«Ich bin provoziert worden», erklärte die Beschuldigte vor Gericht. «Ich musste mich wehren.» Vorgeworfen wurde der jungen Frau üble Nachrede. Bei einer Verhandlung vor dem Friedensrichter, bei der es um die Rückzahlung eines Darlehens gegangen war, das sie einem Mann schuldete, mit dem sie einst eine Affäre gehabt hatte, soll sie diesen beschuldigt haben, ihr Auto zerkratzt und sie bedroht zu haben. Zudem soll sie ihren Kontrahenten als Drögeler betitelt haben.

Weil er sich in seiner Ehre verletzt fühlte, hatte der Mann Klage eingereicht. Die Staatsanwaltschaft wollte vorerst nicht auf die Klage eintreten, worauf der Mann Beschwerde erhob. Nachdem das Obergericht die Beschwerde gutgeheissen hatte, forderte die Staatsanwaltschaft, dass die Beschuldigte wegen übler Nachrede zu einer bedingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je 100 Franken sowie einer Busse von 300 Franken zu verurteilen sei.

Der Kontrahent goss ständig «Öl ins Feuer»

«Ich weiss nicht mehr, wer wem was an den Kopf geworfen hat», meinte der Friedensrichter als Zeuge vor Gericht. «Ich blende solche Sachen aus. Ich gehe auf einen Vergleich aus.» Immerhin sagte er, dass sich der Kontrahent der Beschuldigten gegenüber «eher aggressiv» verhalten und ständig «Öl ins Feuer gegossen» habe. Auf den Hinweis von Gerichtspräsident Sandro Rossi, dass die Beschuldigte ihre Äusserungen zurücknehmen könne, was sich auf das Strafmass auswirke, meinte der Verteidiger vorerst: «Meine Mandantin kann sich nicht vorstellen, etwas zurückzunehmen, weil es gegenseitige Beschuldigungen gegeben hat.»
Die Beschuldigte erklärte, dass sich der Kläger vor dem Friedensrichter «nicht so nett» verhalten habe. Sie habe nicht gewollt, dass er erfahre, wo sie arbeite und wie viel sie verdiene. «Er hat nicht akzeptiert, dass ich nichts mehr von ihm wissen will», sagte sie. Den Ausdruck «Drögeler» habe sie nicht verwendet. Sie habe nur von Drogenvergangenheit gesprochen. Zur Äusserung, dass der Kläger ihr Auto zerkratzt habe, musste sie einräumen, dass sie dazu nichts Konkretes in der Hand habe.

Am Schluss gibts weder Freispruch noch Strafe

Zur Beschuldigung, dass sie bedroht worden sei, sagte sie, dass der Kläger sie einmal in der Waschküche eingesperrt hätte und ihr – wenn sie jeweils spätabends mit dem Hund nach draussen gegangen sei – Vorhaltungen wegen ihres Sportwagens und ihres «guten Lebens» gemacht habe. Auf die Feststellung des Vorsitzenden, dass das wohl kaum als Drohungen betrachtet werden könne, entgegnete sie: «Er hat mir mal im Auto eine Ohrfeige gegeben.» Schliesslich zeigte sie sich bereit, ihre Äusserungen zurückzunehmen.

Der Verteidiger beantragte Freispruch. Allenfalls sei Umgang von einer Bestrafung zu nehmen. Die Forderung des Klägers auf eine Genugtuungssumme von 800 Franken sei abzuweisen. «Meines Erachtens kann nur ein Freispruch infrage kommen», betonte er. «Meine Mandantin ist massiv provoziert worden. Der Friedensrichter musste mehrmals daran erinnern, dass es bei der Verhandlung um eine Geldforderung gehe und nicht um eine Paartherapie.» Zudem sei der Kläger nicht gegenüber Drittpersonen verunglimpft worden, weshalb keine üble Nachrede vorliege, sondern höchstens Beschimpfung. «Eine Geldstrafe wäre völlig unverhältnismässig», so der Verteidiger. Das Gericht sprach die Beschuldigte zwar der üblen Nachrede schuldig, nahm aber Umgang von einer Bestrafung.

Die Genugtuungsforderung wurde abgewiesen. Die Beschuldigte muss die Kosten tragen. Der Tatbestand der üblen Nachrede sei erfüllt, erklärte der Vorsitzende. Bei den Äusserungen handle es sich nicht um blosse Verbalinjurien. Stossend an diesem Fall sei die einseitige Klage. Daher der Vorschlag an die Beschuldigte, ihre Äusserungen zurückzunehmen und gestützt darauf, der Verzicht auf eine Bestrafung.