Bremgarten

40-jähriger Pole ertrunken: Wer hier in der Reuss schwimmt, riskiert sein Leben

Würden Sie hier schwimmen gehen? Die turbulente Reuss oberhalb der historischen Holzbrücke

Würden Sie hier schwimmen gehen? Die turbulente Reuss oberhalb der historischen Holzbrücke

Ein 40-Jähriger bezahlte sein Bad in der Reuss zwischen Fussgänger- und historischer Holzbrücke mit dem Leben. Immer wieder gehen Flussschwimmer in jenem Bereich der Reuss grosse Risiken ein. Eine Nachfrage bei Stadt und Kraftwerk zeigt, wie gefährlich das Schwimmen dort wirklich ist.

Die heissen Temperaturen treiben derzeit Tausende Schweizerinnen und Schweizer ins Wasser. Dabei suchen die Hitzegeplagten nicht nur in Freibädern und an Seen nach Abkühlung, sondern auch in den fliessenden Gewässern der Region. So etwa in den Windungen der Reussschlaufe bei Bremgarten, die derzeit von Menschen auf Schlauchbooten, farbenfrohen Gummi-Flamingos und anderen Luftmatratzen in Beschlag genommen wird.

Auch Schwimmer, die sich ohne Schwimmhilfe in die Wogen stürzen sind ein häufiges Bild dieser Tage. Die Mehrheit von ihnen steigt beim Hexenturm oder auf der kleinen Kraftwerkinsel unterhalb der historischen Holzbrücke ins Wasser und verlässt den Fluss bei der Militärwiese wieder. Ein 40-jähriger Mann wählte am Sonntag einen anderen Einstieg in die Reuss – und bezahlte seine Entscheidung mit dem Leben.

Zusammen mit seinem Bruder begab sich der Pole bei der Fussgängerbrücke Isenlauf ins Wasser. Im Bereich der Holzbrücke ging der Mann schliesslich unter und trieb leblos flussabwärts. Durch das selbstlose Handeln eines Familienvaters konnte der Mann aus dem Wasser gerettet werden. Trotz sofortiger Reanimierung durch die Rettungskräfte verstarb der Männer am darauffolgenden Dienstag im Spital. 

Turbulente Strömungen

Immer wieder steigen Schwimmer oberhalb der Holzbrücke in die Reuss und gehen damit grosse Risiken ein. Wie gefährlich das Bad dort ist, weiss Marcel Bieri. Er ist Betriebsleiter des Wasserkraftwerks Bremgarten-Zufikon und kennt die Tücken jenes Bereichs der Reuss gut.

Insbesondere gefährlich seien die beiden Streichwehre, die oberhalb der Holzbrücke für eine Entlastung des Flusswassers sorgen. «Bei niedrigem Wasserstand», erklärt Marcel Bieri, «liegen die Überlaufschwellen der Streichwehre nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche. Vor allem bei hohem Wasserstand kann das Überströmen der Wehre für Schwimmer gefährlich werden.» Das altstadtseitig gelegene Wehr ist überdies rund 200 Meter lang und im Bereich nach der Holzbrücke zusätzlich betoniert. «Dort sammelt sich zum Teil Treibholz, das eine weitere Gefahr für die Flussschwimmer darstellt», so Bieri.

Rettung aus Reuss in Bremgarten

Rettung aus Reuss in Bremgarten (Beitrag vom 30. Juni 2019)

In Bremgarten kam es am Sonntagnachmittag zu dramatischen Szenen. Passanten zogen einen bewusstlosen Mann aus der Reuss.

Weitere Risiken für Reussbadende birgt das Obere Wehr, das auch Fällbaum genannt wird. Der Fällbaum ist im Winter geschlossen, staut das Wasser und leitet es über die seitlichen Wehre ab, wo es für die Energiegewinnung genutzt wird. Im Sommer wird der Fällbaum hingegen geöffnet und zieht seit je her viele Kajakfahrer an. Für Schwimmer ist aber auch dieser Bereich der Reuss zu gefährlich.

«Gerade bei hohem Pegelstand», erklärt Bieri, «fliessen über den Fällbaum grosse Wassermengen in den unteren Flusslauf und sorgen dort für turbulente Strömungen.» Ebenfalls sei dort seit etwa einem halben Jahr temporär eine Eisenstange mit einem Sensor, der die Flusspegel misst, montiert.

Nach Schleuse 12 Meter in die Tiefe

Schlussendlich birgt auch das linksseitig liegende Wasserkraftwerk bei der historischen Holzbrücke ein Risiko. Flussschwimmer könnten dort in den Einlaufkanal geraten und im Rechen vor der Turbine hängenbleiben.

Beim Wasserkraftwerk Bremgarten-Zufikon wurden sogar schon Leute beobachtet, die im Oberwasser des grossen Wasserkraftwerks weiter flussaufwärts trotz Schwimmverbot gebadet haben. Ebenfalls keine gute Idee, wie der Betriebsleiter festhält: «Dort kann sich jederzeit eine Schleuse öffnen. Wird man dann mit der starken Strömung durch das Wehr gezogen, geht es dahinter 10 bis 12 Meter in die Tiefe.» Überhaupt soll in der Nähe von Wasserkraftwerken nicht geschwommen werden, wie Bieri abschliessend sagt.

Rettungsringe abgeschafft

Auch bei der Stadt Bremgarten ist der turbulente Flussabschnitt zwischen Fussgängerbrücke und Holzbrücke ein Thema. Mit der Sanierung der Reusspromenade, die 2009 fertiggestellt wurde, habe man das Baden in der Reuss zwischen dem Staudamm des Kraftwerks und der Fussgängerbrücke gefördert, wie Stefano Righetti, Bereichsleiter Tiefbau bei der Stadt auf Anfrage erklärt.

«Mit der Eröffnung der Promenade hat die Stadt mehrere Rettungsringe entlang der Reuss bereitgestellt», so Righetti. Diese seien allerdings von Vandalen immer wieder mal in die Reuss geworfen werden, sodass man schliesslich auf sie verzichtet habe.

Gegen die bei hohem Wasserpegel starken Strömungen würden auch die von der Stadt gefällten Raubäume helfen, die für ruhigere Rückzugsorte für Fische sorgen sollen. Mit weiteren Schildern auf die Gefahren des Reussabschnitts aufmerksam zu machen, sei derzeit kein Thema bei der Stadtverwaltung. Schliesslich ragt bei der Uferböschung gegenüber der pittoresken Altstadtfront bereits ein grosses Schild mit der Aufschrift «Lebensgefahr». Man muss es halt einfach auch beachten.

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