Brugg
Schikane im Wohnhaus: Wenn durch die neuen Nachbarn das Leben zur Hölle wird

Eine Frau aus der Region Brugg schildert, wie die neue Nachbarin das Klima im Mehrfamilienhaus vergiftet.

Michael Hunziker
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Kenneth Nars

«Diese Situation macht mich fertig», sagt Manuela Hugentobler*. Sie habe kaum mehr eine ruhige Minute, müsse psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. «Ich frage mich manchmal selber, wie lange ich das noch durchstehe.»

Viele schöne Jahre hat Manuela Hugentobler im friedlichen Quartier verbracht im Mehrfamilienhaus in der idyllisch, aber doch unweit des Zentrums gelegenen Gemeinde. Bis in der Wohnung über ihr Christine* eingezogen ist. Diese ist mit ihren gut 30 Jahren deutlich jünger als sie. Kurz darauf hing ein erster Zettel an Manuela Hugentoblers Wohnungstüre – mit einer ziemlich dreisten Aufforderung, was sie gefälligst zu tun und zu unterlassen habe. In regelmässigen Abständen folgten weitere Zettel. Als Beweis nimmt sie einen aus ihrer Handtasche und legt ihn vor sich auf den Tisch.

Beschimpft und beleidigt

Manuela Hugentobler sitzt im Restaurant bei einem Kaffee und einem Glas Wasser. Sie ist eine gepflegte, elegant gekleidete Frau. Die edle Halskette und die leuchtend roten Fingernägel bilden einen schönen Kontrast zum weissen Pullover. Ihre Stimme beginnt leicht zu beben. Denn bei diesen unverschämten, schriftlichen Anweisungen zu ihrem Verhalten sei es nicht geblieben. Sie habe so manche Beleidigung über sich ergehen, so manche Beschimpfung und Frechheit ertragen müssen. Ihr sei vor die Füsse gespuckt worden und sie sei als «Drecksau» bezeichnet worden.

Auch Christines Kinder stehen ihrer Mutter offenbar in nichts nach. Es seien Kleinigkeiten, die sich kumulieren, sagt Manuela Hugentobler, und erwähnt den Abfall, der überall – auch im Briefkasten – liegenbleibt, die verschmutzte Waschmaschine oder die Nachtruhestörungen. Sie spricht von perfiden, «kleinen, miesen» Sticheleien. «Das ist Mobbing.»

Nachbarin Christine bezieht angeblich Sozialhilfe, ihre Kinder stammen aus verschiedenen Beziehungen. «Sie ist ein Problem in unserem Haus», sagt Manuela Hugentobler. «Sie vergiftet das ganze Klima.» Aber: «Solange die Miete bezahlt wird, kann ihr die Wohnung nicht gekündigt werden.» Der Wohnungseigentümer habe für die Anliegen der anderen Hausbewohner kein offenes Ohr.

Für Prozess fehlt die Kraft

Manuela Hugentobler fühlt sich alleine gelassen. Sie habe bereits verschiedene Institutionen um Rat gefragt. Aber solange nichts Gravierendes passiere, seien der Polizei die Hände gebunden. Und dazu, wer ihr damals die Luft aus den Autopneus liess, habe sie zwar eine Vermutung. Aber weil die Beweise fehlen, sah sie von einer Anzeige ab. Es hätte Aussage gegen Aussage gestanden, die Situation komplett eskalieren können. Einen Prozess anzustrengen wegen Rufschädigung, dafür fehle ihr die Kraft.

Manuela Hugentobler hat schon heute Angst vor Christines aktuellem Lebenspartner, «ein sehr unangenehmer Zeitgenosse». In dessen Gegenwart fühle sie sich ihres Lebens nicht sicher. Will sie ihre Wohnung verlassen, öffnet sie vorsichtig die Tür und lauscht zuerst, um sicherzugehen, dass sich niemand im Treppenhaus aufhält und sie niemandem begegnet. «Wer weiss, ob man da nicht plötzlich hinuntergeschubst wird.»

