Kantonsschule Wohlen
Austauschschülerin aus Brasilien: Ein Jahr Reuss statt Copacabana

Die az hat eine Austauschschülerin aus Brasilien in der Kantonsschule Wohlen einen Tag lang begleitet. Wie es ihr in der Schule ergeht, warum sie ihren Freund eigentlich nicht daten dürfte und was sie an der Schweiz vermissen wird.

Nicola Imfeld
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Die Fächer Physik, Wirtschaft und Geschichte sind für Letícia Kreile aus Brasilien schwierig zu verstehen.

Die Fächer Physik, Wirtschaft und Geschichte sind für Letícia Kreile aus Brasilien schwierig zu verstehen.

Nicola Imfeld

Von Rio de Janeiro nach Bremgarten. Oder: Vom überfüllten Klassenzimmer in der 13-Millionen-Metropole in die organisierte Kantonsschule Wohlen im ländlichen Freiamt. Dieses Abenteuer hat die 18-jährige Letícia Kreile aus Brasilien gewagt, als sie im August 2016 in den Edelweiss-Flieger in Rio nach Zürich stieg. Sie nahm den umgekehrten Weg wie zahlreiche Kantonsschüler aus der ganzen Schweiz, die um etwa dieselbe Zeit über den Atlantik für ein Austauschjahr in die USA verreisten.

Letícia Kreile lebt seither in verschiedenen Gastfamilien in Bremgarten und besucht die zweite Klasse der Kantonsschule in Wohlen. Nicht nur das ruhige Reussstädtchen war für sie zu Beginn ein Kulturschock, sondern auch die neue Sprache. Vor ihrer Ankunft verstand sie kein einziges deutsches Wort. Ein knappes Jahr später sind die Fortschritte frappant: Unterdessen führt sie fliessende Gespräche und in ihren Wortschatz schleicht sich sogar Aargauer Dialekt ein.

Wäre es jedoch nach ihren Vorstellungen gegangen, würde sie nebst Portugiesisch, Spanisch und Englisch jetzt eine andere Sprache als Deutsch beherrschen: Französisch. «Eigentlich war Frankreich meine Traumdestination und nicht die Schweiz, denn ich kannte dieses Land gar nicht, höchstens vom Hörensagen», erzählt sie in der Mensa der Kanti Wohlen. Da ihre Organisation, «Rotary International», den Ort des Austauschs bestimmt, musste sie mit der Schweiz vorliebnehmen. Wobei sie dies nach rund zehn Monaten nun anders sieht: «Ich habe die Schweiz in mein Herz geschlossen und bin unendlich glücklich, dass ich hier sein darf. Es gäbe wohl kein besseres Land für ein solches Jahr.»

Kampf gegen ein Klischee

Es ist 10 Uhr morgens. Die Köche der Mensa halten wohl noch nicht einmal die Kochlöffel in den Händen, doch die Brasilianerin ist bereits in der Mittagspause. Ihre Klasse muss noch eine Doppelstunde Französisch überstehen, von der sie wie alle anderen Austauschschüler auch dispensiert ist. Sie erzählt gerne über ihre Zeit an der Kanti, ist selbstbewusst und erfüllt auf den ersten Blick viele der gängigsten Stereotype von Brasilianerinnen: Eine kurvige Figur, lange, braune Haare und ein herzliches, offenes Naturell. Während des Unterrichts spielt sie ständig mit ihren Haaren, und in den Pausen hat sie meist ein verschmitztes Lächeln aufgesetzt. «Wir Latinas sind halt so: glücklich und unbeschwert», sagt sie.

Andere Vorurteile, wie jenes, dass sie für Jungs leicht zu erobern sei, hätten sie während ihres Aufenthalts verärgert. «Nur weil einige meiner Landsleute so sind, kann man doch nicht mir ein solches Verhalten unterstellen.»

Nach der Mittagspause steht Physik auf dem Stundenplan. Nicht eines ihrer Lieblingsfächer, wie sie mit hochgezogenen Augenbrauen verdeutlicht. Während der 45 Minuten sitzt Kreile ruhig an ihrem Platz, schreibt konzentriert mit. Anders als ein Teil ihrer Klassenkameraden, die sich sehr auf die Sommerferien zu freuen scheinen und in Plauderlaune sind. «Viel verstanden von der Zentrifugalkraft habe ich nicht», sagt sie nach dem Unterricht. Das Problem sei nicht das Niveau – Kreile hat das Gymnasium in Brasilien bereits abgeschlossen – sondern die schwierige Sprache in diesem Fach.

Zu Beginn ihres Austauschjahrs habe sie jeweils die Lehrerinnen und Lehrer um Rat gefragt. «Aber ich bemerkte, dass ich damit eher die Klasse aufhielt, und meine Fragen deswegen nicht gerne beantwortet wurden.» Sie habe es so empfunden, dass sich die Lehrpersonen allgemein nicht wirklich um die Austauschschüler kümmern, da sie letztlich keine Prüfungen bestehen müssen und nach einem Jahr wieder weg seien.

