Buchläden, Cafés, Bäckereien und jetzt auch der Blindalley – Wohlen gehen langsam die Lieblingsläden aus. Damit sind jene gemeint, die das Dorf einzigartig machen, deretwegen man auch von weiter her nach Wohlen kommt. Ab März müssen sich Skater, Snowboarder und Surfer, die teilweise von Zürich oder Zug, vor allem aber aus dem ganzen Freiamt an die Zentralstrasse in Wohlen gepilgert sind, einen neuen Shop suchen. Denn nach 18 Jahren machen Sven Gwerder (39) und Fabian Meier (42) ihren Laden dicht. Die Gründe sind einfach: «Vor allem die Konkurrenz aus dem Internet und die fehlende Laufkundschaft machen uns zu schaffen», erklärt Gwerder. «Wenn nur ein Drittel so viele Fussgänger wie Autos täglich die Zentralstrasse benützen würden, hätten wir vermutlich ausgesorgt.»

Meier fügt hinzu: «Wohlen ist zum ‹Lädele› einfach nicht mehr attraktiv.» Und wenn sich die Leute nur noch von ihnen beraten lassen und dann die Snowboards im Internet bestellen, mache das für sie keinen Sinn. «Darum ist das jetzt einfach ein Vernunftsentscheid.» Mit diesen Worten zeigt Gwerder, dass die beiden ewig jung gebliebenen Snowboarder eben doch erwachsen geworden sind. «Aber traurig sind wir nicht, sondern stolz und auch etwas überrascht, dass wir es so weit gebracht haben.»

Das glaubt man heute kaum

Was bleibt, sind Geschichten, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann. «Ich weiss noch, wem ich das allererste Snowboard verkauft habe, ich meine den ersten Kunden, der nicht einer meiner Freunde war», lacht Gwerder. «Es war ein Wohler Kantilehrer, der mit seiner Tochter in die Snowboardbörse kam. Damals hatten wir noch keine Heizung, und er sah nichts, weil seine Brille so angelaufen war im kalten Laden.» Das waren noch Zeiten. Meier weiss noch: «Ich habe in einem Snowboardshop in Saas-Fee gearbeitet. Sven hat mich jeweils angerufen, wenn ein Kunde ein Brett brauchte, und ich habe eines bereitgestellt.» – «Ja, und ich bin dann am Wochenende mit dem alten VW-Bus nach Saas-Fee gefahren, ging einen Tag snowboarden, lud das neue Brett ein und fuhr wieder zurück», fügt Gwerder kopfschüttelnd an, «und das fast jede Woche.»

Auf einmal merkten die beiden, dass sie ja eigentlich bereits selber einen Shop hatten. Sobald es J&S-Kurse für Snowboarder gab, liessen sich beide zum Leiter ausbilden. Nach seinem Job im Laden in Saas-Fee verbrachte Meier drei weitere Saisons als Snowboardlehrer im selben Skigebiet. «Ich fuhr aber immer an den Wochenenden nach Hause, um im Blindalley zu helfen.» Lohn gab es dafür jahrelang keinen, «aber das war auch nicht unser Ziel, wir wollten das Snowboarden voranbringen – und nebenbei günstiger zu Material kommen», grinsen sie heute.

Auch politische Kraft

Doch der Blindalley war über all die Jahre nicht nur Treffpunkt für Freunde oder anonymer Verkaufsladen, er hat etwas bewirkt: «Als der Einwohnerrat über den Skatepark Wohlen abstimmte, konnten wir gut 30 Skater mobilisieren, die mit uns die Strasse runter bis zum Casino skateten und an der Ratssitzung zeigten, dass Skater eben nicht alles Drogensüchtige sind, wie ein SVP-Politiker behauptete», so Meier.

Auch kulturell verliert Wohlen mit dem Blindalley: Er hat sich als Vorverkaufsstelle vom Sternensaal übers Zamba Loca bis zu Bez-Aufführungen etabliert. «Wir können die Reaktionen unserer Kunden auf unsere Ladenschliessung noch kaum fassen. Es ist schön, zu merken, wie sehr sie uns mögen.»

Doch was haben Sven Gwerder und Fabian Meier jetzt vor, nach einem halben Leben Blindalley? Der gelernte Lastwagenmechaniker Meier weiss es nicht, er will sich neu orientieren, vielleicht wieder Snowboardunterricht geben. Der frühere Elektromonteur Gwerder hingegen zügelt mit seiner Eifach GmbH vom Anbau in den Hauptladen. «Für den Anbau habe ich eine Idee, etwas ganz anderes.» Was das sein könnte, verrät er noch nicht. Erst wollen sie den Blindalley würdevoll verabschieden – ohne Schulden und mit 20 % Rabatt auf alles.