Corona-Alltag im Aargau

«Uns Schweizern ging es lange Zeit gut» – Paul Liebi beobachtet, wie sich die Gesellschaft in Corona-Zeiten verändert

Paul Liebi sitzt oft im Gartenstuhl an der Bözbergstrasse.

Paul Liebi sitzt oft im Gartenstuhl an der Bözbergstrasse.

Paul Liebi lebt seit 87 Jahren auf der Bözberg-Passhöhe. Wie sich die Gesellschaft verändert, kann er vor dem Haus beobachten.

Einige Alpenpässe haben eine Statue auf der Passhöhe. Der Bözberg hat Paul Liebi. Viele kennen ihn vom Vorbeifahren. Denn sobald das Wetter es zulässt, sitzt der 87-Jährige in seinem Gartenstuhl neben dem Holzhaufen vor dem Haus und beobachtet den Verkehr. Das ist auch während der Coronakrise so. Die grosse Schweizer Fahne am Scheunentor und das im Brennholz eingesteckte Fähnchen dekorieren sein Zuhause nicht nur am 1. August, sondern das ganze Jahr. «Uns Schweizern ging es lange Zeit gut und vielen geht es noch immer gut», sagt der Bözberger. Vor allem die Jungen hätten jetzt Mühe, sich einzuschränken oder auf etwas zu verzichten. «Die Agenda musste immer voll sein. Freie Zeit gönnte sich kaum jemand.»

Liebi ist das jüngste von zehn Kindern und das einzige, das noch lebt. Die ersten fünf Monate seines Lebens verbrachte er in Effingen, seither lebt er im Bauernhaus auf der Bözberg-Passhöhe. Für ihn ist es jetzt eine Selbstverständlichkeit, sich an die Weisungen von Bund und Kanton zu halten. Er hat schon den Zweiten Weltkrieg sowie die Maul- und Klauenseuche miterlebt. Liebi ist zuversichtlich, dass er die Coronakrise gut überstehen wird. «Angst vor dem Virus habe ich nicht, aber vorsichtig muss man schon sein», sagt er. Während er im Gartenstuhl sitzend von früher erzählt, winken ihm Auto- und Lastwagenfahrer von der Passstrasse her. Paul Liebi winkt zurück und sagt: «Der Verkehr hat nun stark abgenommen.»

Das war vor der Eröffnung des Bözberg-Autobahntunnels im Jahr 1996 noch ganz anders. Damals fuhr der gesamte Verkehr zwischen Frick und Brugg  – oft sehr stockend – über den 569  Meter hohen Pass. Der ehemalige Landwirt war als Kantonsangestellter bis zur Autobahneröffnung während 26 Jahre für den Strassenunterhalt über den Bözberg zuständig. Auch da musste er auf vieles verzichten, denn die Winter waren streng und einen Stellvertreter hatte er nicht. «Ich machte die Arbeit zwar gerne, war aber auch oft der Löli, der beim Schneeräumen mit dem Traktor überall gleichzeitig gefragt war und immer dafür sorgte, dass der Rastplatz vor dem Wochenende sauber war.» Heute wundert er sich, wenn Kantonsangestellte zu viert unterwegs sind, der Abfall aber während Tagen am Strassenrand liegen bleibt.

Seit 62 Jahren ist Paul Liebi mit Vreni verheiratet: «Das ist ein enormes Glück, denn mit­einander geht alles besser.» Die beiden sind sehr dankbar für die grosse Unterstützung durch die beiden Söhne mit Anhang, wie aktuell beim Einkaufen. «Um meine Arbeitskleidung noch abzutragen, erledige ich während ein bis zwei Stunden pro Tag Holzarbeiten», sagt Paul Liebi mit einem Augenzwinkern.

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