Die Beweggründe für Christines Verhalten kenne sie nicht, fährt Manuela Hugentobler fort. «Vielleicht ist es Neid?», fragt sie, mehr zu sich selber gewandt. Dass ihre Nachbarin angeblich Sozialhilfe beziehe, sei für Aussenstehende nicht ersichtlich. Christine verfüge über eine grosszügige Wohnung, die Kinder hätten moderne Velos und ebensolche Handys. «Und wir Idioten zahlen das alles», sagt sie und entschuldigt sich im gleichen Atemzug für ihre Wortwahl. «Ich habe eine solche Wut.» Sie habe gehört, erzählt sie weiter, dass Christine auch an ihren früheren Wohnorten über kurz oder lang Schwierigkeiten und Streitereien hatte und immer wieder umziehen musste.

Inzwischen beginnt sich Manuela Hugentobler selber mit dem Gedanken anzufreunden, sich eine neue Wohnung zu suchen – obwohl sie hier ihr vertrautes Umfeld hat. Aber: «Diese Geschichte überfordert mich, manchmal ist es mir nur noch ums Heulen», sagt sie. Sie wolle, fügt sie an, nicht noch einmal einen Herzanfall erleiden. «Ich muss etwas ändern, um meinen inneren Frieden zu finden.»

* Namen geändert

Bei ernsthaften Drohungen gegen Leib und Leben oder bei tätlichen Angriffen ist die Polizei zur Stelle

Der Umstand, dass im vorliegenden Fall eine Frau angeblich Sozialhilfe bezieht, ist sowohl für den Gemeindeschreiber der betroffenen Gemeinde als auch für den Kantonalen Sozialdienst (KSD) unerheblich. Ersterer verweist bei Problemen unter Nachbarn auf die entsprechenden Hausordnungen oder das Polizeireglement, das auf die Ruhbestimmungen aufmerksam macht. Der Kantonale Sozialdienst seinerseits habe keinen Auftrag zur Mediation oder Schlichtung von Streitereien zwischen Klienten und anderen Parteien, sagt Anja Kopetz, stellvertretende Leiterin Kommunikation beim kantonalen Departement Gesundheit und Soziales.

«Klienten sind grundsätzlich mündige Personen und selbst für sich und ihr Handeln verantwortlich.» Der KSD wie die Gemeinden seien in einem Mietverhältnis neben Mieter und Vermieter Drittparteien und hätten als solche keine Möglichkeit, auf allfällige Schwierigkeiten direkt einzuwirken. Für die Fallführung, Beratung und Ausrichtung der materiellen Hilfe seien gemäss dem kantonalen Gesetz die Gemeinden zuständig. Aber: «Kommt es zu Gewaltanwendung oder Drohungen, empfehlen wir, umgehend die Polizei einzuschalten», fügt Anja Kopetz an.

Sobald eine strafbare Handlung vorliege, sei es angezeigt, die Polizei zu benachrichtigen, bestätigt Heiner Hossli, Chef der Regionalpolizei (Repol) Brugg. «Zum Beispiel bei ernsthaften Drohungen gegen Leib und Leben oder tätlichen Angriffen mit Verletzungen.» Die Gründe, die zu Streitereien unter Nachbarn führen können, sind sehr unterschiedlich, stellt der Repol-Chef fest. Häufige Ursachen seien übermässige Lärmbelästigungen und das Nichteinhalten der Ruhezeiten. Als Stichworte nennt er Rasenmähen oder Hundegebell. Auch Fahrzeuge, die rücksichtslos abgestellt werden und zu Behinderungen führen, oder aber Pflanzen, die nicht zurückgeschnitten werden, lösen solche Streitigkeiten aus, weiss Hossli.

Grundsätzlich empfiehlt die Polizei bei Unstimmigkeiten, das Gespräch zu suchen und so die Probleme zu lösen. In Mietwohnungen müsse in einem weiteren Schritt die Verwaltung involviert werden. Auch wenn die Regionalpolizei Brugg zu diesem Bereich keine Statistik führe: Alles in allem halten sich solche Einsätze im Rahmen, fasst Hossli zusammen. (mhu)