Niederwil

Bislang unbekannte Brandspuren in Aargauer Kloster – ein neuer Kriminalfall kommt ans Licht

Die Kantonsarchäologie entdeckte diese stark verkohlte Dachbalken im Westflügel des Klosters Gnadenthal.

Die Kantonsarchäologie entdeckte diese stark verkohlte Dachbalken im Westflügel des Klosters Gnadenthal.

Bekannt ist: 1432 und 1608 zerstörten Brände die Niederwiler Klosteranlage. Jetzt wird ein dritter Fall aufgerollt.

Während der Renovierungsarbeiten 2019 hat der Kantonsarchäologe Reto Bucher im Westflügel des Klosters Gnadenthal unbekannte Brandspuren gefunden. Eine Deckenkonstruktion weist starke Verrussungen und verkohlte Oberflächen auf. Die angekokelten Balken sind mit grösster Wahrscheinlichkeit Zeugnisse eines veritablen Kriminalfalls im Niederwiler Kloster.

Am 19. September 1564 haben ein paar Übeltäter versucht, das Kloster abzufackeln, indem sie an vier Stellen Feuer legten. Im Jahrzeitbuch des Gnadenthals, das im Archiv des Klosters Mehrerau zu finden ist, heisst es: «September 19. Anno Christi 1564, auf dissen Tag ist in disem Gottshaus feür ingleitt worden an vier Stetten, bey dem undern Keller, vor der Kuchi, auff der Stägen da man uff die Abbtey gaht, und bey dem offen huss [...].» Wer waren die Täter? Welche Motive stehen hinter der Tat? Man weiss es nicht genau. Auch das effektive Ausmass der angerichteten Schäden ist unbekannt. Erhalten geblieben sind aber bis heute die angekohlten Balken.

Der Auszug aus dem Jahrzeitbuch.

Der Auszug aus dem Jahrzeitbuch.

Nur das Gasthaus bleibt als Zeuge nach über 400 Jahren

Die vier Brandherde konzentrieren sich um den äusseren Hof. Der «under Keller» ist der bekannte Klosterkeller. Aus historischen Plänen kennt man auch die Küche und die Treppe, welche zur Abtei führte. Als letzten Tatort nennt das Jahrzeitbuch das «offen huss». Es muss sich dabei um das ehemalige Gästehaus handeln, das der Kantonsarchäologe als älteren «Kernbau» herauskristallisiert hat.

Ein Wirtshaus wurde im 16. Jahrhundert als «offen huss» bezeichnet. Und das Gästehaus des Klosters war ja auch ein Gasthaus. Es lag ausserhalb der Klausur und war damit für weltliche wie geistliche Besucher grundsätzlich «offen». Und hier – also im ehemaligen Gästehaus – sind deutliche Brandspuren an den Deckenbalken erhalten geblieben. Die brandgeschwärzte Decke mit den angekohlten Balken ist demzufolge mit grösster Wahrscheinlichkeit ein mehr als 400 Jahre altes Zeugnis eines bisher nie aufgeklärten Kriminalfalles.

Messerstecherei nur kurz vor dem Brand

Kurz vor dem Brandanschlag gerieten zwei Männer im Kloster wohl wegen Glaubensfragen in Streit. Beide haben «das Messer aufeinander gezukt», wie es in den Aufzeichnungen der Tagsatzung heisst. Dieser «fräffen» (Frevel) und «uffruor» (Aufruhr) sei den Nonnen «ganz beschwärlich vnd vnlydenlich» vorgekommen. Die Anordnungen der Tagsatzung sind denn auch heftig: Wer «im Kloster mit gewerter Hand» (also bewaffnet) «fräffnet», soll «zuo straf zwenzig guldin» Busse zahlen.

Im Kreuzgang werden 40 Gulden, in der Kirche sogar 80 Gulden als Strafe verhängt. Nur die Hälfte der Busse wird allerdings angeordnet bei Fällen, in denen keine Waffen im Spiel sind.

Offenbar befürchtete man weitere Konflikte im Zusammenhang mit der Glaubensspaltung. Und in der herrschenden Tagsatzung überwog damals die katholische Haltung.

Keine zehn Jahre später besuchte der oberste Generalabt des Zisterzienserordens aus dem fernen Burgund das Kloster Gnadenthal. Die Ergebnisse des Kontrollbesuchs wirken wie eine Reaktion auf die dokumentierten Ereignisse. Der Generalobere ordnete unter anderem an, dass die Klosterpforte immer bewacht und den ganzen Tag verschlossen bleiben müsse. Niemand dürfe ohne Erlaubnis der Äbtissin hereingelassen werden. Diese müsse den Schlüssel des Klosters und der Schlafräume auch nachts aufbewahren.

Zucht und Ordnung wurden im Kloster wieder hergestellt

War man im Vorfeld des Brandanschlags zu nachlässig mit der Sicherheit umgegangen? Und auch mit den Regeln des Ordens? Jedenfalls verlangte der Generalabt unter Androhung der Exkommunikation auch, dass die Nonnen immer den Ordenshabit tragen. Er verbot überdies unter Androhung der Kerkerstrafe – «sub poena carceris» –, dass ausser den nächsten Verwandten, dem Beichtvater und den notwendigen Arbeitern keine anderen Männer ins Kloster hereingelassen wurden. Zucht und Ordnung sollten also wieder hergestellt werden. Tatsächlich erlebte das Kloster bis Ende des 17. Jahrhunderts einen beachtlichen Aufschwung.

Meistgesehen

Artboard 1