Brugg

Neben der Lidl-Baustelle: ein Schneider und ein Schuhmacher kämpfen ums Überleben

Schneider Amanuel Kanalga und Schuhmacher Menges Teclu kämpfen im Untergeschoss des Brugger Neumarkts 2 ums Überleben.

Schneider Amanuel Kanalga und Schuhmacher Menges Teclu kämpfen im Untergeschoss des Brugger Neumarkts 2 ums Überleben.

Für den Umbau am Neumarkt wurde der Durchgang von der SBB-Unterführung zur Rolltreppe gesperrt. Schneider Amanuel Kanalga und Schuhmacher Menges Teclu harren neben der Lidl-Baustelle aus und warten auf Kundschaft.

Es ging Schlag auf Schlag: Kaum hatte der Geschenkladen s’Presäntli im Untergeschoss des Brugger Neumarkts 2 seine Tür für immer geschlossen, haben Bauarbeiter den Durchgang von der SBB-Unterführung zur Rolltreppe im Einkaufszentrum gesperrt und Holzwände aufgestellt. Im Herbst will der deutsche Discounter Lidl auf der verwaisten Fläche eine Filiale eröffnen.

Schuhmacher Menges Teclu und Schneider Amanuel Kanalga bleibt seit zehn Tagen nichts anderes mehr übrig, als zwischen Lidl-Baustelle, Rolltreppe, Lift und Postomat auf Kundschaft zu warten. Per Zufall wird hier niemand mehr an den beiden Geschäften vorbeilaufen. Das ist ein schwerer Schlag für die beiden routinierten Handwerker, die es mögen, wenn etwas läuft, und deshalb die Eröffnung des Lebensmittelladens schon sehnlichst erwarten.

Der ehemalige Flüchtling reist jeden Tag von Bern an

Menges Teclu ist vor 30 Jahren als Flüchtling aus Eritrea in die Schweiz gekommen. Seither ist er hier als Schuhmacher tätig, davon mehrheitlich für den Schuh- und Schlüsselservice Hug. Dieses Handwerk hat der 56-Jährige in seinem Heimatland gelernt, wo er halbtags zur Schule ging und halbtags in einem Betrieb arbeitete.

Schuhmacher Menges Teclu ist ein ehemaliger Flüchtling und sagt: «Ohne Arbeit kann ich nicht leben.»

Schuhmacher Menges Teclu ist ein ehemaliger Flüchtling und sagt: «Ohne Arbeit kann ich nicht leben.»

Der Vater von drei Kindern pendelt täglich mit dem Zug von Bern nach Brugg. Sein Bruder arbeitet ebenfalls als Schuhmacher in Lenzburg. «Ich liebe meinen Beruf», sagt Menges Teclu und lacht. Egal wie kompliziert die Wünsche der Kunden sind, der Fachmann ist stets bestrebt, für jedes Problem eine optimale Lösung zu finden.

Dienstleistungen passen gut zum Einkaufszentrum

Der Schuhservice macht die Hauptarbeit seines Berufsalltags aus. Menges Teclu bietet zudem einen umfassenden Schlüsselservice an, lässt Stempel herstellen und flickt Taschen oder notfalls auch mal Koffer.

Wegen der Bauarbeiten hat Menges Teclu Angst, dass sein Geschäft weniger gut frequentiert wird und die Leute ihn sowie das benachbarte Schneideratelier vergessen. «Ohne Arbeit kann ich nicht leben», sagt der Familienvater, der stets guten Kontakt zu seinen Geschäftsnachbarn im Neumarkt pflegt. Er ist überzeugt, dass es der Bevölkerung – auch von den umliegenden Dörfern – etwas bringt, dass er seine Dienstleistungen im zentral gelegenen Einkaufszentrum anbietet. Deshalb stand für ihn ein Umzug an einen anderen Standort auch nie ernsthaft zur Diskussion.

