Auf einer Reise in Kanada im Januar 2013 passiert es. Die Idee blitzt auf, lässt sie nicht mehr los. Der Auslöser: Der Anblick der üblichen Postkarten, die in jedem grösseren Touristenort zu kaufen sind. Kitschig, unpersönlich und selten realitätsnah sind sie, diese Karten, finden der Windischer Sandro Roth und seine kanadische Freundin Lavinia Chu.

Postkarten sollten doch eine persönliche Geschichte erzählen, im besten Fall haben sie vielleicht noch eine Verbindung zum Empfänger. So ist «Postkunstwerk» entstanden. Sandro und Lavinia wollen die Leute dazu bringen, selber Postkarten zu kreieren. Der Absender ist gleichzeitig Hersteller und Künstler der Karte.

Das Starter-Kit besteht aus sechs weissen und sechs braunen Postkarten. Die einen blank, die anderen mit einem feinen Punkteraster drauf. Diese können dann vom Absender so verziert, bemalt oder beklebt werden, wie es ihm beliebt. 

BÜPA Brugg

Nicht umsonst ist das Motto «entfalte deine innere Kreativität» auf dem Umschlag aufgedruckt, in dem die Karten verschickt werden. Die beiden Industriedesigner möchten die Menschen dazu bringen, selber wieder kreativ zu werden.

«Viele haben Angst davor, zu zeichnen oder zu malen», sagt Sandro. «Dabei gibt es dafür keinen Grund.» Jede selber gemalte Karte sei viel persönlicher als eine Touristen-Postkarte, findet er. «Kein Empfänger wird sagen: ‹Das ist jetzt aber gruusig, was du da gemalt hast.› Denn es geht um die Symbolik dahinter.»

Gegentrend zur digitalen Welt

Mit ihren Postkarten wollen Sandro und Lavinia aber auch einen Gegentrend zur immer digitaler werdenden Welt schaffen. «Es ist doch schön, wenn man wieder einmal eine reale Karte in den Händen hat», sagt Sandro Roth.

«Und vielleicht können wir mit den Karten auch dem einen oder anderen Pöstler ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.» Er will dazu beitragen, dass die Menschen wieder vermehrt von Hand etwas gestalten, ihre Fantasie laufen lassen.

Designed werden die leeren Karten in Kanada, gedruckt werden sie bei Xline in Brugg. Selbst der orangefarbene Faden, der das Couvert verschliesst, stammt aus Brugg. Dafür zuständig ist das Bernina-Geschäft.

«Mir war es wichtig, lokale Unternehmen zu berücksichtigen – so weit es halt möglich ist», sagt der Industriedesigner. Seit gut einem Jahr gibt es die Karten im eigenen Onlineshop (www.at28.ch) zu kaufen. Auch eine Papeterie in Thusis (GR) – von da stammt Sandros Grossvater – hat die Karten ins Sortiment genommen.

Und nun – endlich, kann man sagen – bietet ab dieser Woche eine Brugger Papeterie die Karten an. Die «Büpa», gleich gegenüber der Post in Brugg, hat sich entschlossen, diese speziellen Postkarten zu verkaufen.

Grosse Sprünge kann sich der 27-Jährige vom Verkauf der Karten bis jetzt nicht erlauben. Ist nicht weiter schlimm, denn es ist bisher ein Freizeitprojekt, wenn auch ein ambitiöses. «Es braucht Nerven, ein neues Produkt zu lancieren», sagt er.

«Wir geben uns damit sicher zwei Jahre Zeit.» Irgendwann, so sagt er, möchte er gemeinsam mit Lavinia ein eigenes Büro eröffnen, das bekannt sein soll für ebensolche innovativen Produkte.

Karte mit Blumensamen

Das nächste Ziel des innovativen Windischer ist eine Spezialkarte. Gemeinsam mit einem befreundeten Gärtner hat er eine Karte entwickelt, die mit Blumensamen versehen ist.

Die Karte kann vom Empfänger in die Erde gelegt werden, entstehen wird aus dem Kunstwerk eines Menschen ein ganz eigenes Kunstwerk der Natur. Geplant hat Sandro Roth diese Art von Karte für den Weihnachtsverkauf.

Motivation für sein Postkartenprojekt erhält der Windischer genug. So erzählt er die Geschichte einer ehemaligen Schulkollegin, die er vor einiger Zeit getroffen hat. Eine wahre Künstlerin sei sie damals in der Schule gewesen. Malen, zeichnen, gestalten, das war ihr Ding.

Bis der Beruf sie so eingespannt hat, dass sie sich gar keine Zeit mehr nahm, kreativ zu sein. Bis sie eben Sandro wieder einmal getroffen hat. Ihr Satz «Ich zeichne nicht mehr» brachte ihn dazu, ihr ein Set Postkarten in die Hände zu drücken.

Einige Tage später liegt Post im Briefkasten. Eine Karte, gemalt von der Schulkollegin. Doch damit nicht genug: Heute besitzt diese Frau ein eigenes Atelier.

Sandro lächelt, als er diese Geschichte erzählt. Es freut ihn, dass jemand genau das Motto oder das Ziel von «Postkunstwerk» umgesetzt und erreicht hat.