Einwohnerrat

Wahl-Phänomen: Darum ist Windisch die linkste Aargauer Gemeinde

Die Windischer Sozialdemokraten sind im Dauerhoch: Am Wahlsonntag gewannen sie vier Sitze dazu. Ab der nächsten Legislatur stellen sie fast den halben Einwohnerrat – eine Suche nach Gründen.

In keinem anderen Aargauer Einwohnerrat hat die SP ab 2018 mehr Sitze inne als in Windisch. Mit 18 Sitzen (+4) stellen die Sozialdemokraten ab der nächsten Legislatur fast den halben Einwohnerrat (40 Mandate). Auf Anfrage der AZ äussern sich politische Vertreter aus Windisch und Politologe Mark Balsiger, gebürtiger Windischer, zur politischen Situation in Windisch. Es kristallisieren sich drei Bereiche heraus, welche die aktuellen politischen Ereignisse erklären: die Entwicklung der Gemeinde, der Wahlkampf sowie die Parteiensituation auf lokaler Ebene.

Das ist der neue Einwohnerrat von Windisch:

Dass die SP den engagiertesten Wahlkampf geführt hat, da sind sich alle einig. Geholfen hat dabei die grosse Liste mit 22 Kandidierenden. Mark Balsiger sagt: «Ein Vergleich passt: Wenn 22 Fischer mit ihren Booten in den Hallwilersee stechen und ihre Netze an 22 verschiedenen Orten auswerfen, ziehen sie mehr Fische aus dem Wasser als mit 8 oder 9 Netzen.»

Einen Grund für den Erfolg der SP sieht Martin Schibli, Präsident der EVP, in den engagierten Kandidaten. «Viele sind in den Quartiervereinen aktiv und geniessen einen hohen Bekanntheitsgrad.» Einen weiteren Aspekt erwähnt Marco Valetti, abtretender SVP-Fraktionspräsident: «Wenn man in Windisch wohnt und links wählen will, dann hat man keine andere Möglichkeit, als die SP zu wählen. Grüne oder Grünliberale gibt es bei uns nicht.» Hinzu komme, dass die bürgerlichen Parteien sich gegenseitig die Wähler und Kandidaten wegnehmen.

Der Präsident der FDP, Bruno Kaufmann, gibt zu bedenken, dass zwei Geschäfte zu einem – aus seiner Sicht «wahltechnisch unpassenden Zeitpunkt» – diskutiert wurden. Er spricht damit das Elektrizitätswerk-Referendum der SP, wo es um die Rechtsformänderung ging, sowie den Verkauf der Bossartschüür, die Gemeindeeigentum ist, an.

Partei deckt enorme Breite ab

Etwas anders sieht es der Windischer SP-Grossrat Dieter Egli: «Die SP kommuniziert konsequent und transparent.» Die Partei ziehe zudem auch immer die Bevölkerung in ihre Aktivitäten mit ein, zum Beispiel eben beim oben genannten Referendum. Dies deckt sich mit der Aussage von Politologe Balsiger, der meint, dass die SP in Windisch seit Langem eine «Wir»-Kultur etabliert habe. «Man unterstützt sich gegenseitig. Die Breite, die die Partei abdeckt, ist enorm. Und während andernorts die SP einen Jojo-Effekt durchlebt, legt sie in Windisch stetig zu. Das ist wirklich bemerkenswert.»

Etwas selber an der Nase nehmen müssen sich die anderen Parteien. Schibli findet, dass die bürgerlichen Parteien wenig Wahlkampf betrieben hätten und schlecht aufgetreten seien. Susanne Keller, Präsidentin der CVP, lässt diesen Vorwurf nicht gelten: «Die CVP hat sich beachtlich engagiert und die Mitglieder haben in den Gremien hervorragende Arbeit geleistet.» Den Wahlkampf hätten die Kandidaten und die Partei mit grossem Einsatz geführt. Kaufmann von der FDP übt hingegen durchaus Selbstkritik: «Wir müssen neidlos eingestehen, dass die SP einen besseren Wahlkampf gemacht hat. Die FDP hat ihre Argumente zu wenig gut verkauft.» Marco Valetti meint: «Hätten noch nationale Abstimmungen stattgefunden, wäre das Resultat nicht ganz so zugunsten der SP ausgefallen.»

Die Erfolge der SP sind auch auf die Entwicklung innerhalb der Gemeinde Windisch zurückzuführen. Valetti sagt: «Die SP war in Windisch schon immer stark.» Und Kaufmann: «Unterwindisch ist links dominiert.» In den Worten von Egli ausgedrückt: «Windisch war wohl schon immer etwas urbaner als die meisten Gemeinden im übrigen Bezirk.» Und: Die Urbanisierung habe in den letzten Jahren nicht explizit zugenommen. Aber der neue Wohnraum habe sicher eher progressivere und weniger traditionelle Wählerinnen und Wähler angezogen.

SVP-Frau an der Spitze

Balsiger meint: «Man wird es nicht gerne hören, aber: Windisch ist faktisch ein Vorort von Zürich geworden.» Die Wohnlage sei attraktiv, hier könne man sich noch eher eine Eigentumswohnung leisten. «Deswegen sind Leute zugezogen, die pädagogischen und kreativen Berufen nachgehen und zum oberen Mittelstand gehören. Sie verorten sich links der Mitte – nebst der SP gibt es für sie unter den Parteien schlicht kein attraktiveres Angebot.» Den Turnaround würden die anderen Parteien nur mit viel Zeit und Energie schaffen, was oft nicht kompatibel sei mit Beruf und Familie. «Es braucht ein paar Mitglieder, die sich auf einen gemeinsamen Weg einschwören.»

Übrigens: Auch wenn die SP im Einwohnerrat einen Wähleranteil von 45% hat, der Gemeinderat ist nach wie vor bürgerlich – mit Heidi Ammon steht sogar eine SVP-Frau an der Spitze. «Die Polarisierung ist nicht ausgeprägt – zum Glück», sagt Balsiger. «Die meisten Akteure wissen, dass es nur gemeinsam und pragmatisch geht. Ich wünschte dem Aargauer Grossen Rat mehr von dieser Windischer Polit-Kultur.»

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