Brugg

«Nicht für alle ist das Gleiche gut» – Rita Boeck (SP) ist die neue Präsidentin des Einwohnerrats

SP-Politikerin Rita Boeck auf der alten Aarebrücke – im Rücken den Schwarzen Turm und das Rathaus, wo sie in den nächsten zwei Jahren die Sitzungen des Einwohnerrats leiten wird.

SP-Politikerin Rita Boeck auf der alten Aarebrücke – im Rücken den Schwarzen Turm und das Rathaus, wo sie in den nächsten zwei Jahren die Sitzungen des Einwohnerrats leiten wird.

Stets engagiert, manchmal energisch und nicht immer nur ernst: SP-Politikerin Rita Boeck ist die neue Präsidentin des Einwohnerrats Brugg.

«Ganz lut het obehär ds Babettli, jitz gschtampfet uf das Taburettli, bis dass dr Hansjakobli dopplet, so lut het undenufe topplet», singt Mani Matter im «Dr Hansjakobli und ds Babettli». Das Lied, in dem zwei Kinder mit einem Tabourettli den Machtkampf zwischen zwei Nachbarn nachspielen, sei ihr nahe, habe sie durch ihre politische Tätigkeit begleitet, sagt Rita Boeck aus Brugg.

Die 56-Jährige tritt stets engagiert in Erscheinung, manchmal energisch. Um eine pointierte Aussage ist sie nie verlegen, lässt jeweils aber auch eine gesunde Portion Humor – und Selbstironie – nicht vermissen: In den kommenden zwei Jahren wird die gewandte SP-Politikerin dem Einwohnerrat als Präsidentin vorstehen.

Sie freue sich auf dieses Amt, sagt sie gut gelaunt beim Gespräch an diesem Vormittag bei einem Milchkaffee. Gleichzeitig räumt sie ein, dass eine gewisse Anspannung zu spüren sei. «Die Leitung der Sitzungen wird eine neue Erfahrung für mich. Es geht dabei nicht um meine politische Meinung.»

Wichtig sei ihr, dass die Diskussionen im Rat fair geführt werden ohne persönliche Angriffe, dass der Respekt gewahrt bleibe. Sie wolle sich selber treu bleiben und ein offenes Ohr haben für die unterschiedlichen Anliegen, denn: «Alle wollen etwas Gutes tun und nicht für alle ist das Gleiche gut.»

Sie liebt den Beruf als Lehrerin und Schulleiterin

Rita Boeck ist in Oftringen aufgewachsen, in einer Arbeiterfamilie mit fünf Kindern – «in bescheidenen Verhältnissen», wie sie sagt. Als Sanitär-Spengler sei ihr Vater häufig auf Montage gewesen, wo sie ihn hätte begleiten dürfen. Sie absolvierte die Kantonsschule in Aarau und dann die Höhere Pädagogische Lehranstalt (HPL) in Zofingen. Seit 2000 wohnt Rita Boeck mit ihrer Tochter – sie ist ebenfalls im Einwohnerrat – in Brugg, wo sie auch viele Jahre als Lehrerin tätig war.

Kurz nach dem Zuzug wurde sie 2001 ins Stadtparlament gewählt. Sechs Jahre lang war sie Mitglied der Finanzkommission. Diese verliess sie, als sie 2008 als Nachfolgerin von Markus Leimbacher in den Grossen Rat nachrutschte. Nach der Wiederwahl und dem Ende der Amtszeit 2013 trat sie aus dem Kantonsparlament zurück. Es sei ihr verleidet, gibt sie unumwunden zu. Oft sei es nicht um Sachpolitik gegangen. Sie aber lasse sich nicht gerne in eine Schublade stecken, schätze den Austausch, auch über Parteigrenzen hinweg.

Im Einwohnerrat Brugg herrsche glücklicherweise eine andere Gesprächskultur. Und wenn jemandem ein Entscheid einmal nicht gefalle, könne man nach der Sitzung im Restaurant miteinander anstossen und einen Schlussstrich ziehen.

Rita Boeck absolvierte die Ausbildung zur Schulleiterin und wechselte 2011 nach Untersiggenthal, wo sie bis heute an der Oberstufe tätig ist. Eine spannende Aufgabe, sagt sie mit spürbarer Begeisterung. «Ich arbeite gerne mit Kindern und Jugendlichen.» Als Schulleiterin sei sie nicht immer der Liebling der Schülerinnen und Schüler, ist sie sich bewusst. «Das ist nicht so schlimm. Die Jugendlichen müssen aber spüren, dass sie mir wichtig sind, dass ich sie mag.» Bei Gesprächen kommt ihr ebenfalls die Ausbildung als Mediatorin zugute, die sie in Berlin absolvierte.