Grundsätzlich stellt er fest, dass vor allem die Schweizer Kundschaft aus Nachhaltigkeitsgründen wieder eher bereit ist, Schuhe und Taschen flicken zu lassen. «Hätte ich nur ausländische Kundschaft, die es oft vorzieht, Schuhe billig neu zu kaufen anstatt reparieren zu lassen, wären wir schon lange nicht mehr hier», bilanziert Menges Teclu. Er möchte am liebsten noch bis zu seiner Pensionierung im Brugger Neumarkt arbeiten. Das tägliche Pendeln stört ihn nicht, weil er im Zug gut und viel lesen kann. Um die Durststrecke während der Umbauphase zu überstehen, hofft der gebürtige Eritreer nicht nur auf wiederkehrende Kundschaft, sondern vor allem auch auf eine grosszügige Mietzinsreduktion der Immobilienverwalterin Privera.

Er hat das Atelier vor 37 Jahren übernommen

Ziemlich ähnlich tönt es bei Teclus Geschäftsnachbar im Untergeschoss. Amanuel Kanalga kaufte die Express-Änderungs-Schneiderei vor 37 Jahren einem Windischer ab und ist seither eine treue Seele im Neumarkt. Der aktuelle Standort neben der Rolltreppe ist sein dritter im Einkaufszentrum.

Als aramäischer Christ gehörte er in der Türkei, wo er seine Kindheit verbracht hatte, zu einer Minderheit, die vom Staat diskriminiert wurde. Amanuel Kanalga kam deshalb im Alter von 28 Jahren in die Schweiz. Die ersten beiden Jahre lebte er im Tessin, was zur Folge hatte, dass es ihm heute noch leichter fällt, Italienisch anstatt Deutsch zu sprechen. Später kam er in den Aargau. In Birr zog er mit seiner Frau drei Söhne und zwei Töchter gross. Der 75-Jährige ist stolzer Grossvater von acht Enkeln und zwei Enkelinnen.

Amanuel Kanalga betreibt sein Schneideratelier seit 37 Jahren im Neumarkt.

Amanuel Kanalga betreibt sein Schneideratelier seit 37 Jahren im Neumarkt.

Wie Menges Teclu hatte Amanuel Kanalga sein Handwerk schon in seinem Geburtsland gelernt. Damals wurde er von seinem vier Jahre älteren Bruder dazu inspiriert. «In der Türkei nähten wir vor allem Kleider nach Mass. Das funktionierte in der Schweiz nicht, weil das viel zu teuer ist», erzählt der Schneider, der auf 60 Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann. Einige Tische und Maschinen in seinem Atelier sind noch die gleichen, wie er sie 1983 von seinem Vorgänger übernommen hatte.

Heute ersetzt Amanuel Kanalga bei den Kleidungsstücken seiner Kundschaft vor allem Reissverschlüsse, kürzt oder verlängert Hosen und führt andere Reparaturarbeiten aus. Bei kniffligen Arbeiten an der Nähmaschine ist er glücklich, kann sich ablenken und sogar entspannen. Er erzählt von treuen Kunden, die ihn seit 30 Jahren aufsuchen.

Schneider: «Von der AHV kann ich nicht leben»

Dass Kanalga als Pensionär noch immer täglich nach Brugg kommt, hat auch damit zu tun, dass er keine Altersvorsorge angespart hat. «Von der AHV alleine kann ich nicht leben», sagt er. Wie schon seine erste Ehefrau ist auch seine zweite vor einigen Jahren krankheitshalber verstorben. Aus diesem Grund hat der Schneider seit 2011 keine Ferien mehr gemacht.

Nun ist sein Atelier im Neumarkt sein zweites Zuhause. Hier empfängt Kanalga Freunde und Familienmitglieder, um sich mit ihnen zu unterhalten und Tee zu trinken. Die Lidl-Baustelle macht ihm schwer zu schaffen. Die Kunden bleiben weg. Am letzten Donnerstag konnte er nur einen Knopf annähen. «So kann es nicht weitergehen», sagt er resigniert. «Sobald ich einen Nachfolger finde, gehe ich. Interessenten können sich gerne bei mir melden.»

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