Wahlen AG 2019

Bezirk Brugg: Für ein GA nach Bern hat es – noch – nicht gereicht

Bundeshaus

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Die Aargauer Zeitung hat ein paar ausgewählte Nationalratskandidaten aus dem Bezirk zu ihren Wahlergebnissen befragt.

Hart auf dem Boden der Realität gelandet ist Sandro Wächter, Gemeinderat in Schinznach-Bad und Mitglied der JSVP. Er, der im Frühsommer noch Ambitionen hatte, auf der Hauptliste der SVP zu kandidieren, muss sich nun mit dem drittletzten Platz auf der Liste der JSVP begnügen.

1222 Stimmen hat der 25-jährige IT-Unternehmer erhalten. «Ich bin nicht zufrieden mit meinem persönlichen Resultat», sagt er. Er sei noch am Analysieren, woran es gelegen hat. Eine erste Erkenntnis: «Ich bin wohl zu stark meine politische Linie gefahren. Umweltpolitik ist nicht meine Politik. Umschwenken nur für den Wahlkampf kam für mich aber nicht infrage, weil es nicht ehrlich gewesen wäre.» Was Wächter aber freut, ist, dass die JSVP im Aargau die Juso und die JFDP bezüglich Wähleranteile überholt hat.

Politisch wird er weiter aktiv sein, auch wenn sein Gemeinderats-Mandat Ende Dezember endet, weil Brugg mit Schinznach-Bad fusioniert. Einerseits wird er sich parteiintern weiter engagieren und andererseits kann er sich eine Kandidatur für den Grossen Rat vorstellen. Auch die nächsten Einwohnerratswahlen in Brugg dürften ein Thema für ihn werden. Am freien Sitz in der Schulpflege in Brugg hat er Interesse bekundet. Das müsse aber noch mit der SVP-Ortspartei besprochen werden, hält Wächter fest.

Ambivalent ist das Fazit von Martin Brügger, SP. Einerseits freut er sich darüber, dass seine Partei im Aargau – im Gegensatz zum nationalen Trend – zulegen und den dritten Sitz ergattern konnte und sich in Brugg und Windisch als stärkste Partei etabliert hat. Andererseits wusste er bereits im Vorfeld der Wahlen, dass sein Listenplatz eine schwierige Ausgangslage bedeutet – insbesondere gegenüber Kandidierenden aus grösseren Bezirken.

Dennoch konnte sich Brügger vom 14. auf den 9. Platz vorkämpfen und holte 21'342 Stimmen. Damit landet er hinter den gewählten Irène Kälin (Grüne) und Beat Flach (GLP) auf dem dritten Platz im Bezirk. Dennoch ist er ob seines persönlichen Resultats enttäuscht. Es seien mehrere Gründe gewesen, die zu diesem Abschneiden geführt hätten. Einerseits die Ausgangslage mit dem Listenplatz, andererseits sei es zurzeit für männliche Politiker schwieriger geworden.

«Zudem haben die Jungwähler zugelegt, und die haben grün und jung gewählt», sagt Brügger. Als weiteren Grund führt er an, dass es schwierig sei, die politische Arbeit als Grossrat sichtbar zu machen. Auf Facebook zollt der 60-jährige Brugger allen Kandidierenden Respekt. Besonders jenen ab Listenplatz 10. «Sie allein wissen, was es bedeutet, sich im Wahlkampf zu engagieren mit geringen Aussichten auf ein bezahltes GA 1. Klasse nach Bern – und sie tragen trotzdem wesentlich zum Gesamtergebnis bei.» 

Insgesamt 20'585 Stimmen hat Titus Meier aus Brugg erhalten, der für die FDP ins Nationalratsrennen stieg. Ein Ergebnis, das seinen Erwartungen entspreche und mit dem er angesichts der Ausgangslage zufrieden sein könne, stellt er fest. Besonders freut er sich, dass ein grosser Teil der Stimmen – konkret waren es 3558 – aus dem Bezirk Brugg stammten.

«Das zeigt, wo meine Heimatbasis ist.» Es sei grundsätzlich eine spezielle Wahl gewesen, bei der die Themen Klima und Gleichstellung eine wichtige Rolle spielten, resümiert Meier. Zudem sei es grundsätzlich immer schwierig, als Kandidat aus einem kleineren Bezirk kantonsweit an die Spitze zu gelangen, sagt der 38-Jährige, der auf der FDP-Liste an vierter Position aufgeführt war.

Einige Kandidaten, ist er sich bewusst, verfügten über einen grösseren Bekanntheitsgrad im ganzen Kanton. Zudem sei ein Wahlkampf immer auch eine Frage der Ressourcen – sprich: von Zeit und Geld. Und hier hätten nicht alle gleich lange Spiesse.

Mit der Liste «DU – Die Unabhängigen» stieg Richard Fischer aus Brugg in den Wahlkampf. Der Wähleranteil von 0,3 Prozent sei für diese erst vor fünf Monaten gegründete Wertegemeinschaft ein Achtungserfolg, stellt der 69-Jährige fest.

Zu viele Kleinparteien, mutmasst er, hätten sich gegenseitig Wählerprozentanteile streitig gemacht. Aber: «Mit jungen Menschen politische Wertebrücken zu bauen und erste Samen zu pflanzen war für mich eine unschätzbar wertvolle Erfahrung!»

Zufrieden mit seinem Wahlergebnis ist auch Peter Haudenschild aus Brugg, der für das «Team 65+ – Die Aargauer Seniorenliste» ins Rennen ging und 3971 Stimmen erzielte. Er habe seinen dritten Listenplatz bequem halten und eine Diskussion über die Seniorenvertretung im Parlament vom Zaun reissen können, sagt der 72-Jährige.

Allerdings habe ihm ein eisiger Gegenwind von Jung und Alt entgegengeweht. «Der Aargau kann mit dem bedenklichen Demokratiedefizit nicht zufrieden sein, wenn nun neu 25 Prozent der aargauischen Stimmbevölkerung, die Senioren, nicht mehr in Bundesbern direkt vertreten sind», betont Haudenschild. Das sei ein gewaltiger Rückschritt – trotz der auf Anhieb ansehnlichen Stimmenzahl von über 40'000 für die Aargauer Seniorenliste.

Spitzenkandidat Maximilian Reimann habe mit über 13'000 Stimmen nur rund 600 Stimmen weniger erzielt als die knappest gewählte Nationalrätin, so Haudenschild. Die Senioren-Generation sei durchschnittlich noch nie so vermögend, gesund und langlebig gewesen wie heute, fährt Haudenschild fort.

Aber ihre laufenden Altersrenten seien in Gefahr «und sie werden in der Gesellschaft im Jugend- und Influencer-Wahn vorwiegend als Kostenfaktor und Gesundheitsproblem wahrgenommen».

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