Kallern

Abtretende Frau Gemeindeammann: «Einige Vorgaben sind sehr hinderlich»

Claudia Hoffmann war neun Jahre im Gemeinderat, davon acht als Frau Gemeindeammann von Kallern. zvg

Claudia Hoffmann war neun Jahre im Gemeinderat, davon acht als Frau Gemeindeammann von Kallern. zvg

Als Gemeindeammann von Kallern vertrat Claudia Hoffmann eine kleine Gemeinde. Aber sie war schnell eine gewichtige Stimme im Freiamt. Kommunikativ und kompetent engagierte sie sich über die Gemeinde hinaus für den Bezirk und die weitere Region – unter anderem als Vizepräsidentin der Hightech Zentrum Aargau AG, als Präsidentin Gewerbeverein Kelleramt und als Vorstandsmitglied beim Aargauischer Gewerbeverband.

Frau Hoffmann, würden Sie zu diesem Amt noch einmal Ja sagen, und wenn ja, weshalb vor allem?

Claudia Hoffmann: Auf jeden Fall, ohne jeglichen Zweifel. Es waren acht bereichernde Jahre, die mir viele neue Begegnungen ermöglicht haben. Die es mir erlaubten, viel Wissen über politische Zusammenhänge und Gemeindepolitik anzueignen. Sie zeigte aber auch die Grenzen des politischen Systems und des Zusammenspiels zwischen Bund und Kanton für uns Gemeinden auf – die Selbstbestimmung schwindet. Dank der Zeit als Gemeindeammann habe ich verschiedene Kontakte knüpfen können, die für mich sehr wertvoll und erfüllend waren. Als Gemeindebehörde und als Gemeindeammann ist die Möglichkeit gegeben, viel bewegen zu können und auch unmittelbar die Rückmeldung zu erhalten, ob ein Entscheid oder ein Vorhaben gut und förderlich für die Gemeinschaft ist und war. Näher lässt sich die direkte Demokratie wohl gar nie erfahren.

Was war das schönste oder prägendste Ereignis in Ihrer Amtszeit?

Ich habe kein spezifisches Ereignis – es ist die Gesamtheit aller Erlebnisse als Gemeindeammann. Was für mich aber immer sehr schön und wichtig war, sind die Gemeindeversammlungen gewesen. Zum einen galt es, die Geschäfte, die über eine längere Zeit gemeinsam mit den Ratskollegen vorbereitet wurden, überzeugend vorzustellen und die Zustimmung des Souveräns zu gewinnen. Zum anderen war es aber auch der Moment, wo wir direkt und unverblümt die Rückmeldung zu unserer Arbeit bekommen haben.

Ein Ereignis, natürlich nebst der Chilbi, die wir im 2016 feiern durften, ist mir doch in besonderer Erinnerung: Kallern hatte immer schon einen grossen Sandkasten beim Schulhaus, der aber halt immer mehr auch zum Katzenklo wurde. Der Gemeinderat wollte erst diesen Sandkasten, der doch ca. 12×5 Meter gross ist, aus Kostengründen zuschütten. Die Kinder haben sich dann gewehrt, und so kam die Idee auf, dass der Sandkasten gemeinsam ausgeräumt, neuer Sand eingefüllt und dann das ganze eingezäunt wird. An einem Wochenende wurden diese Arbeiten angepackt: Es wurden kleinere und grössere Maschinen aufgefahren, Familien kamen mit Eimer und Schaufel, und so war dann im Nu alles leer und der angelieferte neue Sand konnte wieder verteilt werden. Zum Abschluss gab es einen grossen Grillplausch. Das sind für mich Ereignisse, die typisch für Kallern sind: Es wird nicht erwartet, dass immer die Gemeinde oder der Gemeinderat aktiv werden und alles finanzieren muss. Sondern es wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht, angepackt und das Vorhaben ohne oder mit minimalen Kosten für die Gemeinde und die Bevölkerung umgesetzt.

Was hat Sie am meisten in Ihrer Amtszeit geärgert?

Auflagen seitens Kanton, die schlicht und ergreifend nicht nachvollziehbar sind und einfach nur den Anschein machen, dass sich gewisse Stellen rechtfertigen müssen. So ein Beispiel ist eine alte Deponie mit Hausschutt, die angeblich einen eingedolten Bach verschmutzen könnte. Gutachten besagten, dass von dieser Deponie keine Gefahr ausgeht – aber die zuständige Stelle liess nicht mit sich verhandeln, sondern beharrte auf ihrem Standpunkt. Das Ganze lässt sich nun wohl mit einer kostengünstigen Lösung umsetzen, Fördergelder können fliessen – aber sinnvoll ist und bleibt es nicht.

Welches Gesetz oder welche Vorschrift für Ihre Gemeinde hätten Sie im Laufe Ihrer Amtszeit gerne abgeschafft, wenn es in Ihrer Macht gelegen wäre?

Zum einen die zentrale Clearingstelle zur Abrechnung und Finanzierung der Pflegekosten. Diese Stelle trägt meines Erachtens weder zur Transparenz noch zur Vereinfachung in der Abrechnung zwischen Gemeinden und Institutionen der stationären oder ambulanten Pflege bei – beschäftigt aber eine wachsende Anzahl an Personen.

Zum anderen hätte ich das KiBeG (Kinderbetreuungsgesetzt), das am 5. Juni 2016 angenommen wurde, gerne wieder abgeschafft. Nicht, weil ich diesem keine Notwendigkeit abringen kann, aber die Umsetzung ist für die Gemeinden nicht einfach, weil es zu grosse Erwartungen bei Familien weckt. Der Gesetzestext ist aber so offen gestaltet, dass die Umsetzung für die Gemeinden eine grössere Herausforderung darstellt. Was aber leider dann wieder klar vorgegeben wird, sind die Vorgaben zur Anerkennung als Tagesmutter, welche im Rahmen des KiBeG gefordert sind. In einer Gemeinde wie Kallern, in der Mütter spontan diese Aufgaben übernehmen, sind diese Vorgaben sehr hinderlich.

Soll ein abtretender Gemeindeammann nach seiner Amtszeit weiter als Bürger politisieren oder besser im Hintergrund bleiben?

Das ist eine Frage, die wohl jeder für sich beantworten muss. Ich persönlich werde auf jeden Fall im Hintergrund bleiben wollen. Aber was mir wichtiger erscheint, ist die Tatsache, dass ein abtretender Gemeindeammann es in jedem Fall unterlassen muss, öffentlich Kritik an den Nachfolgern zu üben. Diese müssen und sollen ihren eigenen Stil in das Amt einbringen.

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