Kindheitserinnerungen

Dankbarkeit und ganz viel Chrömli – das bedeutet für Emil Wohler Weihnachten

Emil Wohler, 83, freut sich aufs Chrömle im Altersheim Bifang in Wohlen.

Emil Wohler, 83, freut sich aufs Chrömle im Altersheim Bifang in Wohlen.

Diese Woche erzählen in der AZ Freiamt jeden Tag Senioren von Weihnachten in ihrer Kindheit.

Ein antiker Tisch, eine antike Kommode, eine antike Standuhr und antike Sessel. Auf einem davon sitzt Emil Wohler. Der 83-Jährige wohnt seit drei Jahren im Altersheim Bifang in Wohlen. Vor ihm liegen drei alte Fotografien.

Eine zeigt ein kleines Kind auf den Armen eines Mannes: «Da war ich knapp einjährig», sagt Wohler. «Ich musste zu Pflegeeltern, weil meine Mutter an Tuberkulose erkrankt war und nach Davos zur Kur musste.» Die Pflegeeltern seien sehr lieb zu ihm gewesen, erzählt Wohler, der Pflegevater wollte stets seinen Sohn auch Emil nennen – bekam dann eine Tochter und taufte sie Emilie.

Nach der Krankheit seiner Mutter folgte ein nächster Schicksalsschlag für Emil Wohler: Als er dreieinhalbjährig war, erkrankte er an Kinderlähmung. «Zum Glück erkannte der Hausarzt die Situation sehr schnell und fuhr mich mit seinem Auto in die Klinik Balgrist.» Die Behandlung dort sei so gut gewesen, dass er ohne Folgeschäden nach einem Jahr aus dem Spital entlassen werden konnte.

Der eigene Chüngu landete auf dem Teller

Wohlers Erinnerungen an Weihnachten standen seither im Zeichen der Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass die Familienmitglieder alle gesund und zusammen feiern konnten. Das sei nicht in allen Familien selbstverständlich gewesen, sagt er.

«Tochter der Mieter über uns erkrankte auch an Polio, sie war bis zum Hals gelähmt.» Weihnachten, betont der Senior immer wieder, sei bei der Familie schön und bescheiden gefeiert worden. «Mit dem Vater habe ich immer eine Rottanne beim Förster gekauft. Mutter hat sie dann dekoriert und wir durften den Baum erst an Heiligabend sehen.»

Der Baum stand in der schönen Stube, dort, wo normalerweise nur Gäste empfangen und Feiertage zelebriert werden. «Der Baum war wunderschön», erinnert sich Wohler. Die Mutter schmückte ihn mit Kerzen, Kugeln, Engelshaar und ganz speziell: «Mit drei Vögeli aus Glas, die waren bunt und wertvoll, sie kamen aus Ostdeutschland.»

Emil Wohler, der als Maschinenverkäufer bei einer Niederwiler Firma arbeitete, hat in seinem Leben 38 Länder bereist. An Weihnachten hat er es jedoch immer zurück nach Wohlen geschafft. «Das war mir wichtig», sagt er. Auch sein Vater, der während des Zweiten Weltkriegs einen Grossteil seiner Zeit im Militär verbrachte, feierte Weihnachten stets zu Hause.

Höhepunkt für Wohler, der sich als Hobbykoch bezeichnet, war jeweils das Festmahl an Heiligabend. «Meine erste Erinnerung ans Weihnachtsessen ist, dass es einen Chüngu aus unserem Stall gab. Den habe ich aber nicht gegessen, weil ich selbst für ihn gesorgt habe.» Wohler schmunzelt.

Das vielleicht traumatische Erlebnis hielt den jungen Bub jedoch nicht von seiner Leidenschaft ab: «Im Alter von zehn Jahren habe ich das erste Weihnachtsessen selbst gekocht. Es gab Kalbsfleischpastete, Rollschinken und Härdöpfel und zum Dessert Chrömli und Glace.»

Die Chrömli, Wohler mag am liebsten Mailänderli, Zimtsterne, Chräbeli und Brunsli, hat er auch stets selbst gebacken. «300 Stück, ich stand zwei Tage in der Küche!» Helfen durfte ihm niemand, auch nicht beim Ausstechen. «Das wollte ich alleine machen», sagt er.

Volles Programm über die Weihnachtsfeiertage

Zur Bescherung legten die Eltern Emil Wohlers die Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Die Schwester spielte auf der Blockflöte. Danach ging es zur Mitternachtsmesse. Das Geschenk, das ihm bis heute in Erinnerung geblieben ist, war ein Aufziehauto. «Hauptsächlich haben wir aber Kleider bekommen, zum Beispiel einen guten Rollkragenpulli», sagt Wohler.

Auf Kinder, die mehr Geschenke bekommen haben als er, sei er nie eifersüchtig gewesen. «Die Familie war am wichtigsten für mich.» Das ist heute immer noch so. Wohler hat zwei Töchter, vier Enkel und drei Urenkel. Über die Weihnachtsfeiertage hat der 83-Jährige ein volles Programm: Er besucht die Töchter, die Enkel und Urenkel und den Ex-Schwiegersohn.

Weihnachten, das bedeutete für Emil Wohler auch immer Spielen und Schlitteln im Schnee: «Früher, als es noch keine Autos gab, konnten wir in Wohlen mit dem Schlitten von der Bremgartenstrasse runter bis zur Waltenschwilerstrasse fahren. Das waren fast zwei Kilometer!», erzählt er.

Die Liebe für den Schnee blieb erhalten, Emil Wohler fuhr 63 Jahre aktiv Ski. «Ich habe auch bei Rennen mitgemacht, einige Abfahrten sogar mit Ernst Hinterseer, dem erfolgreichen Skifahrer und Vater von Schlagerstar Hansi Hinterseer.»

Heute sieht Emil Wohler von seinem Zimmer im Altersheim Bifang aus die Berge, über hundert Gipfel hat er selbst erklommen. «Das macht mir Freude», sagt er. «Diese Woche fangen wir mit dem Chrömle an», fügt er hinzu – das ist eine seiner Lieblingsaufgaben.

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