Bremgarten
Selbst Zwingli setzte sich für Anna Bullinger ein – wer war die Bremgarterin? Ein historischer Roman gibt Antworten

Der Bremgarter Reformator Heinrich Bullinger ist vielen ein Begriff. Aber dass es seine Frau Anna war, die sich für die Mädchenbildung im Städtchen starkgemacht hat, weiss kaum noch jemand. Die im Muri-Amthof in Bremgarten aufgewachsene Catherine Meyer will das mit ihrem gut recherchierten historischen Roman «Beben über der Reuss» ändern.

Andrea Weibel
Drucken
Der Muri-Amthof (links) mit seinem markanten Turm, der viel jünger ist, als er aussieht, ist Dreh- und Angelpunkt im neuen, gut recherchierten historischen Roman über das Städtchen Bremgarten.

Der Muri-Amthof (links) mit seinem markanten Turm, der viel jünger ist, als er aussieht, ist Dreh- und Angelpunkt im neuen, gut recherchierten historischen Roman über das Städtchen Bremgarten.

Marc Ribolla

Er scheint das älteste Bauwerk auf Bremgartens Schoggiseite zu sein: der alte Turm des Muri-Amthofs. Doch er wurde erst vor rund 100 Jahren ans historische Gemäuer angebaut. Eine Geschichte, die immer wieder Anlass zum Lachen gibt. Dabei ist es nur eine von vielen. Im Muri-Amthof wohnten im Mittelalter die Äbte des Klosters Muri, wenn sie zu Besuch im Städtchen waren. Ausserdem wuchs hier Catherine Meyer auf.

Die heute 56-jährige im Kanton Solothurn wohnhafte Erwachsenenbildnerin schaudert es noch immer, wenn sie an einzelne Ecken im Muri-Amthof denkt. «Es ist schon ein wenig unheimlich da. Als jüngstes von vier Kindern habe ich immer so getan, als würde mir das nichts ausmachen. So zog ich auch allein in den gfürchigen zweiten Stock, als meine Schwester unser Zimmer für sich haben wollte», erinnert sich Meyer. Aber der dreistöckige Estrich, der Gewölbekeller und der Garten hätten auch unendliche Spielmöglichkeiten für die vier Kinder geboten, erzählt sie weiter.

Catherine Meyer ist im Muri-Amthof aufgewachsen und schrieb das Buch «Beben über der Reuss» über Anna Bullinger.

Catherine Meyer ist im Muri-Amthof aufgewachsen und schrieb das Buch «Beben über der Reuss» über Anna Bullinger.

zvg

Immer schon habe sie das Gebäude speziell wahrgenommen, das ihr Ururgrossvater gekauft und ihr Urgrossvater mit ebenjenem Turm «verschönert» hat. «Als Kind spürte ich die Spannung, als reformierte Familie in dem katholischen Haus zu leben. Auch wenn meine Eltern sagten, die Kapelle neben meinem Zimmer im zweiten Stock sei entweiht, weil sie dort reformiert geheiratet und uns haben taufen lassen. Aber ich spürte, da gäbe es viel Knatsch zu entdecken in dem Haus.»

Das ist der Grund, weshalb der Muri-Amthof zum Dreh- und Angelpunkt in ihrem allerersten Roman geworden ist. Dabei wollte sie ursprünglich gar nicht unbedingt einen Roman schreiben.

Es war Zeit, sich endlich dem Projekt Muri-Amthof zu widmen

Vor einigen Jahren ergaben sich für Meyer berufliche Veränderungen. Da merkte sie, dass es Zeit war, sich einem Projekt zu widmen, das sie schon sehr lange mit sich herumgetragen hat: die Recherchen über den Muri-Amthof.

Ein Blick in das Fürstenzimmer im Muri-Amthof. Für ein Kind war das ein recht unheimlicher Ort, erinnert sich die Autorin.

Ein Blick in das Fürstenzimmer im Muri-Amthof. Für ein Kind war das ein recht unheimlicher Ort, erinnert sich die Autorin.

zvg

«Anfangs wollte ich einfach Fakten. Ich war im Archiv des Klosters Muri, und auch mein Vater, der noch im Muri-Amthof lebt, hatte viel Spannendes aufbewahrt», erzählt sie. «Doch je mehr ich über die Figuren erfuhr, desto mehr begannen sie, zu mir zu sprechen. Nach etwa zwei Monaten merkte ich, dass das wohl einen Roman geben musste», fügt sie mit einem herzlichen Lächeln hinzu.

