Zwischen der Lernenden Lisa, 20, und ihrem 49-jährigen Arbeitskollegen Paolo (beide Namen geändert) kam es zu Umarmungen und Küssen an ihrem Arbeitsort in einem Aargauer Gartencenter. So viel ist unbestritten. Sie beschuldigt ihn aber der sexuellen Belästigung. Er bestreitet das, glaubt, dass sie Rache an ihm üben will, weil er nicht auf ihre Avancen eingestiegen ist. Welche Version stimmt? Dieser Frage musste kürzlich Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven am Bezirksgericht Brugg auf den Grund gehen.

Angefangen hatte die Geschichte mit Kuchen. Paolo, ein Portugiese, brachte eine Spezialität aus seiner Heimat mit zur Arbeit. Er verteilte das Gebäck an drei Arbeitskolleginnen, darunter Lisa. Nicht etwa, um diese herumzukriegen, wie er vor Gericht versichert. Er habe in Vergangenheit immer wieder Gebäck an die Mitarbeitenden verteilt.

Später traf er in einem Gang auf Lisa, wo diese am Pflanzengiessen war. Er fragte sie, ob das Gebäck geschmeckt habe. Sie sagte: «Sehr fein!» Sie umarmte ihn kurz und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. Das sei kollegial gemeint gewesen, sagt sie zu Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven. Paolo sagte zu seiner jungen Kollegin: «Das sieht der Chef nicht gerne. Treffen wir uns in der Mittagspause.»

Die Schilderungen gehen diametral auseinander

Bis hierhin stimmen die Ausführungen der Strafklägerin Lisa und des Beschuldigten Paolo einigermassen überein. Was aber in der Mittagspause geschah, da gehen die Schilderungen diametral auseinander. Fakt ist: Sie trafen sich in einer Remise. Fernab vor fremden Blicken. Lisa sagt, dass Paolo sie an sich gezogen, umarmt und dann geküsst habe. Der Zungenkuss habe «ein paar Sekunden» gedauert. Lisa gibt mit starrer Miene Auskunft, ihre Stimme ist leise, etwas brüchig. Sie ist ohne Anwalt vor Gericht erschienen. Von einem Zungenkuss ist in der Anklageschrift allerdings nicht die Rede. Darin steht: «Der Beschuldigte hat die Geschädigte an sich gezogen, mit seiner Hand ihren Rücken und ihr Gesäss angefasst, sie auf die Stirn und drei Mal auf den Hals geküsst sowie ihr einen Kuss auf den Mund gegeben.» Was ihr dabei durch den Kopf gegangen sei, will Kerkhoven von Lisa wissen. Sie erwidert: «Ich dachte, dass ich das nicht darf, dass mein Freund etwas dagegen hat.» Lisa sagt, dass sie Paolo nicht signalisiert hat, dass sie das nicht möchte. Am Ende des Kusses habe sie ihn von sich weggestossen. Angezeigt hat sie ihn, damit er solche Belästigungen sein lässt.

Damit die Gerichtspräsidentin Paolo befragen kann, braucht es einen Übersetzer. Das funktioniert zu Beginn schlecht. Die Ehefrau des Beschuldigten, die im Gerichtssaal anwesend ist, meldet sich ungefragt und korrigiert Wörter. Die Gerichtspräsidentin unterbricht. Anschliessend findet der Übersetzer den Tritt.

Und so kann Paolo, der mit engem Pullover und Jeans vor Gericht erschienen ist, seine Version erzählen. Demnach hatte Lisa immer wieder seine Aufmerksamkeit gesucht. «Vielleicht, weil ich so gut gebaut bin», sagt Paolo. In der Remise habe Lisa den körperlichen Kontakt gesucht. Sie habe ihn umarmt, einen Kuss auf die linke Halsseite gedrückt. Er habe dann den Kopf gedreht, worauf es zum Kuss auf die Lippen kam. Daraufhin habe sie den Kopf auf seine linke Schulter gelegt. «Es ging mir schlecht dabei. Ich habe ihr gesagt, dass ich Kinder und eine Frau habe», sagt Paolo. Lisa sei dann Mittagessen gegangen, er wenig später auch.

Die Aussagen der Strafklägerin seien widersprüchlich

Paolos Anwalt zerpflückt in seinem Plädoyer die Aussagen von Lisa. Diese seien widersprüchlich und ausweichend sowie von geringer Aussagequalität. Zudem sei die Initiative von der Strafklägerin ausgegangen und nicht von seinem Klienten. Er fordert den Freispruch für Paolo.

Nach kurzer Zeit fällt Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven das Urteil: Paolo wird freigesprochen. Aufgrund der unterschiedlichen Aussagen könne man nicht wissen, wer die Initiative für die körperliche Annäherung ergriff.