Bremgarten

Autobillet am Hindukusch verschollen: Wie das Missgeschick der Mutter einen Asylbewerber vor Gericht brachte

Der Angeklagte wollte den Ausweis aus seinem Heimatland gegen einen schweizerischen Führerausweis umtauschen. (Symbolbild)

Der Angeklagte wollte den Ausweis aus seinem Heimatland gegen einen schweizerischen Führerausweis umtauschen. (Symbolbild)

Einem Asylbewerber wurde die Fälschung eines Führerausweises zur Last gelegt. Vom Bezirksgericht wurde er aber freigesprochen – seiner Mutter war in der Heimat ein Missgeschick passiert.

Der 35-jährige Zoran (Name geändert) verliess mit seiner Frau und den beiden Kindern seine Heimat am Hindukusch fluchtartig und musste seine persönlichen Ausweise im Haus seiner Eltern zurücklassen. Auch seinen Führerausweis, den er noch nicht lange besass. «Da ich mich vom Staat bedroht fühlte und mich verstecken musste, sind wir zuerst in eine andere Region gezogen. Da konnte ich nicht nochmals zurückkehren und die Ausweise holen», erzählte er vor dem Bezirksgericht in Bremgarten.

Nach 31 Tagen endete die Flucht in der Schweiz. Das war im Jahr 2015. Inzwischen hat sich die Familie im Freiamt sehr gut eingelebt. Zu seinem Bedauern darf Zoran noch keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Sobald dies der Fall sei, wäre es von Vorteil, wenn er Autofahren dürfte, machte ihn das Sozialamt darauf aufmerksam.

Ersatz-Führerausweis gefälscht

Kurzerhand schickte Zoran seinen Ersatz-Führerausweis, der ihm inzwischen von seinen Verwandten in der alten Heimat beschafft und in die Schweiz nachgeschickt worden war, ans Strassenverkehrsamt. Er war der Meinung, diesen Ausweis gegen einen schweizerischen Führerausweis umtauschen zu können. Doch beim Strassenverkehrsamt schöpfte man Verdacht und ersuchte den Kriminaltechnischen Dienst der Kantonspolizei Aargau um Prüfung des ausländischen Führerausweises. Und siehe da, das Dokument erwies sich als Nachahmung. Zoran erhielt von der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten einen Strafbefehl wegen Fälschung eines Ausweises. Dagegen erhob er Einsprache.

Zoran, der nun in der Schweiz vor Gericht auf der Anklagebank sass, kannte ja die ganze Zeit die Geschichte des Ersatz-Führerausweises nicht. Nachdem er sich mit seiner Familie in die Schweiz abgesetzt hatte, passierte seiner Mutter mit den in ihrem Haus aufbewahrten Dokumenten ein Missgeschick: Alle Ausweise und Papiere verbrannten aus Unachtsamkeit in der offenen Feuerstelle in der Küche, wo sie in einer Nische vor dem Zugriff der Polizei versteckt waren. Seine Verwandten schämten sich, Zoran vom Unglück zu erzählen, und bemühten sich stattdessen um einen Ersatz, der ihnen von der betreffenden Amtsstelle nach der Bezahlung von Schmiergeld schliesslich ausgehändigt wurde. Umgehend schickten sie den Ausweis ihrem Sohn in die Schweiz, der das Dokument nicht als Fälschung erkannte.

Gerichtspräsident Peter Turnherr wollte vom Angeklagten wissen, wie man in dessen Heimat einen Führerausweis erlangt. Er sei zuerst auf dem Land zu Hause gewesen, schilderte Zoran. Dort habe niemand einen Führerausweis gehabt. Erst nach dem Umzug in die Stadt war für ihn ein solches Dokument erforderlich, das ihm nach einer Woche schriftlichen und mündlichen Unterrichts sowie einer praktischen Fahrprüfung ausgehändigt worden war.

Die Geschichte des am Hindukusch verschollenen Führerausweises und dessen Ersatzbeschaffung war einleuchtend. Gerichtspräsident Turnherr sprach den Angeklagten von Schuld und Strafe frei.

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