Windisch

Sie führt die einzige Apotheke im Ort – ein Mentor ermunterte sie zu diesem Schritt

Inhaberin und Apothekerin Sarah Ali liebt den direkten Kundenkontakt in ihrem Geschäft.

Inhaberin und Apothekerin Sarah Ali liebt den direkten Kundenkontakt in ihrem Geschäft.

Sarah Ali ist in Bagdad geboren, mit zwölf Jahren in die Schweiz gekommen und führt seit Anfang Jahr die einzige Apotheke in Windisch.

Als kleines Mädchen wollte Sarah Ali Astronautin werden. Sie liebte es, am Himmel den Mond und die Sterne zu beobachten. Selbst die Challenger-Katastrophe, als die US-Raumfähre am 28. Januar 1986 nur 73 Sekunden nach dem Start explodierte, schreckte sie nicht von ihrem Traumberuf ab. Sarah Ali war damals acht Jahre alt.

Aus der Frau mit den dunkelbraunen Augen wurde zwar keine Astronautin, ihre Faszination für Naturwissenschaften ist aber bis heute geblieben. Seit Anfang Jahr ist Sarah Ali Inhaberin und Geschäftsführerin der Vindonissa Rotpunkt Apotheke in Windisch. Mit diesem mutigen Schritt, als Apothekerin ein unabhängiges Unternehmen zu führen, hat sich die 41-Jährige zwar einen anderen, aber mindestens so grossen Berufswunsch erfüllt.

Über das Mikroskop in eine neue Welt eingetaucht

Sarah Ali war zwölf Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und den vier Brüdern von Algerien in die Schweiz kam. «Mit dem US-amerikanischen Boxer Muhammad Ali bin ich nicht verwandt», sagt die Apothekerin in Anspielung auf ihren Migrationshintergrund. Geboren ist sie in der irakischen Hauptstadt Bagdad, wo sie die ersten vier Lebensjahre verbrachte.

Es war während des ersten Golfkrieges, als die Familie den Irak verliess. «Wir haben uns immer dort niedergelassen, wo mein Vater als Chemie-Ingenieur mit Doktortitel eine Anstellung fand. Das war in der Forschung oft so. In der Schweiz wurde er an der ETH Zürich fündig», so Ali.

Eine Szene aus ihrer Kindheit ist ihr noch besonders präsent: Ihr älterer Bruder experimentierte mit dem Mikroskop, indem er das dünne Häutchen einer Knoblauchzehe präparierte. Begeistert zeigte er seiner Schwester, was er entdeckt hatte. Für Sarah Ali war es wie ein Eintauchen in eine neue Welt mit dem Farbenspektrum eines Regenbogens.

Als wissbegierige Jugendliche mit einem ausgeprägten Sprachentalent besuchte sie später die Bezirksschule in Klingnau. Während dieser Zeit schnupperte sie als medizinische Laborantin und als Krankenschwester. Der direkte Kontakt zu den Menschen gefiel ihr.

Sie wollte den Eltern nicht bis 30 auf der Tasche liegen

Um sich vorerst noch alle Optionen offen zu halten, besuchte sie die Kantonsschule Baden. Dann stand sie vor dem Entscheid, Medizin oder Pharmazie zu studieren. Mit einem Medizinstudium hätte sie erst mit etwa 30 Jahren ein vernünftiges Einkommen erzielt. So lange wollte sie ihren Eltern aber nicht mehr auf der Tasche liegen. Sarah Ali entschied sich für ein Pharmazie-Studium an der ETH Zürich.

Im dritten Jahr absolvierte sie ein Praktikum in einer Apotheke in Lausanne, wo sie auch Stellvertretungen übernehmen konnte. Da sie in Algerien gelebt hatte, war sie mit dem Französischen schon bestens vertraut. Neben ihrer Muttersprache Arabisch spricht die 41-Jährige auch Englisch und Italienisch sowie natürlich Deutsch und Schweizerdeutsch.

Nach ihrem ETH-Studienabschluss im Jahr 2004 kam Sarah Ali durch ihre Anstellung in der Olympia Rotpunkt Apotheke am Stauffacher in Zürich zum ersten Mal in Kontakt mit der Rotpunkt-Gruppierung. Das ist eine Gemeinschaft unabhängiger Apotheken, die für das Marketing und die Rotpunkt-Monatsaktionen zusammenspannt.

Danach, als sie von einer halbjährigen Reise zurückkam, war sie während sieben Jahren in der Dr. Andres Apotheke am Zürcher Stadelhofen angestellt. «Von Ruedi Andres wurde ich gefordert und gefördert. Er ist ein sehr guter Mentor und nahm mich in die Geschäftsleitung auf», erzählt Sarah Ali.