Keine einfache Integration

Nach Physik geht es ins andere Gebäude für Deutsch – eine Sonderlektion für alle Austauschschüler der Kanti Wohlen. Die kommen aus aller Welt, beispielsweise aus Thailand, Australien oder Chile. Heute nimmt die Klasse «Wegbeschreibungen» am Beispiel der Stadt Bern durch. Kreile muss einem 16-jährigen Mexikaner mithilfe einer Karte den Weg vom Bärenplatz zur Zytglogge erklären. Nicht ganz einfach, aber letztlich hätte ihr Gspänli das Wahrzeichen wohl gefunden, hätte er aufmerksam den Worten seiner Banknachbarin gelauscht.

Die 18-Jährige blüht in diesem internationalen Umfeld auf, ist viel gesprächiger und nimmt aktiv am Unterricht teil. «Ich verstehe mich mit fast allen Austauschschülern hervorragend, weil wir dasselbe Schicksal teilen», sagt sie. Schweizer Freunde hingegen hat sie kaum. «Im ersten Monat konnte ich mich nicht verständigen. Und dass sich die Schüler immer auf Schweizerdeutsch unterhalten, machte es zu Beginn nicht einfacher.»

Erschwerend kam dazu, dass sich die Klasse untereinander bereits kannte und sie sich neu integrieren musste. Doch mit ihrem Sprachfortschritt hat sie sich auch mit der Klasse angefreundet und vier gute Freundinnen gefunden, mit denen sie an den Wochenenden ab und zu etwas unternimmt. «Wenn man die Sprache spricht, geht die Barriere auf», fasst sie den Prozess zusammen.

Kein Alkohol, kein Dating

Die drei letzten Lektionen an diesem Mittwochnachmittag scheinen die Brasilianerin wiederum kalt zu lassen. Während sich die Klasse in Geschichte mit der Französischen Revolution befasst, starrt sie – passend zu ihrem Fensterplatz – ins Leere und zeichnet ein Auge auf ein Arbeitspapier. Auch während der Wirtschaftslektion interessiert sie die imaginäre Familie Betschart, für die Kreile und ihr Banknachbar ein Budget erstellen sollten, herzlich wenig. Angesprochen darauf erklärt sie: «Zu Beginn habe ich jeweils versucht, mitzukommen, aber es ist sinnlos. Geschichtstexte und Wirtschaftsthemen sind sehr komplex, dafür reichen meine Sprachkenntnisse noch nicht.»

Von den Jungs in ihrer Klasse wird Letícia liebevoll «Litschi» genannt. Während des Unterrichts wird sie von ihnen wegen einer Party am Abend bearbeitet. Ob sie denn kommen möchte, fragt einer. «Das wäre ja quasi deine Abschlussparty», sagt ein anderer. Sie schüttelt den Kopf und vertröstet ihre Kameraden damit, dass sie ihre Gastmutter um Erlaubnis bitten müsse. Die Gastschüler von «Rotary International» haben sich nämlich an strenge Regeln zu halten: «Kein Alkoholkonsum, keine Drogen und kein Dating», zählt sie auf. Letzteres habe sie aber schon gebrochen, als sie ihren Freund in der Schweiz kennenlernte. Einen Engländer, der ebenfalls die Kanti Wohlen besucht und ein Kumpel ihres Gastbruders ist. «Das habe ich der Organisation gebeichtet und es war dann letztlich in Ordnung.»

Schweizer-Test mit fünf Begriffen:

Ein anderes Verbot von «Rotary International» bedauert sie jedoch noch viel mehr. Kreile, die fast jeden ihrer freien Tage für eine Reise in der Schweiz nutzt und wahrscheinlich mehr vom Land gesehen hat, als die meisten ihrer Klassenkameraden, seufzt: «Weil einige Austauschschüler vor Jahren in den Zügen Partys mit Alkohol gefeiert haben, wurde uns der Kauf eines Generalabonnements untersagt.»

Europatour vor Abreise

Nach der letzten Lektion geht sie mit Bus und Zug zurück nach Bremgarten. Anders als in Brasilien gehen die Kantischüler in der Schweiz nach dem Unterricht eher nach Hause, als noch einen Spaziergang oder einen gemeinsamen Barbesuch zu unternehmen. «Diese sozialen Erlebnisse vermisse ich nebst meiner Familie und meinen Freunden am meisten», sagt sie.

Die Alte Badi in Bremgarten ist ihr Lieblingsplätzchen.

Die Alte Badi in Bremgarten ist ihr Lieblingsplätzchen.

Nicola Imfeld

Kreile hat im letzten Herbst und im Frühling viel Zeit an der Reuss verbracht. «Das ist mein Lieblingsplätzchen», sagt sie und zeigt auf die Wiese der Alten Badi in Bremgarten. An der Schweiz werde sie vieles vermissen, «aber wenn ich etwas hervorheben kann, dann ist es die Sicherheit». In ihrer Heimatstadt Rio de Janeiro kann sie am Abend nicht auf die Strassen gehen, hier fühlt sich Kreile auch spät in der Nacht sicher.

Bevor sie am 14. Juli wieder in den Edelweiss-Flieger steigt, geht sie noch auf eine Europatour. In Brasilien möchte sie internationale Beziehungen studieren und irgendwann in einer Botschaft arbeiten. Am liebsten bei ihrem Freund in England oder sonst halt in der Schweiz.

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