«Ich habe umparkiert, weil ich Angst hatte», erklärte die Zeugin diese Woche in der Befragung durch Gerichtspräsidentin Chantale Imobersteg vor dem Bezirksgericht Brugg. «Ich hatte Angst wegen seines aggressiven Auftretens. Sein Reden und dass er auf mich zukam, machten mir Angst.»

Die junge Frau hatte – so die Anklage – als medizinische Notfallassistentin, zusammen mit einer Ärztin, einen Patienten besucht und dabei das Einsatzfahrzeug der Mobilen Ärzte AG vor dem Eingang einer grösseren Wohnüberbauung im Eigenamt abgestellt. Als sie sich zum Fahrzeug begab, um dort das Blut des Patienten zu analysieren, war der Beschuldigte aufgetaucht und hatte sie laut angesprochen.

Er sagte, dass sie hier nichts verloren hätte und hier nicht parkieren dürfe. Sie solle wegfahren. Es gehe auch nicht an, dass Ärzte aus dem Kanton Baselland hierherkommen würden. Dabei schritt er auf die junge Frau zu. Diese wich bis zur Fahrertür des Einsatzfahrzeugs zurück, bis der Abstand zwischen ihr und dem Beschuldigten weniger als eine Armlänge betrug. Die junge Frau sprang ins Auto und startete den Motor, um wegzufahren. Der Beschuldigte schrie herum und «ginggte» gegen das Auto.

Auf die Anzeige hin erhob die Staatsanwaltschaft Strafklage. Sie forderte, dass der selbst ernannte «Sheriff» wegen Nötigung zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 30 Franken sowie einer Busse von 300 Franken zu verurteilen sei. Das alles unter Kostenfolge.

Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit gestellt

Vor Gericht verhielt sich der Beschuldigte, ein stämmiger Mittfünfziger mit akkurater Gelfrisur und Migrationshintergrund, äusserst ungebührlich. Er fiel der Vorsitzenden ständig mit teils abstrusen Fragen und Einwendungen ins Wort. Auch schien ihm die Anwesenheit eines Pressevertreters überhaupt nicht zu behagen. «Dann sage ich nichts», meinte er jedenfalls. «Ich habe schon ausgesagt. Ich habe meine Aussagen schriftlich gemacht. Ich habe nichts zu sagen.»

Das Schweigen des Beschuldigten sollte allerdings nicht sehr lange andauern. Bei der Belehrung über seine Rechte meinte er zur Gerichtspräsidentin patzig: «Sie brauchen sich gar nicht anzustrengen.» Und bei der Frage nach den persönlichen Verhältnissen stiess er sich offensichtlich wieder an der Anwesenheit einer Drittperson. Auf den Hinweis der Vorsitzenden, dass Strafverhandlungen grundsätzlich öffentlich seien, dass aber ein Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit gestellt werden könnte, sprang er sozusagen auf diesen «Zug» auf. Er stellte Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Antrag wurde jedoch postwendend abgelehnt.

Zum Vorfall mit dem Notarzt-Einsatzfahrzeug meinte er: «Dort ist ein Parkverbot. Dort sind gelbe Kreuze am Boden. Ich habe gesagt, sie solle umparkieren.»

Gerichtspräsidentin erwog, die Polizei zu holen

Dann schien der Beschuldigte plötzlich zu explodieren. «Was soll das ganze Theater hier drin?», meinte er erregt, erhob sich und machte Anstalten, den Saal zu verlassen. Worauf die Gerichtspräsidentin fragte: «Soll ich die Polizei holen?»

Auch die Urteilsberatung schien dem Beschuldigten zu lange zu dauern. Er klopfte jedenfalls an die Tür des grossen Gerichtssaals und mahnte, dass der angegebene Zeitpunkt der Urteilseröffnung gekommen sei.

Das Gericht folgte im Wesentlichen den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Es reduzierte jedoch die Busse auf 150 Franken. Wie die Gerichtspräsidentin erklärte, seien die Aussagen der Zeugin glaubhaft. Die Intensität des Verhaltens des Beschuldigten sei für eine Nötigungshandlung gegeben. Am fraglichen Ort seien zwar gelbe Kreuze am Boden aufgemalt. Als Privatperson sei der Beschuldigte jedoch nicht befugt, Leute wegzuweisen. Das sei Aufgabe der Polizei.

«Es gibt keine Rechtfertigung für das Verhalten des Beschuldigten», erklärte Gerichtspräsidentin Imobersteg. «Die Strafe ist dem Verschulden, aber auch der finanziellen Situation des Beschuldigten angemessen.»