Zufikon

Aargauer Start-up will den Fleischmarkt aufmischen – mit Heuschrecken und einer neuen Erfindung

Das Zufiker Unternehmen SmartBreed hat sich zum Ziel gesetzt, zehn Prozent des Schweizer Proteinbedarfs mit Heuschrecken zu decken. Eine neue Zuchtbox soll dabei helfen.

Christoph Bertschi öffnet die Tür zu seinem Elternhaus in Zufikon. Dort wuchs er zusammen mit seinen zwei Brüdern Adrian und Patrik auf. Inzwischen leben sie nicht mehr zu Hause, kommen aber regelmässig zu Besuch. Aber nicht nur wegen ihrer Eltern, nein. Im Keller des Hauses züchten die drei Brüder und ihr Freund, Reto Vogt, Heuschrecken.

Mit dieser Heuschreckenzucht haben sie sich selbstständig gemacht. Genauer: Mit den Boxen, die die vier eigens für die Zucht der Insekten entwickelt haben. Christoph Bertschi hat einen Masterabschluss in Banking and Finance, seine Brüder studieren an der ETH und der HSG. Bertschi präsentiert ihr Unternehmen SmartBreed als CEO. Auf dem Küchentisch steht sein Laptop. Darauf zeigt er einige Bilder: Tokyo heute und Tokyo vor über 70 Jahren, Singapur heute und vor 45 Jahren, Seoul heute und vor 60 Jahren. Im Vergleich fällt natürlich auf, dass diese Städte quasi explodiert sind. «Die Bevölkerung wächst», sagt Christoph Bertschi. «Und die Proteinnachfrage wird sich bis ins Jahr 2050 verdoppeln. Doch: Woher nehmen wir das zusätzliche Wasser oder die Anbau- und Nutzfläche für die Fleischproduktion? Wie regeln wir das, mit den dabei ausgestossenen Treibhausgasen?»

Preis senken und Heuschrecken etablieren

Bertschi hat die Antwort: Heuschrecken. «Die Insekten verbrauchen 2000 Mal weniger Wasser als Rindfleisch, 16 Mal weniger Nutzfläche, 13 Mal weniger Nahrung und verursachen keinen Methanausstoss», sagt er. «Und das ist noch nicht alles: Als Schwarmtier sind sie für die Massenzucht geeignet, sind neutral in Geruch und Geschmack und haben einen sehr hohen Proteingehalt.»

Die Fakten, die Christoph Bertschi aufzählt, sind eigentlich nichts Neues. Es ist bekannt, dass Heuschrecken die bessere Alternative zu Fleisch sind. Was ist also das Spezielle an SmartBreed? «Wir wollen künftig zehn Prozent des Proteinbedarfs in der Schweiz mit Heuschrecken decken», sagt Bertschi. Und wie will er das schaffen? «Noch ist die Heuschreckenzucht eine sehr aufwendige Angelegenheit, bedarf vieler Handarbeit. Deswegen sind Heuschreckenprodukte so teuer.» Das Jungunternehmen will den Preis senken und damit Heuschrecken als attraktives Nahrungsmittel im Schweizer Markt verankern. Und nochmals die Frage: Wie will das SmartBreed das schaffen? «Wir haben eine Zuchtbox entwickelt, die automatisiert ist. Sie ist mit Sensoren ausgestattet, die zum Beispiel die Temperatur oder das Licht anpassen können, die Box wird automatisch gereinigt und auch das Füttern der Tiere ist automatisiert.» Damit bliebe viel Arbeit erspart, der Ertrag sei grösser und die Insekten wären weniger gestresst, als wenn stets jemand in die Box fassen würde. Wie so eine Box genau aussieht und was sie tatsächlich alles kann, ist noch geheim. Die Jungunternehmer lassen ihre Idee gerade patentieren.

Die Katze der Familie mag die Proteinquellen

Christoph Bertschi steht auf, verschwindet kurz, und kommt mit einer blauen Tupperware-Box zurück. Darin liegen zig gefrorene Heuschrecken, die Insekten sind etwa zehn Zentimeter gross, haben gemusterte Flügel und lange, dünne Beinchen. «Die Heuschrecken wurden durchs Einfrieren getötet. Dabei fahren die Insekten ihren Stoffwechsel langsam herunter, so wie sie es auch in der Natur machen würden. Nur mit dem Unterschied, dass es viel kälter wird», sagt Bertschi. «Andere Züchter töten die Tiere auch durchs Übergiessen mit heissem Wasser.»

Während für verschiedene Kulturen der Verzehr der Insekten etwas natürliches, alltägliches ist, gruselt und ekelt es in den hiesigen Breitenkreisen immer noch viele Menschen. «Ich bin mir sicher, dass sich das ändern wird», sagt Bertschi. «Heuschrecken sind geschmacksneutral. Ideal wäre es, Heuschreckenprodukte mit alltäglichen Nahrungsmitteln zu vermischen. Beispielsweise ein Brot mit Heuschreckenmehl oder ein Burger, der zur Hälfte aus Heuschrecken besteht.» Während Bertschi, seine Brüder und Eltern hin und wieder eine Heuschrecke verspeisen, erfreut sich auch die Katze des Haushalts regelmässig an den Insekten. Kurz nachdem Bertschi die Box mit den gefrorenen Heuschrecken gebracht hat, streift sie schon schnurrend um die Tischbeine.

«Irgendwann möchten wir davon leben können»

Vor über fünf Jahren sprachen die Brüder das erste Mal über die Konsequenzen des steigenden Proteinbedarfs in der Bevölkerung. Sie suchten nach Lösungen und kamen auf die Heuschrecke. Die Idee zur automatischen Zuchtbox entstand, dann ging sie wieder unter, wurde wieder aufgenommen – und vor gut einem Jahr wieder konkreter. Das Team tüftelte, besuchte Züchter, beobachtete und studierte die Heuschrecken. Heute kann Christoph Bertschi behaupten, dass SmartBreed die beste Version der vollautomatischen Zuchtbox entwickelt hat. Das Ziel der Jungunternehmer ist, bis Ende 2020 ihre Boxen zu verkaufen. Momentan laufen Tests im eigenen Keller und bei ausgewählten Kunden. «Irgendwann möchten wir davon leben können», sagt CEO Bertschi optimistisch.

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