Brugg

Künstlerin Andrea Gsell: «Es geht immer um Wahrnehmung»

Zurzeit arbeitet die Bruggerin Andrea Gsell mit Schulkindern an einem Projekt für den öffentlichen Raum.

Zurzeit arbeitet die Bruggerin Andrea Gsell mit Schulkindern an einem Projekt für den öffentlichen Raum.

Räume – reale, imaginäre, imaginierte – spielen im künstlerischen Schaffen von Andrea Gsell eine wichtige Rolle. Oft bespielt sie auch den öffentlichen Raum.

Im Zug: Wer schreibt dort nicht gerne mit dem Finger auf die beschlagene Fensterscheibe und sieht dann zu, wie sich der Grauschleier auflöst. Alles ist klar. Wirklich? In der Kirche: Wer ist nicht verunsichert, wenn dort der Schriftzug «This Way» beim Nähertreten verschwindet? Wohin sich nun wenden, wenn auf halbem Weg kein Wegweiser mehr lotst? Andrea Gsell blickt ihr Vis-avis aus hellen, wachen Augen an.

Das Lächeln verrät, dass sich die Bruggerin mit Jahrgang 1974 über die Reaktion freut. «Es geht immer um Wahrnehmung», sagt die Kunstschaffende und erwähnt als Beispiel die Gruppenausstellung «Ange(se)hen. Gesichter einer Stadt» im Basler Münster, wofür sie und ihre Kollegin Nica Giuliani den erwähnten, für manche Besucher irritierenden, Schriftzug entwickelt haben.

Wahrnehmen heisst für Andrea Gsell: Die Augen öffnen, um Vertrautes neu zu sehen; das Gehör schärfen, um zu entdecken, wie vielfältig beispielsweise die Geräusche einer Stadt sein können. Wahrnehmen, so Andrea Gsell, heisse aber auch: «Hinschauen üben – und dabei sein gesamtes Wissen loszulassen, um nicht vorschnell zu werten und zu interpretieren.»

Räume, egal ob reale, imaginäre oder imaginierte, spielen eine wichtige Rolle im künstlerischen Schaffen von Andrea Gsell und ihrer Kollegin Nica Giuliani, die als «île flottante» die unterschiedlichsten Orte bespielen, oft im öffentlichen Raum – so auch im Rahmen des Projekts «Stadtereignisse Brugg», das die beiden gemeinsam mit Lilian Beidler initiiert haben.

Früh für den Film interessiert

Nicht ums Bespielen, aber ums Spielen geht es im Film. «Für diese Kunstform habe ich mich schon früh interessiert», sagt Andrea Gsell und lächelt, als sie von ihrem «Engagement» im Brugger Kino «Odeon» erzählt: «Ich war dort wohl die erste Operatrice.» Sie arbeitete in jenem Kabäuschen im ersten Stock, das längst einen legendären Ruf geniesst. Zwar ist «die Begeisterung für den Film und das damit verbundene Erzählen gross, doch der Einstieg in den Beruf war für mich zu früh», sagt die Bruggerin.

Also besuchte sie an der damaligen Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) den Vorkurs und begann Filmwissenschaften und Soziologie an der Universität Zürich zu studieren – bis ihr eines Tages ein Flyer der ZeLIG, School for Documentary, Television and New Media, im italienischen Bozen in die Hände fällt.

Die Zweisprachigkeit – Italienisch und Deutsch – war ein Grund mehr, die dreijährige Ausbildung im Südtirol zu absolvieren. Andrea Gsell lernte viel; sie lernte unter anderem auch, wie zermürbend das Auftreiben von Geld ist, bevor ein Film überhaupt realisiert werden kann.

Ihren Diplomfilm drehte sie über den Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Wen sie auf der Reise filmisch begleiten wird, stand fest. Aber dann traf sie auf dem Weg «Menschen, die mich mehr interessiert hätten für mein Projekt, doch ändern liess sich nichts mehr». Ein Schlüsselerlebnis? Rückblickend ist es wohl eines, denn Andrea Gsell beschloss, dass sie künftig mehr in kleinere Projekte investieren will und: «Dass ich entscheiden möchte.» Sie kam zurück in die Schweiz, studierte in Aarau Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW und lernte dort Nica Giuliani kennen, mit der sie fortan eine enge künstlerische Partnerschaft verbindet.

Kein bestimmtes Medium

Weshalb Medienkunst? «Es kam wohl vieles zusammen», sagt Andrea Gsell lachend, «mein Interesse an Soziologie, Kunst und der Mediengesellschaft sowie die Freude an Gestaltung und Konzeption.» Das Interaktive oder Partizipative, bei dem der Betrachter zur Erschaffung der Arbeit miteinbezogen wird, ist noch immer ein wichtiges Element ihrer künstlerischen Arbeit, die sich nicht auf ein bestimmtes Medium festlegen lässt. Oft sind ihre Projekte im öffentlichen Raum zu finden und beziehen sich direkt auf den vorgefundenen Ort und die Situation.

Andrea Gsell stellt gerne Fragen; das Miteinander und der Austausch sind ihr wichtig. Sie gibt gerne Anstösse und sie schätzt den öffentlichen Diskurs. Nach Fertigem steht ihr nicht der Sinn: «Ein Werk ist erst dann vollständig, wenn der Empfänger dieses vollendet.» Dazu passt ein weiterer Satz, der für die gar nicht abgehoben wirkende, sympathische Kunstschaffende typisch ist: «Die Kunst hat die Aufgabe, uns den Umgang mit Zwiespälten und Uneindeutigkeiten vertrauter zu machen.»

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