Ihr war wichtig: «Alle Personen im Buch gab es wirklich. Etwa 90 Prozent der Informationen sind belegbar. Nur die Begegnungen und Gespräche sind natürlich erfunden.» So können auch Bremgarterinnen und Bremgarter viel über die Vergangenheit ihres Städtchens lernen. Denn die Hauptfigur des Romans ist Anna Bullinger, Ehefrau des Bremgarter Reformators Heinrich Bullinger.

Die Autorin ist beeindruckt von der starken Frau im 16. Jahrhundert

«Von Anna Bullinger ist ein einziger Brief erhalten, den sie an ihren Sohn geschrieben hat. Daran sieht man, wie unwichtig die Erinnerungen an die Frauen waren, denn von ihrem Mann gibt es zehntausend Briefe», berichtet die Autorin in ihrem Basler Dialekt.

Im schönen Kellergewölbe des Muri-Amthofs hielt Catherine Meyer ihre erste Lesung ab. Das Buch ist am 11. Mai erschienen.

Im schönen Kellergewölbe des Muri-Amthofs hielt Catherine Meyer ihre erste Lesung ab. Das Buch ist am 11. Mai erschienen.

zvg

Dennoch ist belegt, dass Anna Bullinger in Bremgarten für die Mädchenbildung einstand. «Mich hat die Figur der Anna Bullinger so fasziniert, ich habe mich fast ein wenig in sie verliebt», gesteht Meyer. «Vor allem finde ich ihre Entwicklung spannend. Sie hat sich gegen den Rat ihrer Mutter für einige Jahre ins Kloster Oetenbach zurückgezogen.»

Die Mutter hatte Pläne für Anna. «Sie sollte einen reichen Katholiken heiraten, das war der grösste Wunsch ihrer Mutter.» Doch es kam anders: Anna wollte nicht nur einen Reformierten heiraten, sondern gleich einen der bekanntesten Reformatoren. «Es ist belegt, dass sogar der Zürcher Reformator Zwingli, ein Freund von Bullinger, mehrfach mit Annas Mutter geredet hat, um diese umzustimmen. Ohne Erfolg.»

Ein Detail aus dem Muri-Amthof: Der Tresor im elterlichen Schlafzimmer kommt im Buch auch vor.

Ein Detail aus dem Muri-Amthof: Der Tresor im elterlichen Schlafzimmer kommt im Buch auch vor.

zvg

Dennoch heiratete Anna ihren Heinrich und konnte Mädchen unterrichten: Lesen, Schreiben, Latein, vielleicht sogar Geschichte. «Das ist beeindruckend im 16. Jahrhundert», sagt Meyer. Doch sie will Anna nicht heroisieren: «Später gebar Anna elf Kinder und verlor die Mädchenbildung völlig aus den Augen. Sie war eben eine Frau ihrer Zeit.»

Es gibt mehrere Arten, den Roman zu lesen

Das Buch ist zweigleisig aufgebaut: Auf eingeschobenen, grau hinterlegten Seiten erzählt Catherine Meyer Teile der Geschichte ihrer eigenen Familie im Zusammenhang mit dem Muri-Amthof. Sie betont: «Es war nie mein Ziel, eine Autobiografie zu schreiben. Auch wenn natürlich viel Autobiografisches eingeflossen ist.»

Durch die grauen Seiten lässt sie es den Lesenden offen, wie sie das Buch lesen möchten. «Mir ist bewusst, dass es mit den zwei Zeitsträngen kompliziert werden kann. So kann man auch erst alle grauen Seiten und dann die weissen oder umgekehrt lesen», gibt sie schmunzelnd als Tipp.

So sieht Catherine Meyers erster historischer Roman aus.

So sieht Catherine Meyers erster historischer Roman aus.

zvg

Wird es eine Fortsetzung geben? «Ursprünglich wollte ich über jedes Jahrhundert einen Roman schreiben. Aber Recherchen und Überarbeitung nahmen fast fünf Jahre in Anspruch. Ich brauche eine Pause.» Aber es habe Spass gemacht. Und es habe sie auch ein Stück weit mit dem unheimlichen Muri-Amthof versöhnt.

«Beben über der Reuss», Catherine Meyer, Efef-Verlag. 331 Seiten.

Aktuelle Nachrichten