Abstecher ins Kantonsspital und in die Pharmaindustrie

Oft habe Ruedi Andres sie gefragt, wann sie eine Apotheke übernehmen werde. Die junge Apothekerin entwickelte zwar Herzblut für ihren Beruf, fühlte sich aber noch nicht bereit für einen eigenen Betrieb. Stattdessen entschied sie sich für einen knapp zweijährigen Abstecher in die Pharmaindustrie, wo sie als Medical Advisor in beratender Funktion zwischen Ärzten, Apothekern und Product Managern vermittelte.

Als Leiterin Risikomanagement war sie anschliessend am Kantonsspital Baden (KSB) tätig. Dort ging es darum, Prozesse so zu optimieren, damit sich die Patientensicherheit verbesserte. Sarah Ali vermisste aber den direkten Kontakt zu den Kunden immer mehr.

Im Jahr 2017 war die Zeit reif, zurück in eine Offizinapotheke zu gehen. Und in der TopPharm Vindonissa Apotheke in Windisch zeichnete sich ein Wechsel in der Geschäftsführung ab, weil Inhaberin Angelika Oleas kurz vor der Pensionierung stand. Die gebürtige Irakerin lebte sich im Team schnell ein, traf Abklärungen für die Geschäftsübernahme und deren Finanzierungen.

Wieder war Ruedi Andres von der Zürcher Apotheke ein ausgezeichneter Mentor. Andres ist Mitgründer und massgeblich am Aufbau der Rotpunkt Gruppierung beteiligt. Dank der Vitopha AG, einer Tochtergesellschaft der Rotpunkt Pharma AG, die jungen Apothekern bei Geschäftsübernahmen hilft, hat sich für Sarah Ali eine attraktive Finanzierungsmöglichkeit ergeben.

So wurde in Windisch aus der TopPharm eine Rotpunkt Apotheke mit den monatlich wechselnden Aktionen. «Die Kundschaft in unserer Apotheke schätzt die Monatsaktionen», erzählt die frisch gebackene Geschäftsführerin, die von ihrer Vorgängerin Angelika Oleas alle Angestellten übernommen hat.

Das vierzehnköpfige Team spricht – inklusive Arabisch, Persisch und Schweizerdeutsch – elf Sprachen. Sarah Ali ist es ein Anliegen, ihre Angestellten, darunter drei Lernende, ebenfalls so zu fördern, wie sie es bei Ruedi Andres erlebt hat. Sei es über Weiterbildungen oder das verantwortungsvolle Einbinden in organisatorische Prozesse. «Ich will das vorhandene Potenzial maximal aus jeder einzelnen Angestellten herausholen», sagt die neue Chefin.

«Die Wünsche unserer Kunden sollen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen werden.» Wenn die Leute online einkaufen, spüre man die Menschen nicht mehr. Sarah Ali ist deshalb auch regelmässig an der Front anzutreffen, weil sie mitbekommen will, wie es den Kunden geht. Die Geschäftsführerin ist zuversichtlich, dass mit dem vollen Einsatz von Menschen für die Gesundheit der Menschen, die Vindonissa Rotpunkt Apotheke, die es seit knapp 40 Jahren gibt, auch in 20 Jahren noch erfolgreich bestehen wird.

Sie war während zehn Jahren in der Feuerwehr

Mit ihren Apotheker-Kollegen, die zusammen die Notfall-Apotheke Süssbach in Brugg führen, steht Sarah Ali ebenfalls in Kontakt, um sich in geeigneter Form am Notfalldienst zu beteiligen. Die zielstrebige Geschäftsfrau nimmt ausserdem bei den Pharma-Betriebsassistentinnen Prüfungen ab. Von einer von diesen wird Sarah Ali künftig bei der Ausbildung der Lernenden tatkräftig unterstützt.

Während zehn Jahren engagierte sich Sarah Ali in der Feuerwehr, zuerst in Ennetbaden und nach der Fusion in Baden. Letztes Jahr hat sie damit aufgehört. Ausgleich zu ihrer anspruchsvollen Arbeit findet sie derzeit beim Yoga, Schneeschuhlaufen oder im Vereinsleben. In der 1916 gegründeten ETH Alumni Ortsgruppe Baden ist sie im Vorstand für die Neumitglieder zuständig. Mit ihrer offenen Art dürfte ihr auch diese Aufgabe bestens gelingen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1