Kühe aus Güllenlöchern zu bergen, das hat Stefan Hiltpold gekannt. Ein Rind aus einem rund sechs Meter tiefen Erdloch zu retten, war auch für den Feuerwehrkommandanten ein Novum. Bis Sonntagabend. «Wenn wir die Kuh lebendig rausbringen, werde ich ihr Götti», sagte er als er auf einer Weide in Habsburg auf die ungewöhnliche Szenerie stiess. Nach sechsstündigem Einsatz streichelte Hiltpold das Tier, während es wohlauf im Stall stand und Heu frass. Bauer Gerry Reutimann hat gegen die Patenschaft des Feuerwehrkommandanten nichts einzuwenden. «Wir stellen ihm gerne eine Urkunde aus, wenn er das Tier einmal monatlich auf der Weide besucht.» 

Um halb sechs ging bei der Feuerwehr Windisch-Habsburg-Hausen der Notruf ein. Ein Anwohner berichtete, er habe soeben beobachtet, wie eine Kuh in ein Erdloch gestürzt sei. Rund sechs Minuten später empfing Bäuerin Marina Boller die ausgerückten Rettungskräfte am Unglücksort.

Feuerwehr rettet trächtige Kuh vorm Ertrinken

In ein 6 Meter tiefes Loch stürzte „Belinda“ in Habsburg und drohte jämmerlich zu verenden. Mit stundenlangem Einsatz konnte sie die Feuerwehr retten.

Bauer Gerry Reutimann war bereits ins Loch gestiegen um die Kuh an einem Strick festzuhalten und sie vor dem Ertrinken zu bewahren. «Das Wasser stand der Kuh bis zu den Augen, zwischendurch hatte sie den Kopf unter Wasser», berichtet Hiltpold am Tag nach der verrückten Rettungsaktion. Reutimann bewies mit seinem Einstieg in die Tiefen, wie sehr er an seinen Tieren hängt. «Wenn der Körper Adrenalin ausschüttet, denkt man nicht so viel nach.» 

Ungefähr zweieinhalb Stunden harrte der Bauer mit Belinda im Erdloch aus. Dabei klammerte er sich auf einem Stein fest und beruhigte das schwimmende Rind. «Ich nahm ihren Kopf bei mir auf den Schoss und redete ihr gut zu», schildert Reutimann. Zwischenzeitlich habe Belinda ihm den Stein bei ihren Panikattacken streitig gemacht. «Sie versuchte hin und wieder aus dem Loch auszusteigen.»

Aus Doline wird ehemaliger Gipsabbau-Stollen

Um das trächtige Rind zu bergen, bot die Feuerwehr Windisch Unterstützung auf. «Das Loch wies eine Z-Form auf, der Kopf der Kuh war nur durch eine 40 Zentimeter breite Öffnung zu erkennen», berichtet der Kommandant.

Zunächst entschärften die Rettungskräfte das Loch bis zum Gewölbedurchgang mit einem Bagger. Erst diese Massnahme machte es möglich, das Rind Belinda zu bergen. Unter Anweisungen der Grosstierrettungsdienste Aargau und Zürich zog Bauer Reutimann sein Rind bei Abenddämmerung mit dem Bagger aus dem Erdloch. Belinda kam mit einer starken Unterkühlung und ein paar Schürfungen davon.

Das Erdloch an der Unteren Lättenstrasse brach im vergangenen Jahr zum wiederholten Mal auf. Damals sprach die Abteilung Grundwasser, Boden und Geologie vom kantonalen Departement BVU, von einer Doline. Pro Natura kaufte das Grundstück und und tat gegenüber der az im vergangenen Juli die Absicht kund, die angebliche Doline für Besichtigungen zugänglich zu machen.

Bei der Rettungsaktion vom Rind Belinda entdeckte Bauer Reutimann am Sonntagabend jedoch überraschendes. Als die Feuerwehr während dem Einsatz Wasser abpumpte erkannte Reutimann am Grund des Erdlochs gewölbekellerartige Strukturen und Holzbalken-Verstrebungen.

Johannes Jenny bestätigte am Montag diesen Befund. Der Geschäftsführer von Pro Natura besichtigte das Erdloch gemeinsam mit einer Kantonsarchäologin. Jenny stellte dabei fest, dass es sich beim Erdloch um einen ehemaligen Gipsabbau-Stollen und nicht um eine Doline handeln muss. Wie weitreichend das Stollen-Netz ist, will die Kantonsarchäologie abklären. Dass in Habsburg einst ein Gipswerk betrieben wurde, war allgemeinhin bekannt. Im Dorf kursieren Gerüchte, vor langer Zeit sei ein Pferd samt Wagen und zwei Menschen vom Erdloch verschlungen worden.

Obwohl keine Doline vorliegt, ist Jenny nicht enttäuscht: «Ich bin froh, ist die Kuh wohlauf. Und wenn etwas kulturhistorisch Interessantes zu Tage kommt ist dies auch gut.» Als Eigentümerin ist Pro Natura dafür verantwortlich, das Erdloch abzusichern. «Wir haben einen kindersicheren Zaun installiert und einen Bretterverschlag angebracht», sieht Jenny Pro Natura beim sonntäglichen Vorfall nicht in der Pflicht. Denn um die Sicherheit der Tiere habe der Pächter zu sorgen.

Belinda war nach der Bergung völlig erschöpft, wie Reutimann erzählt: «Als ich in der Nacht zu ihr ging legte sie ihren Kopf in meine Hände und schnarchte.»