Auch wenn die Politik ihr liebstes und grösstes Hobby sei und sie als Einwohnerratspräsidentin viele repräsentative Aufgaben wahrnehmen dürfe: Priorität habe weiterhin ihr Beruf, den sie liebe, stellt Rita Boeck klar. Sei ihre Person in dringlichen Konfliktsituationen an der Schule gefragt, dann werde sie dort anwesend sein.

Als SP-Frau steht sie ein für soziale Gerechtigkeit

Mit Politik in Berührung kam sie, antwortet sie auf die entsprechende Frage nach kurzem Überlegen, durch ihre gute Freundin Denise Widmer, die damals SP-Grossrätin, Co-Parteipräsidentin und Realschullehrerin in Brugg war. Diese habe sich seinerzeit vehement für die Fachhochschule eingesetzt. «Da hat es mir den Ärmel reingenommen.» Als politische Vorbilder bezeichnet Rita Boeck die alt Bundesrätin Ruth Dreifuss, die sie auch persönlich treffen durfte – «sie war ehrlich» – oder den früheren Nationalrat und SP-Parteipräsidenten Helmut Hubacher. «Er ist glaubhaft, kämpft für seine Überzeugungen und hat grosse Bodenhaftung.»

Die Haltung der Partei habe ihr schon immer entsprochen, fügt Rita Boeck an. «Ich bin eine SP-Frau. Ich stehe ein für soziale Gerechtigkeit.» Es gelte denjenigen Gehör zu verschaffen, die nicht die Möglichkeit dazu hätten. Wesentlich sei, nennt sie ein Beispiel, die Stärkung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer oder die Sicherung der Altersvorsorge.

Als eine Herausforderung, die auf Brugg zukommt, bezeichnet Rita Boeck das Thema Verkehr. Gegenüber dem Regionalen Gesamtverkehrskonzept Ostaargau (Oase) ist sie kritisch eingestellt, spricht von einem massiven Eingriff für die Natur und die Bevölkerung. Es sei eine Illusion zu glauben, den Stau so entschärfen zu können. Vielleicht müssten, ergänzt sie, die Einwohnerräte bezüglich der lokalen Verkehrssituation zusammensitzen und über eine gemeinsame Strategie nachdenken, statt Vorstoss um Vorstoss einzureichen. Einiges liesse sich durch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs lösen, ist sie überzeugt.

Auch die Suche nach einer Lösung für eine zentrale Verwaltung werde in nächster Zeit den Einwohnerrat in Brugg beschäftigen. Heute seien die Arbeitsbedingungen und Platzverhältnisse teilweise grenzwertig, sagt Rita Boeck. Die örtliche Trennung erachtet sie als problematisch, mit dem Kopf der Verwaltung im separaten Stadthaus. «Die Leute gehören zusammen, es braucht keine Zweiklassengesellschaft.»

Auch aus egoistischen Gründen politisch aktiv

An seiner letzten Sitzung im November hat der Brugger Einwohnerrat die Gesamtrevision der Nutzungsplanung genehmigt. Geschätzt hat Rita Boeck, dass ihr Vorgänger, Einwohnerratspräsident Stefan Baumann von der SVP, das Hochhaus­konzept per Stichentscheid zurückgewiesen hat, damit dieses noch einmal geprüft werden kann. «Das war weise, eine gute Chance.»

Mit der Nutzungsplanung behandelt würden Fragen zur Verdichtung oder zur Ansiedlung von Gewerbe, hält Rita Boeck fest. Die Sicherung von Arbeitsplätzen sei ihr Anliegen, was auch eine lebenswerte Stadt ausmache. «Wir müssen jedoch aufpassen, dass wir das Grüne nicht verlieren.» Bei der Altstadt  – «jede im Aargau hat mit Problemen zu kämpfen» – müssten wohl vermehrt Kompromisse eingegangen werden. «Man kann nicht gleichzeitig eine Belebung und eine ruhige Wohnsituation fordern. Das ist nicht ehrlich.»

Brugg verfüge, fasst sie zusammen, über eine sensationelle Grösse. Die Wege seien kurz, man kenne einander, ohne dass man gleich alles voneinander wisse. Überdies werde viel geboten. Vielleicht könnte, sagt sie, das kulturelle Angebot noch besser koordiniert werden, damit es mehr Gewicht, mehr Wertschätzung und mehr Öffentlichkeit erhalte.

Als Bürgerin wolle sie einen Beitrag leisten an eine gesunde Stadt und eine funktionierende Gesellschaft, hält sie abschliessend fest. Politisch aktiv sei sie durchaus auch aus egoistischen Gründen, gesteht sie mit einem sympathischen Lachen. «Mitbestimmen und mitgestalten kann man tatsächlich nur dann, wenn man mitredet.»

Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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