirt, Silvia Hirt, Luca Spitz und Tim Scheuer (alle Brugg) sowie Shomshanok Benz vorzeitig und ohne einen einzigen Kampf aus der chilenischen Hauptstadt abreisen. Grund: die fürchterlichen Unruhen in Santiago de Chile.

Inzwischen sind sie – nach einer 36-stündigen Reise – wohlbehalten zurück. Die AZ erreichte den Delegationsleiter der Schweizer, Daniel Humbel, telefonisch. Er rekapituliert die Geschehnisse.

Tränengas, Gummischrot und auffahrende Panzer

Am Sonntagmorgen kommen die Karatekas in Chile an. Doch dann der Schock: Ihr Hotel befindet sich direkt an der Hauptstrasse in Santiago de Chile. Genau dort, wo sich die Demonstranten treffen. Aus dem Fenster sehen die jungen Sportler, wie sich die Demonstranten Kämpfe mit den Sicherheitskräften liefern, wie die Polizei und das Militär mit Gummischrot und Tränengas gegen die Menschen vorgeht, wie Panzer auffahren. Auf den Strassen brennt es. Auch ein Gebäudeteil des Hotels, in dem die Schweizer untergebracht sind, beginnt zu brennen. Gleich an vier aufeinander folgenden Tagen wird dieser Teil des Hotels in Brand gesteckt. Denn am Hotel angebaut ist eine Filiale der chilenischen Bank.

«Wir waren mitten im Geschehen», fasst es Delegationsleiter Humbel zusammen. «Im Hotel waren wir eingesperrt. Trainieren konnten wir in Räumen des Hotels.» Auch auf der Terrasse wollten sich die Karatekas auf den Wettkampf vorbereiten. «Das Tränengas in der Luft machte uns aber einen Strich durch die Rechnung», erklärt Humbel. «Unsere Athleten waren trotz allem hoch motiviert für den Wettkampf.» Daraus wird aber nichts.

Wie die Meisterschaft gewertet wird, ist unklar

Als Delegationsleiter wird Humbel zum Coach-Meeting berufen. Der Karate Weltverband muss Stellung nehmen, ob und wie er die Sicherheit der Teilnehmer gewährleisten kann. Der Vorschlag des Weltverbands: Nur jene Athleten, die einen Wettkampf haben, werden per Bus in die Halle gefahren. «Heisst: Der Rest muss im Hotel bleiben und kann die Kämpfe der Teamkollegen nicht unterstützen», sagt Humbel.

Der Weltverband beschliesst, dass keine Zuschauer zum Wettkampf zugelassen sind. Und: Für den Transport zwischen Hotel und Halle kann er keine zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen garantieren.

Grosse Karate-Nationen wie Japan oder Iran sind gar nicht erst angereist. «Trotzdem führt der Weltverband die Wettkämpfe durch. Das können wir nicht verstehen, weil die Sicherheit nicht gewährleistet ist», sagt Humbel. «Es werden Proteste eingereicht. Wie die Meisterschaft letztlich gewertet wird, wissen wir noch nicht.»

Algerier werden im Hotel blockiert

Die Karatekas sind enttäuscht, dass sie sich an der Nachwuchs-WM nicht beweisen konnten. Sie verstehen aber, dass die Sicherheit vorging. Am Abreisetag der Schweizer Delegation wird das Hotel der Luxemburgischen Karatekas ganz in der Nähe des Schweizer Hotels angegriffen. Das Hotel muss evakuiert werden. Die Delegation aus Luxemburg reist ebenfalls zurück. Schlimm trifft es auch die algerischen Karatekas: Sie werden durch Demonstranten im Hotel blockiert und können nicht am Wettkampf teilnehmen.

Gemäss Nachrichtenagentur SDA kamen seit Freitag vor einer Woche mindestens 18 Menschen ums Leben. Fünf der Opfer wurden von Sicherheitskräften getötet.

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